Pechmarie und ihre Nachfolgerin Corinna-Marie

Jugendbuch | Susanne Fischer: Wolkenkönigin

Ein neues Leben möchte Corinna und fängt mit einem neuen Namen an: Marie. Findet neue Freundinnen. Verliebt sich. Aber dann läuft doch nicht alles, wie sie es möchte. Denn ihre Vorgängerin war die Pechmarie. Und sie läuft in ihren Fußstapfen. »Ein gelungener Entwicklungsroman«, findet GEORG PATZER

Wolkenkönigin - 978-3-499-21801-9Die neue Schule: »Ich weiß schon, was passiert. Sie glotzen mich an. Das war letztes Mal auch so. Ich bin fünfzehn und nichts Besonderes, nicht fett, nicht magersüchtig, keine Brille, lange Haare, blond. Mittelgroß, mitteldünn, mittelhübsch, mitteldumm. Warum glotzt ihr dann bloß so?« Die Mutter: »Sie sieht aus dem Fenster und lächelt. Ich weiß nicht, ob da etwas Lustiges zu sehen ist, wahrscheinlich nicht. So ist sie immer, irgendwie nicht ganz bei der Sache. Manchmal stelle ich mir vor, sie ist eine Außerirdische und wartet auf das Raumschiff, das sie endlich abholt. Keine Ahnung, ob sie Jona und mich dann mitnehmen wird.«

Viel kriegt sie nicht mit, die Mutter. Kriegt noch weniger auf die Reihe. Versinkt immer wieder in sich, interessiert sich für nichts, kann sich die Namen von Corinnas Freunden nicht merken, auch nicht den der neuen Schule: »Mama umarmt mich, das tut sie eigentlich nie; ich glaube, sie vergisst einfach manchmal, dass man so was macht, so wie andere vergessen, dass man beim Essen die Ellbogen nicht aufstützt.« Ist überfordert vom Leben mit der pubertären Tochter und dem behinderten kleinen Sohn, der nicht mag, wenn sich was ändert, der auch mal ansatzlos zu toben beginnt: »Zuhause ist Endchaos, das merke ich schon beim Reinkommen. Jona schreit und schlägt seinen Kopf auf den Tisch, es gibt nichts zu essen, Mama heult.« Der Vater ist in eine bessere Gegend gezogen, mit einer anderen Frau. Vielleicht hilft ein neuer Anfang. Erst mal ein neuer Name: Als sich die Schulsekretärin verspricht und sie mit Marie anredet, übernimmt sie ihn einfach. Auch um der blöden Abwärtsspirale ihres Namens (Corinna – Corry – Currywurst) zu entgehen.

»Marie« freundet sich mit Schnalle (Chantal) und Pauli an, die immer seltsam gestelzt redet: »Bitte scheuen Sie sich nicht, sich an mich zu wenden, Verehrteste, aber die Antwort wird meist auf ein profundes ›Keine Ahnung‹ hinauslaufen«. Verliebt sich ein bisschen in Marc, den Nachbarsjungen in ihrem Abbruchhaus, mit dem sie sich ab und zu an der Imste trifft, wo sie rauchen und reden und spielen. Zum Beispiel: »Zehn Dinge, die ein Vater nicht tun sollte.« Wozu Corinna einfällt: »Zu viel trinken, zu dicke sein, keine Arbeit haben, prügeln, sich über Kinder lustig machen, stinken.« Und dann noch, obwohl sie es eigentlich nicht sagen wollte: »Mit einer Tussi zusammenziehen und sich neue Kinder zulegen.« Während Marc sagt: »Abhauen und sich nie wieder melden. Abhauen und sich nie wieder melden. Abhauen und sich nie wieder melden.« Zehn Mal sagt er das.

Ruhig, böse, trotzig

Susanne Fischer, Geschäftsführerin der Arno Schmidt Stiftung in Bargeld bei Celle, hat einen Jugendroman geschrieben, der vom Erwachsenwerden in schwierigen Familienverhältnissen erzählt, von einem Mädchen, das die falsche Rolle übernehmen muss: nämlich für ihre Mutter und ihren kleinen, behinderten Bruder sorgen. Die immer wieder umziehen muss, und zwar in immer schlimmere Wohnungen, bis es nur noch Bruchbuden sind. Die Schule wechseln muss. Und die nebenbei auch noch das erlebt, was alle Jugendlichen erleben: die erste Liebe, die erste Enttäuschung.

In einem ruhigen, manchmal bösen, manchmal trotzigen Ton lässt Fischer Corinna-Marie ihre Geschichte erzählen. Wie sie nach und nach entdeckt, dass es eine andere Marie in der Klasse gegeben hat, die Pechmarie, die kriminell geworden ist: Sie soll in einer Villa eingebrochen haben und ist jetzt spurlos verschwunden. Die alle Jungs verführt hat und sie ausnutzte – manche sind immer noch in sie verliebt. Auch Marc, der in den Einbruch verwickelt sein soll und dessen Mutter jetzt ausgerechnet mit einem Polizisten liiert ist: Mit »Nazi-Günther«, wie Marc ihn nennt, und der ein strengeres Regiment führt, als Marc es gewöhnt ist.

Rettung in der kleinbürgerlichen Idylle

›Wolkenkönigin‹ ist ein gelungener Entwicklungsroman, der einmal nicht im bürgerlichen Milieu spielt (mit Ausnahme von ein paar Szenen bei Nico und seinen reichen Eltern), sondern in den prekären Verhältnissen der immer weiter abrutschenden Unterschicht. Manche versuchen sich in eine kleinbürgerliche Idylle zu retten wie Corinnas Vater, der in ein »feines Häuschen wie frisch von der Modelleisenbahnanlage« zieht. Oder Marcs Mutter, die dem Abbruchviertel am Bahnhof entkommt, jetzt zu ihrem neuen Freund, dem Polizisten, zieht und sich endlich etwas sicherer fühlt.

Dass dabei immer die Jugendlichen auf der Strecke bleiben, die sich oft genug verraten vorkommen müssen, ist für sie nur ein Kollateralschaden: Ihnen geht es um ihre eigene Existenz, sie müssen sich zuerst selbst retten, müssen sich vor dem sozialen Abstieg bewahren. Damit sie nicht noch weiter abrutschen, vor allem die alleinerziehenden Mütter. Immerhin wohnt auch Marc mit seiner Mutter in demselben Abbruchhaus wie Marie. Und das ist nicht das einzige soziale Drama, das in diesem Roman angesprochen wird: die Drogensucht als Flucht, die Verweigerung der Jugendlichen, Kleinkriminalität …

Den besonderen Reiz des Romans macht auch die passende Sprache aus. Das Rotzige der Jugendlichen, die erzählt, trifft Fischer sehr gut und vergisst dabei auch die leisen Untertöne nicht. Macht Corinnas versteckte Verzweiflung deutlich, ihr Schwanken zwischen Pflicht und Lust, zwischen der Sorge um Mutter und Bruder und der Lust auf ein eigenes Leben und eine eigene Liebe. Nur wie? Das lässt Fischer offen: Denn am Schluss, der noch einmal richtig wild und sogar blutig brutal wird, ist vieles nicht gelöst, und Corinna hängt fast immer noch zwischen den Stühlen.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Susanne Fischer: Wolkenkönigin
Reinbek: Rowohlt Rotfuchs 2018
224 Seiten, 12,99 Euro
Jugendbuch 14 Jahren
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