Häuserbauende Schweine, Sterne in der Dunkelheit und Bilder auf Taschentüchern

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Kinderbuch | Jugendbuch | ›Internationale Kinder- und Jugendbuchmesse‹ in Bologna 2018

Die ›Internationale Kinder- und Jugendbuchmesse‹ in Bologna verzaubert jedes Jahr aufs Neue. Nicht nur wegen der wunderbaren und ausgefallenen Bücher, sondern auch wegen der Menschen, die man dort trifft. Finden SUSANNE MARSCHALL und GEORG PATZER

Dass der Bus zur fiera immer voll mit Leuten ist, die zur Messe wollen, ist klar. Aber dass man in Karlsruhe in den Zug steigt (sonst fahre ich ja immer mit Werner Holzwarth, aber der konnte dieses Jahr nicht – wehe, Werner!), und gegenüber sitzt eine junge Illustratorin, Emily, die in ihr Skizzenbuch zeichnet und auch nach Bologna fährt und die man mitten im Gewühl der Messe tatsächlich noch einmal trifft, ist dann doch eine witzige Sache.

Bologna – die schönste Buchmesse der Welt. Das sagen wir jedes Mal, und das stimmt auch. Dennoch verändert sie sich. In unserem allerersten Jahr waren wir verzaubert von der Vielfalt der Bücher, die wir nie zuvor gesehen haben – Bücher aus Korea, Mexiko, Arabien, Australien. Von den engagierten, vor Phantasie sprühenden Menschen, die wir kennenlernten, die Trois Ourses aus Frankreich, Katsumi Komagata aus Japan, Rachael Kim aus Korea …

BCBF2018

Dieses Jahr war für uns mehr ein Jahr der neuen Begegnungen. Was nicht heißt, dass es nicht auch wunderbare Bücher zu entdecken gab. Wie immer orientieren wir uns auch an den Bologna Ragazzi Awards, den begehrten Preisen und lobenden Erwähnungen. Dazu später mehr.

Aus dem Kennenlernen entwickeln sich manchmal auch Freundschaften – so waren wir letztes Jahr bitter enttäuscht, als bei den ›Trois Ourses‹ plötzlich uns unbekannte Leute am Stand waren: Aude und Anaïs hatten sich klammheimlich davongeschlichen. Einfach aufgehört bei den ›Drei Bären‹, ursprünglich eine Vereinigung von französischen Bibliothekarinnen, die sich um ganz spezielle, pädagogische Kinderbücher in der Tradition von Bruno Monari kümmern und mit den Verlagen One Stroke aus Japan, Tara Books aus Indien und Petra Ediciones aus Mexiko immer einen Gemeinschaftsstand, »small world«, haben. Umso mehr haben wir uns dieses Jahr gefreut, als wir hörten, dass Anaïs ihre künstlerische Arbeit nicht nur fortgesetzt, sondern zur Messezeit eine Ausstellung in Bologna hat …

Stickbilder auf alten Taschentüchern

Anais - StoffDer kleine Laden in der Nähe des pulsierenden Zentrums ist äußerst sparsam, aber umso geschmackvoller eingerichtet. Im ersten Zimmer hängen in einem edlen alten Schrank ein paar wenige, extravagant schlichte Kleider, im Zimmer dahinter dominiert ein riesiger Holztisch: Ein Schneidertisch, wo ›Les Libellules‹ – drei Schneiderinnen – ihre ausgefallenen Ideen in die Tat umsetzen. Perfekt passen die filigranen Arbeiten von Anaïs in diese warme und kreative Atmosphäre – harmonieren sozusagen kongenial: Denn Anaïs malt mit Fäden.

Der Bagger, die Rolltreppe, das Kreuzfahrtschiff, der Stacheldrahtzaun … haben keine Beziehung zu den Röschen und Veilchen, den Stiefmütterchen und umstickten Rändern: Aus dem Kontext gerissen und auf die biedermeierlichen Taschentücher gefädelt, ähneln sie Einsiedlern – mehr noch: in die Einsiedelei Geschickte. Aber sie brodeln in ihrer stofflichen Haptik, wölben sich fadig weich aus der Ebene, als wollten sie gleich aus ihrer Verbannung springen – in die andere, in die lebendige Welt …

Anaïs hat das Sticken von ihrer Großmutter gelernt, die es von ihrer Mutter beigebracht bekam und die wieder von ihrer Mutter … und jetzt malt sie mit Fäden Alltägliches, wie riesige Wohnmaschinen, Einkaufswägen und technische Hilfsmittel – Mehrfachsteckdosen, Kräne – und bringt sie mit Zauberei zum Vibrieren, zum Aus-der-Haut-Fahren. Selbst das kleine Ausstellungsbüchlein hat sie mit einem roten Faden gebunden, und wie ich Anaïs kenne, hat sie das nicht ohne Hintersinn gemacht: Sie erzählte uns, dass sie durch das Sticken auch ihren eigenen roten Faden wiedergefunden hat.

Erinnerungen an die Mutter

Aber nicht nur auf der Messe trifft man interessante Menschen, auch in einem der Restaurants in Bologna. So haben wir bei Gisella vor vielen Jahren die Trois Ourses immer wieder getroffen, dieses Jahr saßen wir in einem Fischrestaurant in San Ruffilo, etwas außerhalb, neben Zaro Weil und ihrem »honey«. Kamen über das leckere Essen ins Gespräch, verabredeten uns am nächsten Tag. Erzählten von unseren Funden am Stand der Cambridge School of Art: Die ausgelegten Bücher sind Dummies, und die Studenten hoffen, entdeckt zu werden und einen Verlag zu finden.

Letztes Jahr hatte uns das sperrig traurige Buch von Ellen Vesters berührt, dieses Jahr haben wir ›Stay‹ von Lele gefunden: Eine anrührende Geschichte über den Tod ihrer Mutter. Aber sie erzählt nicht von anklagender Trauer, nicht vom düsteren Loch, in das man vor Herzweh versinkt. Sie zeichnet schöne Erinnerungen, wie das kleine Kind, Tochter Lele, mit ihrer Mutter am Strand sandelt und badet und spielt. Und die Wärme und Geborgenheit, die Liebe und das gemeinsame Glück strahlen aus den schwarzen Federzeichnungen mit den sparsam gesetzten Farbpunkten. Dann fliegt der gelbe Schal der Mutter davon – bei der Beerdigung trägt die Tochter dann genau diesen Schal.

Stay

Beim Gemeinschaftsstand der Koreaner treffen wir die beiden dann wieder, wo wir uns grade ganz begeistert von Jin-ho Jung eine Karte signieren lassen. Er ist ganz erstaunt, dass auch sein drittes Buch prämiert wurde: ›Wall‹ (Bir Publishing) zeigt mit einfachen grafischen Illustrationen Innen- und Außenräume, die sich je nach Perspektive ändern. Uns bezaubert aber mehr sein Buch ›Stars and me‹, das letztes Jahr einen Preis gewann und das wir leider nicht kaufen können, weil der Verlag nur ein Exemplar mitgebracht hat: Eine wunderschöne poetische Geschichte von einem Radfahrer, der durch die Nacht fährt und dann die Sterne entdeckt, die so schön leuchten, wenn er das Fahrradlicht löscht…
Und Adrien Parlange überrascht in seinem Pappbilderbuch ›Le Ruban‹ (Verlag Albin Michel Jeunesse) mit einem ungewöhnlichen Protagonisten, dem Buchzeichen. Das gelbe Bändchen ist ein Wandlungskünstler, auf jeder Seite hat es eine andere Bedeutung: Mal ist es eine Drachenschnur, der Schweif einer Sternschnuppe, der Faden einer Spinne – oder die Nudel, die über den Tellerrand lugt …

In ›Cabanes‹ (Verlag Les Grandes Personnes) erzählt Aurélien Débat von 15 kleinen Schweinen, die ziemlich seltsames Baumaterial kaufen gehen, wie Eisblöcke, Felsen, Bananenblätter und damit Häuser bauen: Das eine konstruiert einen Iglu, es hat nämlich ein Buch über die Inuit gelesen, ein anderes will gern in der Höhe wohnen, eines schaut dem Eis beim Schmelzen zu, eines hat nicht fertiggebaut, sondern ist schwimmen gegangen … ein überraschendes Buch, das weder die Schweine noch am Schluss den Wolf zeigt, sondern streng grafisch nur die Häuser bzw. die Versuche, etwas zu bauen.

Streng grafisch, aber voller Fantasie und mit philosophischen Schlenkern gespickt sind auch die beiden ukrainischen Sachbücher über das Sehen und das Hören von Romana Romanyshyn und Andriy Lesiv (Vydavnytstvo Staroho Leva – Old Lion Publishing House).

Was ist Kunst?

Natürlich gab es auch einige schöne deutsche Bücher. Lobend erwähnt wurde z.B. ›Kunst für Max‹ von Joanne Liu (Prestel Verlag): Max, ein Knirps mit blauem Käppi, steht im Beinewald: Er ist viel zu klein, um die Bilder zu sehen. Aber statt rumzunörgeln, macht er seinen eigenen Streifzug durchs Museum. Beobachtet die Großen beim nachdenklichen Kunstbetrachten, findet den strotzend grünen Baum vor dem Fenster schöner als das Gartengemälde von Monet daneben. Er bewundert die phantasievollen Tätowierungen eines Muskelprotzes, spielt mit seinem Schatten Skulptur und zeichnet seinen eigenen Paul-Klee-Stern auf die behauchte Fensterscheibe. Max findet überall Kunst: in der Krakelspur der Schnecken, den Bewegungen der Putzfrau oder einem gestreiften T-Shirt. Das wird nämlich auf dem Kopf betrachtet für Max zu einem Gemälde von Mark Rothko. Es ist ein heiter verspieltes Buch aus der Kinderperspektive mit einfachen, knalligbunten Illustrationen, das ganz ohne Worte zum genauen Schauen einlädt. Zum Entdecken der alltäglichen Kunst neben der Kunst. Gelobt wurden zwei weitere deutsche Bücher: ›Haus‹ von Johannes Vogt (Gerstenberg Verlag), ein Pappbilderbuch für die ganz Kleinen, und ›Das Ei‹ (Prestel Verlag), mit dem Britta Teckentrup ihre Reihe mit zart illustrierten Natursachbilderbüchern fortsetzt.

Bologna Book Fair 2018Wir schlendern und schmökern, blättern in unzähligen Büchern und lassen uns gern verzaubern. Besuchen alte Bekannte wie den Bologneser Mauro Bellei, der ausgefallene Spiele mit Grips entwickelt und wunderschöne Bücher schreibt, die spielerisch zum Interagieren auffordern. Schwärmen mit den Ukrainern von Dakha Brakha. Treffen mitten im Gewühl immer wieder Anke Bär: Vor Jahren haben wir sie kennengelernt, als sie sich noch in die langen Schlangen der Illustratoren reihte, auf der Suche nach einem Verlag. Inzwischen publiziert sie erfolgreich bei Gerstenberg. Treffen beim Kaffeetrinken auf Lia, einer italienischen Geschichtenerzählerin, die sich auf der Messe inspirieren lässt. Herrlich. Nächstes Jahr wieder.

| SUSANNE MARSCHALL
| GEORG PATZER

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