Ungeahnte Freiräume

Kinderbuch | Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat

Das Internet, so meinen manche, hat durch seinen grundsätzlichen Wandel unseres Kommunikationsverhaltens und der Mediennutzung zu einer Veränderung in der Gesellschaft geführt, die mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen werden kann. Was, wenn es nicht funktioniert. Von ANDREA WANNER

Oma Internet kaputtMarc-Uwe Kling kennen die meisten von der Känguru-Trilogie, vielleicht noch von seiner 2017 erschienenen »lustigen Dystopie« ›Qualityland‹. Er kann auch Kinderbuch. 2015 entlarvte er die Oberflächlichkeit der ebenso hübschen wie fiesen und ziemlich doofen Prinzessin Popelkopf, 2017 erzähle er vom Sohn des Weihnachtsmannes, der aus der Reihe schlagend den Berufswunsch Ostermann hat. Und jetzt ruiniert ausgerechnet Tiffanys Oma das Internet.

Tiffany geht noch in den Kindergarten, hat aber gerade Ferien. Oma und Opa sind zum Aufpassen da. Auf sie, ihren 10jährigen Bruder Max und die pubertierende 14jährige Luisa. Obwohl. Das »zum Aufpassen« ist in Tiffanys Ohren eindeutig doppeldeutig und sie wertet es als die Aufforderung, auf ihre Großmutter aufzupassen. Und versagt kläglich, denn die Oma schrottet das Internet. »Aus Versehen«, erklärt die Kleine allen, weil das aus Erfahrung viel harmloser ist, als Dinge absichtlich kaputtzumachen. Aber hin ist hin.

Was das Internet so ganz genau ist, weiß Tiffany nicht. Die Erklärungsversuche der Oma helfen nichts, Max gelingt es etwas besser. Was die Großeltern in jedem Fall bedauern, ist das Fehlen von Opas Werkzeugkoffer. Max und Luisa verdrehen nur genervt die Augen: Ihnen ist klar, dass das alles überhaupt nichts mit der schusseligen Großmutter zu tun haben kann. Oder?

Jedenfalls kann die Oma nicht länger tun, was auch immer sie im Netz tun wollte, der Opa kann nicht länger seine Tiersendung im Fernsehen anschauen, Max kann nicht mehr per Handy mit seinem Kumpel kommunizieren und Luisa nicht länger ihre Punksongs hören. Das Internet funktioniert nicht mehr. Überraschend steht ein Junge vom Pizzaservice vor der Tür, der ohne Navi die Lieferadresse der nächsten Pizza nicht findet und auch die Eltern kommen vorzeitig nach Hause: Ohne Internet kann keiner arbeiten, weder die Mutter, die in ihrer Agentur Internetseiten betreut, noch der Vater, der einen Job in einer Bank hat. Und jetzt?

Kling entwirft eine, mehr oder weniger auf den heimischen Bereich reduzierte, Katastrophensituation (weitere Auswirkungen beim weltweiten Ausfall des www darf man sich gerne selber ausmalen). Nichts geht mehr. Primär findet das vor allem Tiffany gar nicht so blöd. Praktischerweise kennt man im Kindergartenalter noch Dinge, die man auch ohne funktionierendes Internet tun kann. Für die anderen, älteren Netznutzer ist es schwieriger. Aber vielleicht gibt es tatsächlich auch noch andere, nicht mal so schlechte Möglichkeiten, wie man – sogar gemeinsam – Zeit verbringen kann.

Astrid Henn erweckt wie bereits in den anderen beiden Kinderbüchern die Akteure bunt und witzig zum Leben und erzählt nebenher noch ein paar zusätzliche Geschichten (wie z.B. den staunenswerten Heimweg, den der Vater nimmt, weil die Navi-App auf seinem Handy auch nicht funktioniert hat).

Jede Menge Gags, kleine Seitenhiebe, viel Situationskomik. Kling überzeichnet und überspitzt – und trotzdem ist eine Menge Wahres dabei. Aber wenn diese Besprechung zu lesen ist, ist das Internet ja offensichtlich am Ende doch wieder repariert ;-)

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Marc-Uwe Kling: Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat
Mit Illustrationen von Astrid Henn
Hamburg: Carlsen 2018
72 Seiten. 12 Euro
Kinderbuch ab 7 Jahren
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