E-Sport zwischen Ehrenamt und politischer Anerkennung

Digitalspielkultur | Leon Janßen über die Zukunft des organisierten E-Sports in Bayern

RUDOLF THOMAS INDERST spricht mit Leon Janßen, dem neuen Präsidenten des E-Sport Verband Bayern, über Aufbruch und Verantwortung. Im Gespräch geht es um Gemeinnützigkeit, Verbandsarbeit und die politische Verortung des E-Sports. Ein Blick auf Strukturen, Hoffnungen und die Frage, wie nachhaltig digitale Spielkultur organisiert werden kann.

Rudolf Inderst: Herr Janßen, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt – wie haben Sie die ersten Wochen als Präsident des E-Sport Verband Bayern erlebt?
Ein Mann in einem blauen HemdLeon Janßen (LJ): Vielen Dank! Die ersten Wochen waren intensiv, aber durchweg positiv. Zu meinem Amtswechsel befanden wir uns noch mitten im Förderprojekt »Next Stop: E-Sport«, wodurch noch einiges zu tun war. Die erfolgreiche Abschlussveranstaltung des Projekts am 12. & 13. Dezember in Bad Kötzting war dann aber ein echtes Highlight. Das sehr positive Feedback von Besucher*innen, Helfer*innen und Spieler*innen der Landesmeisterschaft sowie aus der Politik hat mir gezeigt, wie wichtig solche Formate sind und dass wir als Verband auf dem richtigen Weg sind.

Was motiviert Sie grundsätzlich, sich im E-Sport institutionell und ehrenamtlich zu engagieren?
Da ich bereits seit meiner Kindheit spiele, habe ich früh erlebt, wie stark Gaming und E-Sport noch immer stigmatisiert sind. Dem möchte ich aktiv entgegenwirken, weil ich überzeugt bin, dass E-Sport längst ein relevanter Bestandteil moderner Sport-, Jugend- und Digitalkultur ist. Gemeinsam mit meinem Team möchte ich deshalb das Ehrenamt stärken und dem E-Sport eine professionelle und seriöse Stimme gegenüber Politik und Gesellschaft geben.

Sie möchten den E-Sport in Bayern »stärken, sichtbarer machen und nachhaltig weiterentwickeln« – welche konkreten Ziele stehen für Sie aktuell im Vordergrund?
Aktuell möchte ich vor allem die bayerischen E-Sport Akteure stärker miteinander vernetzen und ihre Arbeit sichtbarer machen, sowohl innerhalb der Community als auch gegenüber Öffentlichkeit und Politik. Gleichzeitig geht es mir darum, Hilfestellung beim Aufbau nachhaltiger Strukturen im E-Sport zu leisten und die Vereine bei den neuen Herausforderungen rund um die Gemeinnützigkeit zu unterstützen.

Welche Maßnahmen möchten Sie kurzfristig, also noch 2025, anstoßen?
Aktuell befinden wir uns noch im Abschluss und in der Auswertung des Förderprojekts. Mit Beginn des neuen Jahres soll dann aber eine Klausurtagung mit dem neuen Präsidium stattfinden. Dort wollen wir die inhaltlichen Schwerpunkte und Ziele für 2026 und 2027 festlegen und darauf aufbauend einen klaren Fahrplan für die weitere Entwicklung des Verbands erarbeiten.

Und welche langfristigen Projekte sehen Sie für die kommende Amtszeit?
(LJ) In der kommenden Amtszeit geht es mir vor allem darum, tragfähige und verlässliche Strukturen für den E-Sport in Bayern aufzubauen. Dazu gehört ein kontinuierlicher Austausch mit Politik und organisiertem Sport, um E-Sport dauerhaft zu verankern und den Verband sichtbar zu positionieren. Parallel dazu wollen wir den Verband selbst stärken, weitere Mitglieder gewinnen und unsere Rolle als Interessenvertretung ausbauen. In diesem Zusammenhang soll auch die Roadshow als mobiles Konzept weitergedacht werden. Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf der Unterstützung unserer Vereine bei Themen wie Gründung, Gemeinnützigkeit und Vereinsorganisation. Weiterhin soll die bayerische Landesmeisterschaft als zentrales Aushängeschild ausgebaut werden und perspektivisch auch für weitere Spiele geöffnet werden.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit und Rollenverteilung im neuen Präsidium beschreiben?
Ich erlebe das neue Präsidium bereits jetzt als sehr teamorientiert und konstruktiv. Im Rahmen des Förderprojekts hat sich gezeigt, dass wir gut zusammenarbeiten und uns gegenseitig unterstützen, wenn es darauf ankommt. Die unterschiedlichen Perspektiven und Hintergründe der Präsidiumsmitglieder sind dabei ein klarer Vorteil. Die konkrete Aufgabenverteilung werden wir dann bei der anstehenden Klausur gemeinsam weiter schärfen.

Wie charakterisieren Sie den aktuellen Stand des E-Sports in Bayern im Vergleich zu anderen Regionen oder Ländern?
Ich würde sagen, dass Bayern im E-Sport insgesamt ganz gut aufgestellt ist, auch wenn Vergleiche mit anderen Regionen immer nur bedingt möglich sind. Als einer von vier Landesverbänden in Deutschland stehen wir im engen Austausch mit den anderen Verbänden, die jeweils eigene Schwerpunkte setzen. Besonders positiv haben wir aber den großen Vertrauensvorschuss wahrgenommen, den wir mit der Förderung der Roadshow »Next Stop: E-Sport« erhalten haben. Gleichzeitig sehen wir im Vergleich zu internationalen Vorreitern noch Nachholbedarf bei der strukturellen Förderung und öffentlicher Wahrnehmung. Genau darin liegen aber auch die Chancen, denn Bayern bringt mit seiner starken Vereinslandschaft und einer engagierten Community sehr gute Voraussetzungen mit.

Wo sehen Sie für Bayern die größten Wachstumschancen im E-Sport?
Die größten Wachstumschancen sehe ich klar in den Bereichen Bildung, Jugendarbeit und Breitensport. Wenn E-Sport stärker in Bildungsangebote eingebunden, und als Teil zeitgemäßer Jugendarbeit verstanden wird, können wir sehr viele junge Menschen erreichen. Gleichzeitig liegt großes Potenzial darin, E-Sport niedrigschwellig über Vereine und kommunale Angebote im Breitensport zu verankern.

Welche politischen oder gesellschaftlichen Herausforderungen müssen Ihrer Ansicht nach als Erstes angegangen werden?
Eine der zentralen Herausforderungen ist nach wie vor die gesellschaftliche Akzeptanz von Gaming und E-Sport. Vorurteile halten sich hartnäckig und erschweren oft eine sachliche Auseinandersetzung. Politisch geht es nun vor allem darum, auf der bestehenden Anerkennung der Gemeinnützigkeit aufzubauen und erste Förderstrukturen zu schaffen, um E-Sportvereine nachhaltig zu unterstützen und den Ausbau von Infrastruktur, Angeboten und Ehrenamt langfristig zu ermöglichen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit des EVB mit Landespolitik, Kommunen und Sportverbänden derzeit?
Die Zusammenarbeit befindet sich derzeit teilweise noch im Aufbau, verläuft insgesamt aber konstruktiv und offen. Für 2026 sind bereits erste Gespräche mit Landespolitik und Sportverbänden geplant. Wichtig ist uns dabei, Vertrauen aufzubauen und Schritt für Schritt tragfähige Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Was müsste passieren, damit E-Sport in der Öffentlichkeit eine ähnliche Anerkennung erfährt wie klassische Sportarten?
Anerkennung entsteht vor allem durch Sichtbarkeit, Seriosität und Kontinuität. Wenn der organisierte E-Sport in (E-)Sport Vereinen weiter wächst, gesellschaftliche Mehrwerte sichtbar gemacht werden und eine verantwortungsvolle Jugendarbeit geleistet wird, wird er in der Öffentlichkeit zunehmend ähnlich wahrgenommen wie klassische Sportarten.

Welche Rolle spielt die bayerische E-Sport-Community für Ihre Arbeit, und wie möchten Sie Vereine und Ehrenamt stärken?
Die bayerische E-Sport-Community ist das Fundament unserer Arbeit. Ohne engagierte Vereine, Unternehmen und Ehrenamtliche gäbe es keinen organisierten E-Sport. Als Verband verstehen wir uns hier als Sprachrohr für die Bedürfnisse und Wünsche unserer Mitgliedsorganisationen. Durch Beratung, bessere Vernetzung und praxisnahe Angebote wollen wir Vereine unterstützen und ehrenamtliches Engagement langfristig stärken.

Welche Bedeutung hat Nachwuchs- und Talentförderung im E-Sport für Sie?
Ich sehe im E-Sport großes Potenzial, junge Menschen zu erreichen und ihnen Orientierung zu geben. Wenn Nachwuchsarbeit ernst genommen wird, geht es nicht nur um Wettkämpfe und bestmögliche Leistungen, sondern um Lernen, gemeinsames Wachsen und den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Räumen. Genau darin liegt für mich einer der größten Stärken des E-Sports.

Wenn Sie drei Jahre nach vorn schauen: Wie sollte der E-Sport Verband Bayern 2028 idealerweise aufgestellt sein?
Wenn ich drei Jahre nach vorne schaue, wünsche ich mir, dass der E-Sport Verband Bayern strukturell stabil, politisch anerkannt und fest in der bayerischen Medien- und Sportlandschaft verankert ist. Wichtig ist mir dabei, dass wir aktive Vereine haben, klare und verlässliche Angebote machen können und als Verband eine starke, hörbare Stimme nach außen sind.

Ein Logo mit drei Buchstaben

Was wünschen Sie sich persönlich für Ihre Arbeit als Präsident – und was motiviert Sie, diese Aufgabe langfristig zu übernehmen?
Für meine Arbeit als Präsident wünsche ich mir vor allem Vertrauen, Offenheit und ein engagiertes Team, das Lust hat, gemeinsam etwas aufzubauen. Gerade als noch junger Verband sind wir dabei auf ehrenamtliche Unterstützung und viele helfende Hände angewiesen. Mich motiviert die Möglichkeit, zusammen mit engagierten Menschen Strukturen zu entwickeln, die auch über meine eigene Amtszeit hinaus Wirkung entfalten können. Besonders wichtig ist mir dabei das Feedback aus der Community, das zeigt, dass unsere Arbeit wahrgenommen und geschätzt wird.
 
Gibt es etwas, das Ihnen im öffentlichen Diskurs über E-Sport besonders wichtig ist, aber bisher zu selten angesprochen wird?
Mir ist wichtig, dass E-Sport im öffentlichen Diskurs nicht nur auf Leistung, Wettbewerb oder einzelne negative Aspekte reduziert wird. Themen wie Bildung, Inklusion, Medienkompetenz, soziale Fähigkeiten und gesellschaftliche Verantwortung werden noch zu selten thematisiert, obwohl sie zu den zentralen Stärken des E-Sports gehören.
 
Herzlichen Dank und viel Erfolg für das neue Amt!

| RUDOLF THOMAS INDERST

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