Kreaturen mit Fischschwanz und ausladendem Oktopusrock

Kinderbuch | Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau

Verkleiden, sich neu einkleiden, mehr mit der Phantasie spielen als mit dem, was das Kaufhaus uns bietet, könnte man immer. Aber für Erwachsene, gar für Männer, ist das nicht passend – leider: Das Bürgertum Anfang des 18. Jahrhunderts hat nachhaltig dafür gesorgt, dass Männer sich eher langweilig kleiden müssen. Kinder sind da freier. Und wenn ein Junge von Meerjungfrauen schwärmt und einfach aus dem Wohnzimmer nimmt, was er findet, kann alles Mögliche passieren. Von GEORG PATZER

Julian ist eine MeerjungfrauJulian. Und seine Oma. Julian hält ein aufgeklapptes Buch in der Hand, seine Oma eine große Tasche auf dem Schoß. Dann kommen drei Meerjungfrauen. Stolz und schlank gleiten sie am Fenster vorbei, treten ins Abteil der S-Bahn. Schwungvoll wirft die eine ihre fast bis auf den Boden reichenden schwarzen Haare nach hinten, elegant hebt die zweite ihren blauen Fischschwanz vom Boden und rückt ihren riesigen Kopfputz zurecht und die dritte winkt Julian zu – jetzt sieht man auch ihre Füße. Doch keine richtigen Meerjungfrauen, schade, denn »Julian LIEBT Meerjungfrauen«.

Und schon gleitet er ins türkisfarbene Wasser, Hose und Hemd lösen sich von ihm, und mit einem WUSCH taucht er in einen bunten Schwarm von Fischen und Quallen ein: Weiß- und rot gepunktete, schwarze, riesige gelbe und winzige blaue Fische, mit großen festen oder fransigen Flossen – wie ein mächtiges Gebunte zischen sie in einer einzigen Bewegung durch das Nass – und Julian immer mittendrin. Dem jetzt auch ein Fischschwanz wächst: Er dreht sich glücklich, schwänzelt und tänzelt, und dann bekommt er von einem großen blauen Fisch, mit weißen Perlen bestickt, feierlich und mit einem Zwinkern in den Fischaugen eine Korallenkette überreicht.

»Komm, mein Schatz«, sagt die Großmutter. »Wir sind da.« Sie steigen aus, und Julian winkt den drei Meerjungfrauen zum Abschied zu. Zu Hause geht die Oma duschen: Heiß ist es, auf den Straßen haben die Kinder die Hydranten geöffnet und springen kreischend durch den Wasserstrahl, und das Fenster steht weit offen, um etwas Luft reinzulassen, die Gardine weht im Wind.

Julian hat eine Idee: Schnell zieht er sich bis auf die Unterhose aus, bedient sich am Farn im Topf und an den Blumen in der Vase, bastelt sich damit einen Phantasiekopfschmuck und malt sich dann noch die Lippen rot an. Zum guten Schluss holt er sich die Gardine und legt sie sich um: Weit nach hinten fällt sie über den Boden, wie eine gigantische Schleppe. Da kommt Oma herein und schaut ihn ernst an.

Julian im Wasser

Jessica Love hat mit ›Julian ist eine Meerjungfrau‹ eine schöne, phantasievolle Geschichte auf einen packpapierbraunen Untergrund gemalt, mit nur wenigen Wörtern, meist knappen Dialogen. Die Bilder sprechen für sich, sie rollen hintereinander wie in einem Film – so sieht man die drei Meerjungfrauen erst hinter den beiden hergehen, dann am Fenster und dann im Abteil, wo sie sich bewegen, lächeln, winken, Haare und Kleider schwungvoll werfen. Wie in einer Überblendung gerät Julian in seinen Tagtraum vom Wasser, langsam schwappt es über ihn, fängt ihn ein und lässt ihn dann unter Wasser schweben und mit den Fischen tummeln. Auch zu Hause ist die Szenerie lebhaft beflügelt, elegant schwingt er sich die Gardine um und streckt in einer ballettartigen Pose triumphierend die Hand nach oben.

Zum Glück endet die Geschichte nicht mit der grimmigen Miene der Großmutter. Julian steht bedröppelt da, als die Großmutter ihn sieht und wortlos davongeht, nur „Oh!“ macht und „oh, oh.“ Ängstlich schaut er nochmal in den Spiegel. Aber als sie ihn ruft, gibt es keine Strafe, auch schaut sie ihn nicht vorwurfsvoll an: In ihrem blauen, perlenbestickten Kleid, schenkt sie ihm feierlich eine rosa Perlenkette, wie der Fisch in seinem Tagtraum.

Überall Meerjungfrauen

Und dann gehen sie wieder nach draußen, die Oma im blauen Perlenkleid und Kopftuch und mit einem riesigen Sonnenschirm, Julian mit Perlenkette, Pflanzenkopfschmuck und dem Gardinenrock mit der langen Schleppe, die er sorgsam in der Hand hält. »Wohin gehen wir?« fragt er. »Das wirst du gleich sehen.« Und dann sieht er: »Meerjungfrauen«. Wesen mit Fischschwanz oder ausladendem Oktopusrock, mit hohen Plateausohlen oder afrikanischen Gewändern. Meergrün gekleidete Gestalten mit schuppenartigen oder halbdurchsichtigen Kleidern, und fast alle mit einem riesigen, aufwendigen Kopfputz, der bei jedem Schritt wippt und wogt. Eine Parade von Fabelwesen. So wie er. Und so gehen die beiden mit, und die ganze große Gruppe tanzt mehr als sie geht, und dann erreichen sie das Meer.

Es ist ein vor optischem Einfallsreichtum überbordendes Bilderbuch, das die us-amerikanische Autorin Jessica Love gezeichnet hat, mit einer feinen Drehung in der Mitte, wo man denkt, dass es nicht gut ausgehen wird, wenn sich der Junge Julian ein Kleid anzieht und die Lippen rot anmalt. Ein Buch, das wunderschön die Ebenen vermischt, Oma und Fisch die gleichen Ausmaße haben und ein ähnliches Gewand tragen. Ein Buch über die Freude an der Phantasie, am Spiel, am Verkleiden. Wo man als deutscher Leser zuerst nicht genau weiß, was diese Meerjungfrauen darstellen, vielleicht zuerst an Drag Queens denkt.

Den Amerikanern wird schnell klar, dass sie alle zur »Mermaid’s Parade« gehen, die am Sommeranfang, am Samstag vor Sommersonnenwende in Coney Island, Brooklyn stattfindet und zum Strand führt. Und das ist sogar ein bisschen schade, denn es wäre doch schön, wenn sich einfach viele Menschen auf einmal bunt und schräg und phantasievoll kleiden, egal ob weiß oder schwarz, Frau oder Mann, und einfach so auf die Straße gehen würden.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau
(Julian is a Mermaid, 2018) übersetzt von Tatjana Kröll
München: Knesebeck Verlag 2020
32 Seiten, 13 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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