/

Nicht zwischen den Stühlen

Menschen | Zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Georges-Arthur Goldschmidt am 2. Mai

»Ich wollte zeigen, was ich der Literatur an Freiheit, Selbständigkeit und an Lebensabenteuern verdanke«, hatte Georges-Arthur Goldschmidt vor zehn Jahren über seinen gerade erschienenen Essayband ›Die Faust im Mund‹ erklärt, in dem er sich intensiv mit Kafka (einem seiner Briefe ist auch der Buchtitel entlehnt), Eichendorff, den Grimmschen Märchen und mit seinem eigenen literarischen Selbstverständnis auseinandersetzt. Ein Porträt von PETER MOHR

Wir erfahren, dass er durch seine vielfältige Übersetzertätigkeit (u.a. Kafka und Handke) sprachliche Präzision als Handwerk erlernt habe. Dies habe auch seinen eigenen literarischen Stil beeinflusst und die Abkehr von den verbal aufgeblähten Frühwerken forciert.

Hans Peter Schaefer, http://www.reserv-a-rt.de, Goldschmidt georges-arthur literaturhaus-koeln 060307, CC BY-SA 3.0Goldschmidts stilistische Sorgfalt, das Feilen an jeder Zeile, zeigte sich jüngst in der im letzten Jahr erschienenen, sogleich auf Deutsch verfassten Erzählung ›Die Befreiung‹ – der Abschlussband seiner autobiografisch fundierten Savoyen-Trilogie um den Bettnässer Arthur Kellerlicht, der 1944 nach den schrecklichen Kriegsjahren aus seinem Bauernversteck wieder auftaucht und in sein Internat zurückkehrt.

»Ich konnte über meine Kindheit unmöglich auf Deutsch schreiben, weil ich aus dieser Sprache verstoßen worden war«, erklärte Georges-Arthur Goldschmidt über seinen zunächst in Frankreich veröffentlichten Band ›Ein Garten in Deutschland‹ (dt. 1988), in dem er sich mit seinen ersten zehn Lebensjahren auseinandersetzte. Die eigene bewegte Vita und das literarische Werk sind bei Goldschmidt aufs Engste miteinander verzahnt. Drei Religionen, zwei Staatsangehörigkeiten und zwei Sprachen als literarisches Ausdrucksmittel sind die nüchternen Fakten, die die politische Barbarei des 20. Jahrhunderts im Lebensweg dieses immer noch unterschätzten Schriftstellers, kongenialen Übersetzers und scharfsinnigen Essayisten hinterlassen hat.

Goldschmidt wurde heute vor 90 Jahren in Reinbek bei Hamburg als Sohn eines jüdischen Oberlandesgerichtsrates geboren und später evangelisch-lutherisch auf den Vornamen Jürgen-Arthur getauft. Im Mai 1938 schickten ihn seine Eltern aus Angst vor dem wachsenden Antisemitismus zusammen mit seinem Bruder in die Obhut des von den Nationalsozialisten entlassenen Germanistik-Professors Paul Binswanger nach Florenz. Mit Beginn dieser ersten Emigrations-Etappe endet Goldschmidts Band ›Ein Garten in Deutschland‹.

Fünf Monate vor Kriegsausbruch flohen die Goldschmidt-Brüder von Italien nach Savoyen. Ein Internat in Annecy, eine Almhütte in Savoyen, wo ihn ein Bergbauer während der deutschen Besatzung versteckt hielt (festgehalten in der Erzählung ›Die Aussetzung‹), und ein Waisenhaus in der Nähe von Paris waren die Stationen, die Georges-Arthur Goldschmidts Jugend prägten.

Hass oder Rachegefühle hat der Autor, der bis zu seiner Pensionierung vor 21 Jahren als Gymnasiallehrer in Paris arbeitete, nie aufkommen lassen. Das Schreiben, die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und die Auseinandersetzung mit deren politisch-gesellschaftlichen Kontexten, diente dem Sorbonne-Absolventen zur »Schmerzbewältigung«, das erfahrene Leid hat er in künstlerische Energie verwandelt.

Zuletzt war von ihm in deutscher Übersetzung die schmale Erzählung ›Der Ausweg‹ (2005 im Original auf Französisch veröffentlicht) erschienen, die vom Überleben des Holocaust im Exil und den daraus resultierenden Schuldgefühlen handelt. Noch einmal ein absolutes Glanzstück in Goldschmidts überschaubarem Oeuvre.

»Sein Erzählwerk macht Goldschmidt zu einem einzigartigen Grenzgänger zwischen den Kulturen«, hieß es im Dezember 1997, als ihm die Universität Osnabrück die Ehrendoktorwürde verlieh. Goldschmidt, der 1949 die französische Staatsbürgerschaft annahm, zum Katholizismus konvertierte und sich nie entschließen konnte, auf Dauer nach Deutschland zurückzukehren, sieht sich »nicht zwischen den Stühlen, sondern auf beiden Stühlen«.

Trotz einiger bedeutender Ehrungen (Bremer Literaturpreis, SWF-Literaturpreis, Geschwister-Scholl-Preis, Ludwig-Börne-Preis, Nelly-Sachs-Preis) gehört Georges-Arthur Goldschmidt (leider) immer noch zu den unterschätzten Außenseitern im deutschsprachigen Literaturbetrieb.

| PETER MOHR
| FOTO: HANS PETER SCHAEFER, http://www.reserv-a-rt.de, Goldschmidt georges-arthur literaturhaus-koeln 060307, CC BY-SA 3.0

Lesetipp
Georges-Arthur Goldschmidt: Der Ausweg
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2014
160 Seiten, 16,99 Euro

| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Häuserbauende Schweine, Sterne in der Dunkelheit und Bilder auf Taschentüchern

Nächster Artikel

Lovely Creature

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Virtuos, aber umstritten

Menschen | Zum 125. Geburtstag von Ernst Jünger

Umstritten und bewundert, als Stilist gefeiert und als Sympathisant der Nationalsozialisten geächtet – das alles vereint der Schriftsteller Ernst Jünger, der heute vor 125 Jahren geboren wurde, in einer Person. Ein Porträt von PETER MOHR

Weltberühmt durch Wallander

Menschen | Zum Tod des schwedischen Bestsellerautors Henning Mankell Es gibt literarische Figuren, die eine seltsame Eigendynamik entwickelt haben und deren Bekanntheitsgrad größer ist als der ihrer Schöpfer. Das gilt für Georges Simenons Kommissar Maigret, für Agatha Christies Miss Marple, für Donna Leons Ermittler Guido Brunetti und auch für Henning Mankells Erfolgsfigur Kurt Wallander. Von PETER MOHR

Das schwarze Schaf Japans

Menschen | Zum Tod des Literatur-Nobelpreisträgers Kenzaburo Ōe

»Ich muss zugeben, dass wir manchmal, besonders ich, die Wut über unseren behinderten Sohn nicht unterdrücken konnten«, heißt es im schonungslos offenen, autobiografischen Band ›Das Licht scheint auf mein Dach‹ (2014) aus der Feder des Literatur-Nobelpreisträgers Kenzaburō Ōe. Er beschreibt darin, wie die Geburt seines Sohnes Hikari sein Leben veränderte, wie er gemeinsam mit seiner Frau vor der schwierigen Frage stand, einer komplizierten Kopfoperation zuzustimmen. Heute geht Hikari Ōe auf die sechzig und ist in Japan ein angesehener Komponist klassischer Musik. Von PETER MOHR

Er liebte die Extreme

Menschen | Zum Tode des Schriftstellers Günter Herburger »Man muss offen sein für Erschöpfung. Ich bin in diese Erschöpfung hineingelaufen, es kam der zweite Wind, und ich dachte: Was ist das?«, erklärte der Schriftsteller Günter Herburger einst seine ersten Leidenserfahrungen beim Marathonlauf. Ein Porträt von PETER MOHR

Immer ein wenig »Sünderin«

Menschen | Vor 100 Jahren wurde Hildegard Knef geboren

Sie war die letzte große Diva des deutschen Films, die »größte Sängerin der Welt ohne Stimme«, wie es Ella Fitzgerald einmal ausdrückte, aber vor allem war Hildegard Knef eine Frau mit Ecken und Kanten: Eine Femme fatale, die oft und gern mit den Konventionen brach und um die es in den letzten Lebensjahren sehr still geworden war. Von PETER MOHR