Fantasie, Witz und Mut: Einblicke in das Leben einer Jüngsten

Kinderbuch | Abby Hanlon: Donner und Dory!

Die Jüngste in der Familie zu sein, stellt vor besondere Herausforderungen. Nicht jede meistert das so genial wie Dory, findet ANDREA WANNER

Klein aber ohoOkay, ich kenne das Gefühl nicht. Ich war die Älteste. So wie Charlotte, die große Schwester von Dory. Als Nächstes kam mein Bruder. Wie bei Dory ihr Bruder Luca. Und dann die Kleine. Für die großen Geschwister eben zu klein. Auf die Idee, die Jüngste dann »Ratte« zu nennen, muss man erst mal kommen. In dem Wort steckt eine Menge und wenig davon ist nett gemeint. Tja, Dory nervt eben. Egal, was sie tut. Und sie tut eine Menge.

Abby Hanlon entwirft in Wort und Bild eine ebenso eigenwillige wie energische Vorschülerin, die voller Ideen und Fantasie steckt. Mit ihrer ewigen Fragerei treibt sie nicht nur die Eltern, sondern vor allem auch die größeren Geschwister gelegentlich fast in den Wahnsinn. »Wie macht man Plastik?« – »Was bedeutet ›bitte‹?« – »Wozu braucht man Achselhöhlen?« Nichts, was Dory nicht wissen will und fragt. Das nervt. Wenigstens eine gibt es, die Dory immer und geduldig zuhört. Mary. Leider ist Mary nur für Dory sichtbar und die anderen finden diese unsichtbare Freundin den Gipfel an Spinnerei. In Dorys Welt ist so manches für die anderen nicht sichtbar. Zum Beispiel die zahlreichen Monster, die das Haus bevölkern vom Klo-Monster über das Ketchup-Monster und das Saug-Monster bis zum Sofa-Monster und dem Schubladen-Monster.

Nicht einmal die gut gemeinten Rettungsaktionen können Charlotte und Luca milder stimmen. Im Gegenteil, jede Monsterwarnung von Dory regt die beiden noch mehr auf und sie beschließen Rache. Vielleicht gelingt es ihnen, Dory mit einem von ihnen ausgedachtem Schreckgespenst in die Schranken zu weisen. Und so denken sie sich Frau Knorpel-Knacker aus, die mir ihren fünfhundertsieben Jahren und spitzen Zähnen auf Jagd nach kleinen Mädchen ist. Entkommen kann man ihr vielleicht, wenn man sich nicht mehr so kleinkindmäßig verhält wie Dory, ist der Rat der Geschwister. Allerdings haben sie die Rechnung ohne die überbordende Fantasie ihrer kleinen Schwester gemacht.

Die amerikanische Autorin, die nach eigenen Angaben als Kind sehr fantasievoll war, Selbstgespräche führte und sich Geschichten ausdachte, erzählt von Dorys Alltag voller Humor und Gags, nimmt die Kleine und ihre Ängste und Probleme aber dabei immer ernst. Selten gelingt diese Gratwanderung so gut. Dory ist noch die verspielte Kleine, die an der Schwelle zum Schulkinddasein steht. Eigentlich will sie nur dazugehören, aber ihre Welt funktioniert schlicht anders als die der übrigen Familie.

Und wenn plötzlich eine gute Fee wie Herr von Morps auftaucht und Dory in einen Hund verwandelt, damit Frau Knorpel-Knacker sie nicht erwischt, dann ist Dory eben ein Hund. Mit allen Konsequenzen. Neben den passenden Worten findet Hanlon dafür mit wenigen Strichen auch genau die richtigen Bilder.

Die Geschichte findet ein wunderbares Ende, das viel dem Geschwistergefühl zu tun hat, das entsteht, wenn man sich irgendwann auf Augenhöhe zu begegnen beginnt, weil alle die Spielregeln der gemeinsamen Aktivitäten verstehen und akzeptieren. Und das Ende ist – schöne Nachricht – nur das Ende des ersten Bandes der Dory-Reihe, die sich wunderbar zum Vorlesen eignet. Oder zum Selbstlesen – für die Jüngsten und für die manchmal gar nicht nur netten älteren Geschwister.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Abby Hanlon: Donner und Dory! Klein aber oho
(Dory Fantasmagory, 2014). Aus dem Englischen von Sophia Marzolff
München: cbt 2015
160 Seiten, 10,99 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
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