Allzu niedlich

Kinderbuch | Alison Jay: Mia und das Blumenwunder

Bienchen und Blümchen, ein kleines Mädchen und dann noch ein Wunder, ist das lieb! Allerdings geht es um ein ernstes Thema und dabei wäre ein sachlicherer Ton eher angebracht als süß-verspielte Niedlichkeit. Die Autorin war der gleichen Meinung, der deutsche Verlag nicht. Von MAGALI HEIẞLER

Mia und das Blumenwunder - 978-3-401-71148-5 - BlümchenAm Anfang erwartet die Leserin reiner Genuss. Das ist nun kein Wunder, schließlich versteht sich Alison Jay bestens darauf, die Betrachterinnen ihrer Bilder zu verzaubern. Ihre Magie wirkt auch hier. Der himmelblaue Vorsatz mit den Blümchen, die vermeintlich regellos darüber gestreut wurden, tatsächlich aber perfekt gereiht sind, sind nicht nur gleichermaßen heimelig wie ästhetisch, sondern verweisen auf eine Harmonie von Natur und Welt, die tatsächlich bedroht ist. Die Idylle ist trügerisch, eher ein Traum als Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit schlägt auf der nächsten Seite zu, eine Stadtlandschaft breitet sich aus. Durchaus bunt auch sie, aber sie wirkt schwer, unbeweglich und beengend. Mia lebt hier, hoch oben in einem Hochhaus.
In Mias Zimmer verirrt sich die zweite Heldin der Geschichte, die Biene. Nun wird‘s ernst. Mia erschrickt, holt flugs die Fliegenklatsche und …

Träumerisch

Die Interaktion zwischen Mia und dem Insekt wird als Traum erzählt. Aus Fürsorge wird Freundschaft, aus der Gemeinschaft von Mensch und Tier ein gemeinsames Sorgen für den Gang der Natur, das unentwegte Keimen und Wachsen der Pflanzen.
Jay schenkt ihren Betrachterinnen stets wechselnde Perspektiven, unterstützt von variantenreicher Verteilung der einzelnen Bilder auf den Seiten. Die Illustrationen erstrecken sich über Doppelseiten, kommen als Paneele in wechselnder Zahl und nicht immer rechteckig, sondern zuweilen auch oval oder rund. Andere Seiten zeigen die Aktionen als Muster, ungerahmt, breitflächig verteilt, etwa, wenn Mia und die Biene miteinander spielen. Dabei herrscht wieder klare Ordnung, auch wenn sich die einzelnen Bildchen voneinander unterscheiden. Farbgebung und Figürchen bleiben sich gleich, das Muster bleibt regelmäßig. Die Botschaft ist klar: Zusammen sind Biene und Mensch Harmonie.

Warum das so ist und warum das wichtig ist, wird ebenfalls gezeigt. Und wie groß die Welt ist, eine wesentliche Einsicht für die ganz Kleinen. Die Künstlerin arbeitet mit schnell trocknenden Ölfarben auf Papier. Ihre Bilder besitzen Weichheit, ohne flauschig-kuschlig zu sein. Es ist die Weichheit purer Schönheit. Die Farben sind zart, eher im Pastelligen als im Kräftigen zu finden, warm rosig-golden übergossen. Regen und Winter werfen eine unvermittelt ins kalte Spektrum. Angst macht das nicht, denn Jay hat sich für Mia noch etwas Besonderes ausgedacht. Die weit klarere Farbgebung macht noch eines deutlich: der Traum ist zu Ende. Ab hier herrscht die Realität.

Warum, um alles in der Welt …?

Die ganze Geschichte ist deutlich zum reinen Betrachten angelegt. Formen, Farben, Perspektiven und das Zusammenwirken der Figuren erzählen geradezu einen Roman. Unterstützt wird das durch zahlreiche Details, die ihrerseits verlocken, etwas weiterzuspinnen. Die Bildergeschichte ist ganz wunderbar geeignet, in enger Verbindung zwischen Älteren und Jüngeren zu erzählen, warum Menschen auf Bienen angewiesen sind, wollen sie überleben. Die jeweilige Fantasie hat ein weites Betätigungsfeld, sowohl die Kleinen als auch die Großen werden aufs Beste angeregt. Toll!

Aber offenbar genügt das nicht. Für die deutsche Ausgabe wurde ein Text dazuerfunden. Schlimm genug, eigentlich, dass dieses das Ende eines künstlerischen Konzepts war. Das reichte jedoch offenbar nicht. Der Text, so knapp er auch gehalten ist, verändert die Aussage des Gesamtentwurfs.

Zum einen wird geschönt. Das sind wir ja nun seit Jahr und Tag gewöhnt, seien es Bücher, seien es Filme, empfindliche Gemüter dürfen haltlos mit Schere, Radiergummi und Löschtaste hantieren. Auch hier widersprechen sich Text und Bilder, es wird verniedlicht bis an den Rand von Kitsch. Die Biene wird zum Bienchen. Tatsächlich geht es um Leben und Tod – die Fliegenklatsche spricht eine deutliche Sprache. Um Fürsorge für die Natur, nicht um »Glück«. Das verspricht heute jeder Supermarkt. Und ums Kuscheln geht es schon gar nicht.

Am besten übersieht man den süßlichen Text großzügig und erzählt eine eigene Geschichte. Die Bilder genau zu betrachten ist dabei kein Fehler. Der einzige Buchstabentext, den man lesen soll, stammt von Jay. Eine kurze Seite ganz am Ende erzählt ein bisschen von Bienen, was sie zum Leben brauchen und warum wir Menschen Bienen brauchen. Hält man sich also an den ursprünglichen Plan, wird man an diesem Bilderbuch sehr viel Freude haben.

| MAGALI HEIẞLER
| Titelfoto: Arena Verlag 2017

Titelangaben
Alison Jay: Mia und das Blumenwunder
(Bee & Me, 2016), Text: Erwin Grosche
Würzburg: Arena 2017
32 Seiten. 12,99 Euro
Bilderbuch ab 3 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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