Leben in einer Wirklichkeits-Doublette

Roman | Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze

Wilhelm Genazino, der am 22.01.2018 seinen 75. Geburtstag feierte, spricht im Rückblick über seine Schriftstellerlaufbahn von »einem konventionellen, langsamen bürgerlichen Aufstieg«.  2001 hatte Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett des ZDF die Werke des gebürtigen Mannheimes hochgelobt, drei Jahre später gab es den öffentlichen Ritterschlag durch die Verleihung des Georg-Büchner-Preises.Von PETER MOHR

Genazino-Geld Uhr MützeSeitdem erfreuen sich Genazinos zumeist schmale Romane über liebenswerte Außenseiter auch einer wachsenden Leserschaft. Jetzt ist sein neuer Roman ›Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze‹ erschienen.
Wie kaum anders zu erwarten, steht auch im neuen Werk eine Figur im Mittelpunkt, die in ihrem Leben die Kurve nicht richtig bekommen hat: »ein nicht mehr ganz junger Junggeselle«.  Erst Bibliothekar, dann als Wertpapierhändler und zum Schluss als Provinzredakteur hat er sich mit eher bescheidenem Erfolg durchs Berufsleben laviert. Auch privat hat eder Anfangsechziger sein Glück nicht gefunden, bekundet das Frauenbusen ihm immer noch eine »Grundorientierung« bieten und er sich in einem permanenten »Liebesbereitschaftsdienst« befindet. Zu solch einer disparaten, emotionalen Gemengelage passt es hevorragend, dass er seine Ex-Frau Sibylle wieder trifft und sie (warum auch immer?) einen Neuanfang starten.

Als erfahrener Genazino-Leser ahnt man, dass es der Beginn der nächsten Katastrophe ist. »Nach dem Fernsehen wollte Sibylle beischlafen, so dass ich dann und wann das Gefühl hatte, ich sei ein Teil des Fernsehprogramms geworden.« Glück klingt anders, und diesmal kommt es sogar knüppeldick, denn Sibylle verunglückt tödlich.

Der Protagonist befindet sich in einem Prozess des lebenslangen Scheiterns – zwischen Warten und Fliehen, zwischen Aufbruch und Resignation. Ein Zustand, den Genazino als »eine Art Wirklichkeitsdoublette« beschreibt.

»Das Scheitern beginnt, wenn ein Mensch die Menge dessen entdeckt, von dem er nie hatte etwas wissen wollen.« Ja, irgendwie sind alle Genazino-Protagonisten ähnlich strukturiert. Traurig bis melancholisch und mehr oder weniger stark gescheitert im bürgerlichen Alltag. Und doch erlebt man in jedem Genazino-Roman neue Facetten des Scheiterns – ganz nach dem Tolstoj-Motto: »Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.«

Es gibt aber auch kurze, dafür umso intensivere Glücksmomente. Die Hauptfigur lauscht mit großer Andacht und innerer Anteilnahme Gustav Mahlers »Ich bin der Welt abhanden gekommen« und bilanziert die »eigene Ratlosigkeit als eine Art Lebenskunst«.

Wilhelm Genazino lässt uns wieder mit einer Figur ziellos durch den Alltag flanieren und gewährt uns dabei einen tiefen Einblick in das Innenleben – nicht rabiat, sondern feinfühlig, nicht sezierend und urteilend, sondern lediglich beobachtend und dabei total entschleunigt, beinahe im Zeitlupentempo. Die große Kunst des Autors besteht auch darin, seine Protagonisten (trotz all ihrer Skurrilitäten) niemals der Lächerlichkeit preiszugeben. Stattdessen verliert er ihnen eine Heiterkeit des Unerträglichen. Es ist immer wieder faszinierend, wie Genazino mit leichter Hand zwischen Komödie und Tragödie changiert. »Kann man denn nicht lachend auch sehr ernsthaft sein?«, heißt es in Lessings Minna von Barnhelm. Ja, man kann. Genazino beweist es immer wieder aufs Neue.

| PETER MOHR

Titelangaben
Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze
München: Carl Hanser Verlag 2018
176 Seiten, 20 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Peter Mohr über Wilhelm Genazino in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zudecken, knuddeln, Liedchen singen, müde knutschen

Nächster Artikel

Siso Lazares erster Fall

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Auf Heimatsuche

Roman │ Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt Kann es für jemanden, der nirgendwo Akzeptanz findet, der nicht weiß, wie das gesellschaftliche Bild zu dem eigenen Selbstbild passt, der zu selbstreflektiert ist, um sich unter eine Maske zu begeben, möglich sein, eine Heimat zu finden? Diesen Fragen geht Olga Grjasnowa in ›Der Russe ist einer, der Birken liebt‹ nach. 2012 veröffentlichte die heute 31-Jährige ihren Debütroman und greift Themen auf, die an Aktualität keinen Deut verloren haben. TOBIAS KISLING über ein außergewöhnliches und deprimierendes Werk eines literarischen Nachwuchstalents. PDF erstellen

St.-Pauli-Nights

Krimi | Simone Buchholz: Blaue Nacht Als trinkfeste Staatsanwältin hat Chastity Riley in Simone Buchholz‘ Krimi Revolverherz (2008) einen brutalen Prostituiertenmörder auf dem Hamburger Kiez zur Strecke gebracht. Weil sie dabei nicht ganz regelkonform vorging und nebenbei auch noch ihren Vorgesetzten der Korruption überführte, hat man die unkonventionelle und beileibe nicht bei allen beliebte Halbamerikanerin danach vorsichtshalber zur Opferschutzbeauftragten gemacht. Als solche treffen wir sie nun wieder In Buchholz‘ aktuellem Buch Blaue Nacht. Doch weil zu jedem Opfer auch ein oder mehrere Täter gehören, stecken Chastity und ihre alten Freunde bald wieder bis zum Hals in Schwierigkeiten. Von DIETMAR JACOBSEN

Ein berückender Entwicklungsroman

Roman | Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten »Ich ziehe es vor, als Optimist zu leben und mich zu irren, denn als Pessimist zu leben und immer Recht zu haben.« – Der französische Autor Jean-Michel Guenassia debütiert als Romancier mit dem bereits in Frankreich preisgekrönten Roman Der Club der unverbesserlichen Optimisten. Eine gelungene Mischung aus französischem Charme und Intellektualismus mit einer Prise Kitsch und einer Spur Skurrilität – findet HUBERT HOLZMANN. PDF erstellen

Ich will mein eigener Freund sein

Roman | André Heller: Das Buch vom Süden »Es ist die Geschichte eines Menschen auf der Suche nach der angstlosesten Form seiner selbst.« Mit diesen Worten hat André Heller kürzlich seinen eigenen Roman Das Buch vom Süden, das soeben im Wiener Zsolnay erschienen ist, beschrieben. Mit nun fast 70 Jahren hat der Wiener Universalkünstler (Chansonnier, Theatermacher, Gartenkünstler, Entertainer und Feuerwerker) nach den Erzählungen Schlamassel (1993) und Wie ich lernte, bei mir selbst zu sein (2008) ein stark autobiografisches Sehnsuchtsbuch vorgelegt, eine pathetische Hymne auf das Unkonventionelle. Gelesen von PETER MOHR PDF erstellen

Kaputt in Hollywood

Roman | Stewart O´Nan: Westlich des Sunset Westlich des Sunset kann auch jenseits vom Paradies liegen. Kann Einsamkeit, Alkoholsucht, berufliches und familiäres Scheitern bedeuten. So wie in den letzten Lebensjahren des einst glamourösen amerikanischen Autors F. Scott Fitzgerald. Stewart O´Nan widmet sich in seinem neuen Roman wieder einmal minutiös genau dem menschlichen Scheitern, der Desillusionierung und dem torkelnden Sinkflug kurz vor dem Aufprall. Von INGEBORG JAISER PDF erstellen