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Viel mehr als nur das »Seelchen«

Menschen | Vor 100 Jahren wurde Maria Schell geboren

Maria Schell hatte zeitlebens mit dem »Seelchen«-Klischee aus den 1950er Jahren zu kämpfen, das seinen Ursprung in einigen kitschigen Liebesfilmen hatte. »Mich hat nicht die Seele, sondern das ›chen‹, diese Verniedlichung, gestört«, erklärte die Schauspielerin einmal in einem Interview. Dass sich die achtmalige Bambi-Preisträgerin in mehr als 70 Filmen, über 40 Fernsehproduktionen und unzähligen Bühnenengagements in anspruchsvollen Charakterrollen quer durch die Weltliteratur gespielt hat, ist beinahe schon in Vergessenheit geraten. Von PETER MOHR

Die Öffentlichkeit nahm zuletzt via Regenbogenpresse und TV-Boulevardmagazinen die Schauspielerin nur noch als Leidende wahr, denn privat hatte die gebürtige Wienerin nie auch nur annähernd das Glück gefunden, das ihr im Beruf beschieden war. Ihre 1957 geschlossene Ehe mit dem Regisseur Horst Hächler hielt nur wenige Jahre. Und auch von ihrem zweiten Mann, dem österreichischen Schauspieler und Regisseur Veit Relin (aus dieser Ehe ging die ebenfalls als Schauspielerin tätige Tochter Marie-Theres hervor), ließ sie sich 1988 nach 22 Jahren scheiden. Drei Jahre später versuchte sich die an Depressionen leidende Schell mit Tabletten das Leben zu nehmen. Auslöser dieses seelischen Tiefpunktes soll eine unglückliche Liebe zum russischen Komponisten Rodion Schtschedrin gewesen sein.

In ihrer 1996 erschienenen Autobiografie ›Und wenn’s a Katz ist‹ hat sich Maria Schell schonungslos geöffnet und bekannt, dass ihr die Freundschaft berühmter Männer keineswegs gleichgültig war. Von Richard Burton, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan ist in diesem Zusammenhang die Rede. »Leben heißt spielen, spielen heißt lieben«, lautete einer der charakteristischsten Sätze in ihrer »Lebensbeichte«.

Ihren letzten großen öffentlichen Auftritt hatte Maria Schell 2002 in Wien, als sie die Premiere des Films (›Meine Schwester Maria‹) ihres Bruders Maximilian besuchte, der ihr in ihren schwersten Krisen treu zur Seite stand. Schon an den Rollstuhl gefesselt, genoss die Schell ihr letztes Bad in der Menge. Ihre letzte Fernsehrolle lag da schon sechs Jahre zurück – im Düsseldorfer ›Tatort‹ war sie an der Seite von Martin Lüttge in der Rolle einer prinzipientreuen Äbtissin zu sehen.

Die Affinität zur Kunst schien Maria Schell schon in die Wiege gelegt worden zu sein. Ihre Mutter war Schauspielerin, der Vater ein leidlich erfolgreicher Schriftsteller, trotzdem absol­vierte sie nach der Schule in der Schweiz (die Familie war 1938 vor den Nationalsozialisten aus Wien geflohen) zunächst eine Banklehre. Ihr Debüt gab sie 1942 in dem Schweizer Film ›Der Steinbruch‹ (Regie: Sigfrit Steiner), danach tingelte sie als »Gretchen« durchs Land, ehe ihr an der Seite von O.W. Fischer und Dieter Borsche mit seichten Filmen wie ›Der träumende Mund‹, ›Bis wir uns wiedersehen‹, ›Dr. Holl‹ und ›Tagebuch einer Verliebten‹ der Durchbruch gelang. Internationale Anerkennung wurde ihr für die Charakterrolle als Lazarettkrankenschwester in Helmut Käutners ›Die letzte Brücke‹ (1953) zuteil. Für diese Rolle wurde sie auf den Filmfestspielen von Cannes 1954 als beste Schauspielerin gekürt.

Ein Foto aus dem Jahr 1957, auf dem Maria Schell lächelt.Es folgten Filme, in denen Maria Schell zur schauspielerischen Höchstform auflief und die den Höhepunkt ihres weltweiten Ruhms markierten – die ›Brüder Karamsow‹ mit Yul Brynner und ›Der Schinderhannes‹ mit Curd Jürgens. Sie hatte nicht nur einen Fuß in die Pforte des Filmparadieses Hollywood gesetzt; sie wurde förmlich von Produzenten und Regisseuren über die Schwelle getragen. Marlon Brando, Gary Cooper, Orson Welles, Yves Montand, Max von Sydow, Christopher Reeve und Faye Dunaway waren fortan ihre Partner. 1982 spielte sich noch einmal eine starke Nebenrolle im Melodram ›Die Spaziergängerin von Sans-Souci‹ mit Romy Schneider als Protagonistin.

Danach ging es rapide bergab, auch die 1987 angelaufene TV-Serie ›Die glückliche Familie‹ mit Siegfried Rauch und Maria Furtwängler konnte daran nichts mehr ändern. Mehr noch als mit dem Älterwerden hatte Maria Schell mit dem Nachlassen ihres Ruhms zu kämpfen. »Alle Stars steuern auf eine Tragödie zu, weil der Starkult mehr aus ihnen macht, als sie wirklich sind. Mit diesem Widerspruch wird man nur schwer fertig,« hatte ihr Bruder Maximilian erklärt.

Am 26. April 2005 ist Maria Schell – einer der letzten großen deutschsprachigen Hollywood-Stars – in Preitenegg (Kärnten) im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

| PETER MOHR
| Abb: Gawain78 at the Italian Wikipedia project., Maria Schell 1957, Crop von titel-kulturmagazin, CC0 1.0

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