Gefiederte Gäste werden zu Freunden

Kinderbuch | Matías Acosta: Die Sommergäste – Las visitas del verano

Viele zweisprachige Kinderbücher hat der Schweizer Baobab Verlag in seinem Angebot. Eine schöne Sache, für die, die zwei Sprachen beherrschen, zweisprachig als Kind aufwachsen oder neugierig sind auf eine andere Sprache. Und zugegeben, der Klang einer anderen Sprache lässt eine Geschichte doch noch spannender erscheinen, oder nicht? – fragt BARBARA WEGMANN

SommergästeEigentlich geht es ihm gut, diesem Mann, der da am Fenster steht und nicht gerade vor guter Laune strotzt. Wer weiß, vielleicht will er ja alleine leben und sieht darin seine Zufriedenheit. »Diese Geschichte ereignet sich an einem Ort, an dem ein Mann ganz für sich alleine lebte.«

Klare Sache, da muss noch etwas passieren, und dann: »Eines Morgens, der Sommer hatte gerade begonnen, wurde er von lauten Rufen geweckt. – Una mañana, recién comenzado el verano, lo despertaron unos fuertes gritos.« Gänse haben sich den Ort des Mannes als Sommerquartier ausgewählt. Laut sind sie, sie kreischen, schnattern, krähen, wollen einfach nicht mehr den Schnabel halten. Der Mann ist entsetzt, seine Ruhe ist dahin, er versucht die gefiederten Eindringlinge mit lauten Schreien und Rufen zu erschrecken und zu verjagen, aber vergeblich. Seinen »ruhigen und friedlichen Morgen« kann er jetzt wohl vergessen.

Es ist wenig Text, sehr wenig Text, und mancher Satz erstreckt sich über zwei Seiten, wenig nachvollziehbar, das spürt man, wenn man es laut liest und mitten im Satz umblättern muss. Aber der spärliche Text reicht vollkommen, um Illusionen und Bilder wach zu rufen, der Fantasie das Feld zu überlassen. Man spürt förmlich das Knistern der Stimmung, die da zwischen dem Mann und seinen Gänse-Gäste liegt. Und die sieht erst einmal gar nicht so gut aus.

Eher mit dem Film hatte es Matías Acosta zu Beginn seiner Laufbahn, dem Animationsfilm. Dann begann er mit dem Illustrieren und das brachte ihm auch Preise ein. Dies hier ist nun sein erstes Bilderbuch, in dem er auch den Text geschrieben hat. Der Uruguayer malt in kräftigen Farben, abstrahiert bei Vielem, das wiederum rückt Anderes noch stärker in den Vordergrund, alles wirkt noch eindrucksvoller, der Gesichtsausdruck, die Wut des Mannes, die aufgeregten Gänse, die karge, öde, einsame Landschaft im Hintergrund, vor dem sich die nicht gerade friedvolle Begegnung abspielt. Mit nur ganz wenigen Mitteln malt Acosta das ganze Jahr, die windarme Sommerlandschaft, den dicken Herbstregen, den Sturm, den Schnee im Winter. Acosta ist ein stiller Beobachter. »Ich finde es spannend, meine Aufmerksamkeit auf scheinbar einfache Dinge zu richten. Etwa einen Berg, einen Bach oder einen Baum.«

Aber wie geht es in der Geschichte nun weiter? Zunächst einmal findet sich der Mann mit den Gänsen ab, er füttert sie sogar, stellt ihnen einen kleinen Pool auf. Und während die Gänse Ruhe geben und sich offenbar wohlfühlen, ja einleben, liest der Mann Zeitung, tut so, als wäre er ganz abwesend, desinteressiert. Aus der anfänglich feindlichen wird wenigstens eine ruhige Stimmung. So vergehen die Tage, bis der Herbst kommt. »Auch der Herbst schien dieses Jahr Flügel zu haben. Er kam viel zu früh. – El otoño de esa año tambien parecia tener alas. Llegó demasiado pronto.«

Und mit dem Herbst kommt das Problem: Die Gänse wollen nicht in den Süden fliegen. »Wie sollte er ihnen erklären, dass sie den Winter nicht überstehen würden? – Cómo explicarles que no sobrevivirían el invierno?« Es regnet und stürmt, es wird kälter und sehr ungemütlich, die Berge sind bereits schneebedeckt. Jetzt brauchen die Gänse einen Freund, sagt sich der Mann, der die Tiere liebgewinnt. Und das, was er dann unternimmt, das ist einfach genial.

Es ist eine hübsche Geschichte, die davon erzählt, dass man sich entweder im Leben abkapseln kann, nichts und niemanden mehr an sich heranlässt oder dass man sich öffnet, sich auf Andere und Anderes einlässt, kommuniziert, hilft, da ist, Freundschaften knüpft, ob zwischen Menschen oder auch eben zwischen Tier und Mensch. Und siehe da, dann verändert sich plötzlich eine ganze Menge. »Die Tür in unser Leben zu öffnen«, dazu sollte es nie zu spät sein. Und mit dieser Erkenntnis kann man nicht früh genug beginnen. Das Buch, so heißt es, sei für Kinder von 5 bis 6 Jahren, ich persönlich würde es auch deutlich früher ansetzen.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Matías Acosta: Die Sommergäste – Las visitas del verano
Ein Bilderbuch aus Uruguay
Aus dem Spanischen übersetzt von Jochen Weber
Basel: Baobab 2021
48 Seiten, 18,50 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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