Falsche Erwartungen

Als ich das Buch für kleine Knirpse las, war sie sofort wieder da: die Erinnerung daran, wie bezaubernd nervend kleine Kinder sein können. Dieses gefühlt hundertfache Nachfragen, Bohren, dieses bewundernswerte niemals Vergessen. Das Kontern auf jede Antwort, wie ein Ping-Pong-Spiel, bei dem ich doch nie gewinnen konnte. Schon allein deshalb ist das Buch ein großer Spaß, aber nicht nur deshalb, meint BARBARA WEGMANN.

Der Wolf kommt nicht»Bist du dir sicher, dass der Wolf nicht kommt?«, fragt ein kleines Häschen seine Mutter. Das Häschen liegt im Bett und seine Mutter deckt es liebevoll zu. Die Hasenfamilie wohnt in der Hasenstraße, in irgendeiner Stadt, mit vielen Häusern und dem typischen, bunten Stadttreiben. »Ganz sicher«, sagt sie mütterlich beruhigend. Und prompt kommt diese Frage, die jede Mutter kennt und deren Tonfall so bekannt ist. »Warum?«

Dieses Frage-Antwort-Spiel geht weiter, ob sie sich denn da wirklich sicher sei, ob es denn keine Wölfe mehr gebe, wie ein echter Wolf aussehe, ob der Wolf nicht eine so feine Nase habe, und ihr Haus doch finde, vielleicht kenne er doch die Hasenstraße? Und so weiter, und so weiter. Die liebende Hasenmutter bewahrt Geduld und hat auf jede Frage eine Antwort, weiß auch zu erklären, dass der Wolf es ganz sicher nicht im Fahrstuhl bis in den fünften Stock schaffen würde. »Der Wolf kommt nicht. Da bin ich mir ganz sicher. Und jetzt wird geschlafen. Gute Nacht, Häschen.«

Es ist der französische, mehrfach ausgezeichnete Illustrator Ronan Badel, der »Träume mit einem Pinselstrich wahr werden lässt«, wie es heißt. Die Bilder sind eigentlich recht simpel, schnell erfassbar und sie bedienen sich auch nur weniger Farben: blau, braun, grau und rosa. Aber dann gibt es da merkwürdige Schatten, aufgeregte Augen, die verängstigt in eine Richtung blicken. Dann sind da versteckte Wölfe in den Bildern, Wölfe, die um die Straßenecke schauen, sich in Hausfalten oder hinter einem Baum verstecken, Wölfe, die einfach im Stadtleben herumlaufen, ohne dass sie jemand bemerkt. Kleinigkeiten, winzige Details, die Angst erzeugen, aufregend sind, viel Spannung schaffen. Große Wirkung mit wenigen Mitteln, das ist genial.

Aber so richtig überraschend und so völlig unerwartet ist das Ende des wirklich sehr schönen Kinderbuchs, so unerwartet, dass man das ganze Buch, den ganzen Dialog zwischen Häschen und der Mutter plötzlich ganz anders sieht. Eine raffinierte Wendung, die die französische Lehrerin und Autorin aus der Normandie Myriam Ouyssad da erfindet: Das Häschen hat die Nacht gut überstanden, und dann, am nächsten Morgen macht es an der Tür: »Klopf, klopf, klopf«. Das Häschen sitzt senkrecht im Bett.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Myriam Ouyessad: Der Wolf kommt nicht
Illustriert von Ronan Badel
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Hildesheim: Gerstenberg 2020
32 Seiten, 13 Euro
Bilderbuch ab 4
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