Riesig

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Kinderbuch | Peter Goes: Flüsse dieser Erde

Wasser ist nicht nur Baustein des Lebens, es hat für Menschen zudem eine besondere Faszination. Peter Goes hat sich von dieser Faszination leiten lassen. Vor allem die großen Wasserläufe haben es ihm angetan. Entsprechend dem Thema ist das Ergebnis einfach riesig! Von MAGALI HEIẞLER

Goes - Flüsse dieser Erde - 9783407754226 Das Buch überwältigt allein durch seine Größe. Aufgeschlagen liegen satte 54 cm Fülle vor der Leserin bei einer Höhe von über 37 cm. Kinder können sich lustvoll auf dem Fußboden breitmachen damit, in fortgeschrittenerem Alter – dieses Buch sei ausdrücklich für jedes Alter empfohlen – wird man mit einer Tischplatte glücklicher sein. Man hat die Größe noch nicht verkraftet, schon stürzen Farben und Formen auf eine ein. Hier wird nicht lange gefackelt und schon gar nicht gefragt. Ehe man es sich versieht, ist man unterwegs in der Welt der Wasserwege.

Das Ganze ist systematisch aufgebaut, es unterliegt ihm eine Struktur. Es gibt ein Inhaltsverzeichnis, gegliedert nach Kontinenten und Ländern, das die Lage klärt. Natürlich tragen auch die Doppelseiten Überschriften. Die Fülle an Informationen, Geschichten, Anekdoten und Bebilderung unterschiedlichster Art schlägt einer jedoch entgegen wie wilde Brandung, der Überblick geht erst einmal verloren. Das ist, wie sich herausstellt, schon ein Teil des Vergnügens. Hier ist die Leserin nämlich auf einer echten Entdeckungsreise.

Spiel der Wellen, Spiel der Fantasie

Jede Doppelseite hat ihre eigene Farbe, Blautöne, Grün, Rosa, Lila, Braungelb. Die Farbe bildet den Hintergrund für alle weiteren Zeichnungen auf den Seiten, es herrscht ansonsten Schwarz und ein wenig Weiß. Gezeigt werden jeweils Kontinent bzw. Landmasse und der umgebende Ozean bzw. die dazugehörigen Meere. Die Umrisse von Land und Meer entstehen durch intensivere und blassere Tönung der jeweiligen Grundfarbe. Das Spiel mit Formen beginnt bereits an dieser Stelle. Die Verläufe der jeweils ausgewählten Flüsse muss man suchen wie in einem Vexierspiel, denn auf den Seiten scheint pures Chaos zu herrschen.

Ein Anker sind die wenigen, knapp gefassten Zeilen auf jeder Doppelseite, die Grundinformationen liefern. Den oder die Namen der wichtigen Flüsse, ihre Länge, manchmal ihre Quelle, die geographische Lage, ein bisschen historische Bedeutung, ein Quäntchen Wirtschaft. Immer ein wenig anders aufgebaut, mal mehr, mal weniger. Allein um Sachinformationen geht es nicht in diesem Buch.

Flüsse und Meere sind Lebensräume nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere und Pflanzen unterschiedlichster Art. Vor allem sie dürfen sich über die Seiten ausbreiten. Da das Wasser von jeher schon die Fantasie von Menschen angeregt hat, befinden sich selbstverständlich auch Fabelwesen darunter. Es entfaltet sich eine Welt zahlreicher Wunder – in jeder Hinsicht. Aale, die über Land wandern, mythische Seeschlangen, japanische Riesenkrabben, Wasserspinnen, Libellen, die zur Paarung ein Rad bilden, fluoreszierende Fische, Polarbären oder Trolle, alles lässt eine gleichermaßen staunen.

Illustrationen von Tieren, fotoähnliche Stadtansichten, winzige Szenen aus dem Alltagsleben füllen die Seiten. Sie alle haben kurze Texterläuterungen, die in auf- und abwärtsbewegenden Linien unter ihnen dem Spiel von Wellen nachgebildet sind. Schwindelig kann einer werden, wenn sie zur Seekrankheit neigt. Schier trunken wird man vom gebotenen visuellen Reichtum ohnehin. Goes’ Fantasie scheint unerschöpflich wie die Wasserquelle des Lebens.

Nordischer Pfeifhase, Graceland, Rübezahl

Deutlich wird auch seine Liebe zum Dekorativen. Pflanzen und Blumen ranken sich um und über die Seiten, er spielt mit Proportionen. Tiere scheinen alten Kupferstichen zu entspringen, manche übergroß, andere winzigst, das eine hingestrichelt wie in einem Cartoon, das nächste lebensecht. Die Hingabe an die Gestaltung zeigt sich überall. Jede Doppelseite trägt die Abbildung eines Kompasses. Ausgestaltet ist er aber jedes Mal anders. Was dazu führt, dass man zuweilen gezielt nach ihm Ausschau halten muss. Goes’ Einfallsreichtum ist grenzenlos, die Idee mit dem Taschenmesser z. B. ist grandios.

Die Illustrationen erinnern an Wimmelbücher, es gibt eine überbordende Menge an Details. Dutzende Geschichten werden erzählt, allerdings nur knapp. Seltene Tiere tauchen auf, Elvis Presley erschient unvermutet, Rübezahl zeigt sich in seiner ganzen beeindruckenden Riesengestalt. Die Neugier wird geweckt und besonders die eigene Fantasie. Das spricht nicht nur die Kleinen an. Wer sind die Passagiere auf dem winzigen Schiffchen in der Nähe des Rheinfalls? Haben einige borstige Haare, stehen ihnen vor Angst die Haare zu Berge oder sitzt da gar ein Monster unter ihnen? Indische Göttinnen erscheinen und indianische Götter, japanische Mythen werden lebendig. Natürlich schwimmt eine Flaschenpost durch ein Bild und ganz klar auch Plastikmüll.

Goes ist hellwach. Seine Kommentare zur Lage wie sein Humor sind knochentrocken und schrullig. Hat man sie erst einmal entdeckt, kann man sich ihrem Charme nicht mehr entziehen und ihrer Überzeugungskraft gleich gar nicht. Auf der ersten, der Europakarte, etwa, tobt ein Gewitter jenseits der türkischen Grenze, so ungefähr in Syrien? Zu Nordamerika erfährt man nebenbei, dass der Colorado im Unterlauf kaum noch Wasser führt, weil unsere Lebensweise so viel verbraucht. Auf der anderen Seite hört man aus dem indischen Bundesstaat Uttarakhand, dass der Verschmutzung des Ganges dadurch entgegengewirkt wird, dass man den Fluss kurzerhand die gleichen Rechte wie einem Menschen zugestanden hat.

Realistisches und Märchenhaftes, Fassbares und Unfassbares, Geschichte, Physik und Metaphysik der Menschenwelt sind hier gleichermaßen künstlerisch wie intellektuell auf hohem Niveau verbunden. Die Illustrationen wandern stilistisch zwischen naturalistisch zu Cartoonartigem, von detaillierten floralen Mustern zu naiver Malerei und wieder zurück. Es ist ein Eldorado für alle, die gern schauen. Es kann aber auch anderen die Augen öffnen, im Wortsinn. In diesem Buch steckt so viel Liebe, man kann sich ihm nicht entziehen.

Und weil Flüsse und Meere von jeher die Fantasie von Menschen angeregt haben, fügt Goes ein Märchen passend zur heutigen Zeit an. Am Südpol, so entdeckt man, gibt es einen Ort, an dem … Nein. Psst. Das ist ein Geheimnis.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Peter Goes: Flüsse dieser Erde. Eine Reise über Flüsse, Meere, Ozeane
(2018 Rivieren, 2018). Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann.
Weinheim: Beltz & Gelberg 2018
78 Seiten, 24,95 Euro
Kinderbuch ab 8 Jahren
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