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Jugendbuch | Hemley Boum: Gesang für die Verlorenen

Die Vergangenheit kennen, sei wichtig, heißt es, um die Gegenwart beurteilen zu können. Die Behauptung enthält offenbar Wahres, sonst würden sich nicht so viele eifrig bemühen, Geschehenes gründlichst vergessen zu machen. Ereignisse aus dem Unabhängigkeitskampf Kameruns, etwa. Hemley Boum hat einen Roman darüber geschrieben. Nicht zuletzt für die Jungen. Von MAGALI HEIẞLER

Gesang für die VerlorenenBegriffe wie Aufstand, Rebellen, Unabhängigkeitskampf sind in Geschichten Garanten für leuchtende Augen und Abenteuerlust beim Publikum. Sind wir doch gewöhnt, dass das gut ausgeht auf dem Papier. Die Realität sieht anders aus. Hemley Boum, geboren in Duala/Kamerun und heute in Frankreich lebend, hat eine kurze Epoche aus der Geschichte Kameruns benutzt, um davon zu erzählen, von Abenteuer, Heroismus, viel Liebe, viel Leid. Und vom Scheitern, gefolgt von generationenlangem Vergessen.

Die Unabhängigkeitsbewegung der Bassa zwischen 1948 und 1958 ist nicht nur Hintergrund, sondern fungiert auch als Ausgangspunkt und Schlusspunkt der Haupthandlung. Ihre Zentralfigur ist der tatsächlich historische Ruben Um Nyobé, gen. Mpodol. Ihm stellt Boum eine Gruppe fiktiver männlicher und weiblicher Figuren an die Seite, die durch Verwandschafts-, Freundschafts– und Liebesbeziehungen gleich mehrfach untereinander verknüpft sind. Verbunden mit ihnen sind auch die Weißen, die Kolonialisten, vor allem in Gewalt, doch auch in Respekt und Freundschaft. Ein Soziogramm am Ende erklärt die vielfältigen Beziehungsmuster, nimmt aber auch Spannung aus dem Geschehen, wenn man es zu früh studiert.

Der Bogen ist weit gespannt. Jede Figur bekommt ihre Geschichte, reichen die Verbindungen untereinander doch bis in Kindheiten zurück. Die Handlung setzt 1958 ein, mit einer wilden Flucht, einem innerlich getriebenen jungen Helden – einem von fast einem Dutzend männlicher wie weiblicher – und einem Mord. Auch dieser ist nur einer von vielen.

Drama mit Überzeugung

Die emotionalen Wogen schlagen hoch, von Anfang bis zum Ende. Den »Gesang« des ausgesprochen treffenden deutschen Titels kann man sich gar nicht vielstimmig und brausend genug vorstellen. Mpodol, die eigentlich historische Figur, tritt trotz ihrer Präsenz und Einwirkung auf das Geschehen, bald zurück hinter den fiktiven Personen. Da ist z.B. Amos, Jugendfreund und Mitkämpfer, der sich redlich bemüht, immer das Richtige zu tun in den Konfrontationen von Freund und Feind. Privat ist er in eine schreckliche Ehe verstrickt, seine Liebe gehört einer anderen. Dieser Zustand trifft nahezu auf alle Beteiligten zu. Das hat seinen Grund aber keineswegs darin, dass Boum sich etwa aus der Truhe des Liebeskitschs bedienen würde. Im Gegenteil sind gerade die Liebesbeziehungen das Feld, auf dem sie die Veränderung der politischen Entwicklungen diskutiert.

Dass Männer zeitweise ihre Frauen verlassen, um mit einer anderen zu leben, war bei den Bassa offenbar möglich. Die Emanzipation von Frauen in dieser Epoche aber wird von einer der Figuren genutzt, um sich in eben dieser Situation einen anderen Mann zu nehmen. Gleiches Recht für alle. Natürlich sind die Folgen fatal, was gleichermaßen zum Drama gehört wie der Realität entspricht. Gesellschaften ändern sich nicht so schnell wie Individuen. Auf diesem Pfad, schmal, wie er ist, wandert Boum trittsicher. Sie appelliert stark an die Gefühle der Leserinnen, vermittelt aber immer den Eindruck, sich an einer Wirklichkeit zu orientieren, die eben diesen Leserinnen vertraut scheint. Diese vermeintliche Authentizität ist ebenso überwältigend wie das Gefühlige.

Der Erzählton ist erstaunlich sachlich, glatt, klar, schnell zum eigentlichen Thema kommend. Das ist jedoch angesichts der vielen Gefühle, die in hohem Tempo auf die Leserin einströmen, nicht verkehrt. Viele moralische Fragen dagegen bleiben offen, hier darf man sich eine eigene Meinung bilden. Standpunkt steht gegen Standpunkt, es geht eher darum, wie bereit man ist, die Folgen des eigenen Handelns zu tragen. Manche Lösung mag dabei auf Widerspruch der Leserinnen stoßen. Gut so. Was hier präsentiert wird, ist eine fremde Welt. Man muss sie kennenlernen, ehe man urteilt.

Magisches

Wo so viel Gefühl am Wirken ist, sind die Figuren entsprechend überlebensgroß gestaltet. Man kann die Geschichte lesen als düster-heroischen Unabhängigkeitskampf, als leidvolle Saga mehrerer untereinander verwobenen Familien, streckenweise selbst als nachkonstruierte klassische Tragödie, so unerbittlich ist der tödliche Ablauf. Gutes und Böses sind gleichermaßen gigantisch groß. Ihr Aufeinanderprallen am Ende am Beispiel Estas, einer Jugendfreundin von Amos, und des Vertreters der Kolonialmacht, Piere Le Gall, kann man bei den antiken Titanenkämpfen einordnen.

Bei all den Ingredienzien darf Magisches nicht fehlen. Da ist zum einen die Natur, das Waldland der Bassa. Boum zeichnet es als Heimat, aber auch als Teil des Seins der Menschen, die der Wald beherbergt. Mpodol, der zum Untergang verdammte Heros, darf darüber räsonieren. Das sind schöne Textstellen, aber auch die, an denen der etwas flache Duktus Boums nicht recht zum Klingen führt. Menschen liegen ihr weit mehr. Möglicherweise liegt es jedoch auch an den Männerfiguren. So richtig nahe kommt sie ihnen nicht. Ihren weiblichen Gestalten dafür um so mehr. Das Motto des Buchs weist übrigens auch in diese Richtung.

Im Weiblichen herrscht nicht nur Aufsässigkeit neben Leid, Liebe im Widerstreit zu Pflicht, hier beginnt auch das Reich der Magie. Esta ist Heilerin, Priesterin, wichtige Gestalt im Ko’o, dem Bund der Frauen. Tanz und Prophezeiungen, magische Kräfte, eine unterliegende Macht von Frauen im Sozialgefüge der Dörfer tritt hier zutage. Den Untergang aufhalten können sie nicht. Zur Verräterin wird eine, die den Ko’o verachtet, zum einen, weil sie dem Glauben der Kolonialmacht anhängt, zum anderen, weil die Frauen wiederum sie verachten. Die Gründe sind vielfältig, Boum erzählt immer komplex.

Estas Ende ist grässlich, wie so manches Ende in diesem Roman, aber die Magie hält an. Flüche werden wahr im Geschehen, Geister treten auf und lassen sich nicht bannen. Unheimlich ist auch die stete Verstrickung von Weißen und Einheimischen. Esta, Gérard Le Gall, der Sohn Pierres, und eine Ordensschwester bilden ein Beziehungsdreieck, an dem Boum die Verstrickung exemplifiziert. Auflösen lässt sich nicht mehr, was durch den Kolonialismus geschehen ist. Alles hat Folgen, man muss bereit sein, sie zu tragen. Mit Estas Tochter Likak, deren gesamtes Leben die Geschichte dann bis zur Jetztzeit führt, scheint eine Art versöhnendes Annehmen des Geschehens während des Unabhängigkeitskampfs eingetreten zu sein. Trotzdem steht am Ende der Tod. Im Unterschied zu den früheren Zeiten jedoch nicht das Vergessen, das ist wohl der wichtigste Anspruch der Autorin. Mit diesem Roman hat sie den Verlorenen durchaus ein würdiges Denkmal gesetzt.

Das Buch ist nicht als Jugendroman konzipiert, obwohl uns die Heldinnen und Helden zumeist schon als Kinder und Jugendliche begegnen. Der Verlag schlägt ihn trotzdem auch als Jugendroman vor. Gut. Bei all dem, was so gerne vergessen z.B. in puncto Kolonialismus, kann man gar nicht früh genug anfangen mit dem Erinnern.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Hemley Boum: Gesang für die Verlorenen
(Les Maquisards, 2016) Aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke
Wuppertal: Peter Hammer 2018
404 Seiten, 26 Euro
Jugendbuch ab 15 Jahren
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