Uneindeutig

Jugendbuch | Antje Herden: Korianderkuss

»Verliebtsein ist doof«, findet Rosa. Denn durch die Liebe hat sie ihre allerbeste Freundin verloren, die nur noch Augen für den Typ hat, mit dem sie zusammen ist. Nun dann muss sie sich plötzlich selber mit Gefühlen rumschlagen, die sie nicht haben will und nicht einordnen kann. Von ANDREA WANNER

Vier Beine in einer HängematteMitten in dieses ganze Durcheinander kommt Kim neu in die Klasse. Rosa ist fasziniert. Und irritiert. Und das geht nicht nur ihr so, sondern auch ihren Mitschülerinnen und Mitschülern. Kim ist divers. Klar, alle haben davon gehört, dass es neben Jungs und Mädchen auch Menschen gibt, die in keine dieser Kategorien passen. Aber was bedeutet das nun tatsächlich? Es ist verwirrend, vor allem wenn man 13 ist und das Leben zurzeit sowieso ziemlich kompliziert.

Denn was noch dazukommt: Rosas Vater, von dem sie nichts weiß und den sie nicht kennt, hat sich gemeldet. Und er hat Rosa einen Garten geschenkt. Dass sie dieses Fleckchen Erde ausgerechnet gemeinsam mit Kim erkundet, erweist sich als glücklicher Zufall. Es werden Pläne geschmiedet, Gemüse soll angebaut werden. Und die gemeinsame Arbeit macht die Sache nicht einfacher.

Entsteht da ein kleines Paradies, das Rosa und Kim miteinander teilen? Ohne Vorurteile, wo Vielfalt unhinterfragt sein darf? Und wie ist es mit dem Funktionieren dieser akzeptierten Diversität außerhalb des Gartens? Antje Herden trifft genau den richtigen Ton, um Zweifel und Vorurteile, Klischees und Halbwahrheiten zu hinterfragen. Sie lässt Rosa und Kim Raum, einander kennenzulernen und konfrontiert sie dann erneut mit der Realität, die sich als komplexer und vielschichtiger herausstellt, als Rosa sich das vorstellt. Wie ist es denn mit ihren eigenen Problemen, ihrer Angst vor Nähe und dem Vermeiden von Kontakt, mit ihren als Selbstgespräch hingemurmelten Gedichten und ihrer Unsicherheit?

Wunderbar gewählt ist der Titel, in dem der Koriander – übrigens ein heimisches Gewächs – eine große Rolle spielt. Für die einen schmeckt er würzig-frisch, für die anderen seifig (was an einem Gen liegt). Rosa hat das Aroma nach ihrem ersten Kuss von Kim auf den Lippen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Antje Herden: Korianderkuss
München: Tulipan 2024
176 Seiten, 16 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Einsames Unglück

Nächster Artikel

Allzeit unzeitgemäß

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Far, far away

Kia Orana. Kinder der Cook Inseln/Südsee zeichnen, malen, erzählen Rarotonga, Aitutaki, Atiu, Mangaia, Manuae, Mauke, Mitiaro, Palmerston und Takutea: Nie gehört? Manihiki, Nassau, Penrhyn, Pukapuka, Rakahanga und Suwarrow: keine Ahnung, was das sein soll! ANDREA WANNER freute sich über einen exotischen Ausflug.

Album für die Jugend

Jugendbuch | Hemley Boum: Gesang für die Verlorenen Die Vergangenheit kennen, sei wichtig, heißt es, um die Gegenwart beurteilen zu können. Die Behauptung enthält offenbar Wahres, sonst würden sich nicht so viele eifrig bemühen, Geschehenes gründlichst vergessen zu machen. Ereignisse aus dem Unabhängigkeitskampf Kameruns, etwa. Hemley Boum hat einen Roman darüber geschrieben. Nicht zuletzt für die Jungen. Von MAGALI HEIẞLER

Dinge ändern sich

Jugendbuch | Lara Schützsack: Sonne, Moon und Sterne Der Sommer wird eine Katastrophe: Der Familienurlaub in Dänemark fällt ins Wasser, Gustavs Eltern brauchen eine Auszeit voneinander. Und dann stecken die Ferien doch voller Überraschungen. Von ANDREA WANNER

Schräge Vögel – ganz normal

Jugendbuch | Endre Lund Eriksen: Der Sommer, in dem alle durchdrehten Manchen Gedanken geht man am besten hinter verschlossenen Türen nach. Die sicherste Tür dafür ist wohl die der Toilette. Endre Lund Eriksen bietet seinem jungen Helden diese Sicherheit. Aber sie ist trügerisch. Wie so vieles im Leben. Von MAGALI HEIẞLER

Verschwommenes

Jugendbuch | Anne-Laure Bondoux: Von Schatten und Licht Märchen haben sich Menschen von jeher erzählt. Im Lauf der Jahrtausende änderte sich ihre Bedeutung, manchmal waren sie wichtig, manchmal weniger, sie wurden gefördert oder verteufelt. Da sind sie immer noch und in letzter Zeit erfreulicherweise wieder häufiger. Bloß sollte nicht übersehen werden, dass Märchen, gleich, wie fantastisch sie daherkommen, im Kern eng an die jeweilige Lebensrealität ihres Publikums gebunden sind. Bondoux hat das ihrem neuesten Roman, einem Märchen, nicht beachtet und präsentiert Verschwommenes. Von MAGALI HEISSLER