Bewegung ist Leben

Roman | Lídia Jorge: Erbarmen

»Bewegung ist Leben, die, die sich am meisten bewegen, sind die, die am meisten leben«, bekennt die im Rollstuhl sitzende Maria Alberta Nunes Amado, genannt Dona Alberti, die nach einem Unfall in einem Pflegeheim mit dem irreführenden Namen »Hotel Paraíso« lebt. Sie ist eine betagte, starke, eigenwillige Frau und hat ihrer Tochter in mehreren Audiodateien ihre Lebenserinnerungen diktiert. Dies ist der erzählerische Rahmen des neuen Romans der portugiesischen Schriftstellerin Lidia Jorge (Jahrgang 1946), deren Romane viele Jahre im Suhrkamp Verlag erschienen waren, sich aber im deutschsprachigen Raum nicht durchsetzen konnten. Von PETER MOHR

Erbarmen »ist ein sehr besonderes Buch für mich. Ich habe nie daran gedacht, solch ein Buch zu schreiben. Es ist mit einem Menschen verbunden, der mir sehr nah ist«, hat Autorin Lidi Jorge erklärt. Der Mensch, um den es geht, ist ihre Mutter, die im Frühjahr 2020 an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben ist.

So ist in die Figur der Dona Alberti eine Menge aus dem Leben der Mutter der Autorin eingeflossen. Der autofiktionale Roman ›Erbarmen‹ umfasst einen Handlungszeitraum von 2018 bis ins Frühjahr 2020 und macht uns (neben den Lebenserinnerungen) mit dem freudlosen Alltag in einem Pflegeheim vertraut. Es geht um die kurzen Beziehungen zu den zumeist ausländischen (und schlecht bezahlten) Pflegerinnen und um die Allgegenwart des Todes. Dona Alberti entwickelt eine intensive Beziehung zu einer brasilianischen Pflegerin namens Lilimunde.

»Wir bitten Sie dringend, jegliche Anzeichen von Melancholie oder Traurigkeit an diesen Pforten zurückzulassen«, ist auf einem Schild im Pflegeheim zu lesen. Große Teile des Personals sind während der Pandemie geflohen oder selbst erkrankt. Ärztliche Betreuung gibt es am Ende nicht mehr. Trotz dieser Tragik verfällt Lidia Jorge nicht in einen anklagenden oder bemitleidenden Tonfall. Sie erzählt nüchtern und streut hin und wieder, wenn es um den Alltag im Heim geht, sogar einige humoristische Apercus ein – als es um die Bedeutung des Speiseplans geht oder in der Episode um die Avancen des wohlanständigen Senhor Sargento, der Donna Alberti den Kopf verdreht.

Dagegen stehen die Passagen, die von permanenter nächtlicher Schlaflosigkeit und Albträumen berichten und die Nacht als »blutrünstiges Tier« in Donnas Zimmer eindringt. Die Seniorin wird nicht müde, die Romane ihrer Tochter zu kritisieren, in denen sie zwielichtige Gestalten darstellt und die nie in ein Happy End münden würden. »Als ich noch gut lesen konnte, hast du mir ein Buch über einen römischen Kaiser gebracht, den es wirklich gab, ihn und seinen Geliebten.« Trotz ihres hohen Alters und diverser körperlicher Gebrechen hat sich die Hauptfigur ihre Streitlust bis zum Ende bewahrt. Kompromisslos, aber nie wirklich bösartig.

Rund neunzig Jahre hat sie in ihrem Haus gewohnt und sich um den großen Garten mit Mandel- und Olivenbäumen gekümmert. Am Ende war es ein karges Zimmer im Pflegeheim »Hotel Paraíso« – ein Abschied auf Raten, aber noch verbunden mit dem Wunsch, dass ihre Tochter ein Buch aus all dem machen soll, mit dem Titel ›Erbarmen‹.

»Ich schreibe aus Instinkt ohne Netz und Deckung«, hat Autorin Lidia Jorge einmal über ihre schriftstellerische Arbeit bekannt. ›Erbarmen‹ ist ihr bisher persönlichstes Buch – eine Mischung aus Tagebuch, Biografie und Zeitchronik. Die Lektüre schmerzt, ohne dass dies die Intention der Autorin war. Mit diesem Roman hat Lidia Jorge noch einmal unter Beweis gestellt, dass sie neben dem drei Jahre älteren Antonio Lobo Antunes die wichtigste Stimme in der portugiesischen Gegenwartsliteratur ist.

| PETER MOHR

Titelangaben
Lidia Jorge: Erbarmen
Aus dem Portugiesischen von Steven Uhly
Zürich: Secession Verlag 2025
428 Seiten. 30 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eine schwierige Mission

Nächster Artikel

E-Sport zwischen Ehrenamt und politischer Anerkennung

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Mit dem Schwarzgeld aus dem Paradies

Roman | Martin Lechner: Kleine Kassa

Der Salzburger Residenz Verlag überrascht – beinahe möchte man sagen wie immer mit gewohnter Zuverlässigkeit – mit einem außergewöhnlichem Roman. Der aus Norddeutschland stammende Schriftsteller Martin Lechner hat mit Kleine Kassa ein recht temporeiches und humorvolles Debüt vorgelegt, das zwar als »Heimatroman« auf dem Buchumschlag angekündigt wird, allerdings jegliche regionale Klischees und alle biedere Sentimentalität durchbricht. Von HUBERT HOLZMANN

Samuel und Anita

Roman | Isabel Allende: Der Wind kennt meinen Namen

Es kann mehr Fluch als Segen sein, wenn einem Schriftsteller mit dem Debütwerk gleich ein ganz großer Wurf gelingt. Günter Grass musste diese Erfahrung machen, weil er über lange Zeit stets an der Blechtrommel gemessen wurde. Nicht anders ergeht es der inzwischen 81-jährigen Isabel Allende, die mit ihrem Erstling Das Geisterhaus (1982) auch gleich einen Weltbestseller landete. Ihre Bücher haben eine Gesamtauflage von über 73 Millionen erreicht und wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Von PETER MOHR

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Roman | Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT HOLZMANN

In der Welt der Kryptowährungen

Roman | Tom Hillenbrand: Montecrypto

Ed Dante, Ex-Buchhalter und aktuell als Privatdetektiv unterwegs, betreibt eine Ein-Mann-Firma namens »Financial Forensics«. Was nach großem Geld klingt, hält den Mann in LA aber kaum über Wasser. Als er deshalb den Auftrag bekommt, nach dem verborgenen Schatz des über dem Golf von Mexiko mit seinem Privatflugzeug abgestürzten Internetunternehmers Gregory Hollister zu suchen, begibt er sich auf die Fährte von dessen Bitcoin-Milliarden. Worauf er sich bei der Suche nach »Montecrypto«, wie die Medien den digitalen Schatz bald liebevoll nennen, einlässt, ahnt er freilich nicht. Von DIETMAR JACOBSEN

Der Traum von der Golden Gate Bridge

Jugendbuch | Ying Chang Compestine: Revolution ist keine Dinnerparty Die Kulturrevolution in China endetete offiziell im Jahr 1969. Die Säuberungsaktionen gegen Andersdenkende, der Tod von Hunderttausenden, physische und psychische Misshandlungen währten aber bis zum Tod Maos. Was das tatsächlich für eine Familie bedeutet, erfährt man aus der Sicht der neunjährigen Ling. Von ANDREA WANNER