Ein Jahr lang Buntes

Kinderbuch | Der Kinder-Kalender 2020

Rutscht aus auf der Bananenschale und endet nach missglücktem Spagat als fein pürierter Makrelensalat. Ein »glitzerndes Gebunte« bildhafter Gedichte und Geschichten: Zum zehnten Mal gibt die ›Internationale Jugendbibliothek‹ einen Kinderkalender heraus, den SUSANNE MARSCHALL wärmstens empfehlen kann.

Kinder Kalender Seit Stunden müht sich die Karawane den Berg hoch, stapft durch unwirtliches Gelände und karge Landschaft: Kein Baum weit und breit, kein Rastplatz mit Quelle in Sicht, nur ein paar verstreute Kakteen, dürre Grasbüschel und ausgetrocknetes Gestrüpp. Zum Glück haben sie ihre gebirgserprobten Lamas dabei: Die merken das schwere Gepäck auf ihrem Rücken nicht einmal. Und alle haben Röcke an, aber das will ja nichts heißen, und tragen runde Hüte mit schmaler Krempe. Die Alten laufen ein wenig gebückt und man meint, das Schlurfen der schweren Schritte zu hören. Das Keuchen. Die Jüngeren gehen forscher voran und haben ihre Sprösslinge genau im Blick… Und dann, am steilsten Stück, kurz vor dem ersehnten Gipfel, passiert etwas Unglaubliches. Gar Unfassbares: »Durchnässt und verschlafen stellt sich ein Käfer uns in den Weg.«

Schön schräg ist das kurze Gedicht des Schweden Anders Holmer und wird noch abstruser durch seine Illustration, die nicht nur schönes Beiwerk ist, sondern weitere Erzählebenen auffächert. Einlädt, sich in abenteuerliche Geschichten zu stürzen: Ist dieses kleine Etwas tatsächlich ein Käfer? Dieses schwarze Häuflein, das so winzig ist, dass man keinerlei Details erkennt – keine Beinchen, keine Fühler, keine Augen – geschweige denn, ob es durchnässt und verschlafen ist … Ist es nicht doch nur ein Stein? Aber falls es doch ein lebendiger Käfer ist, was macht er da oben in den Anden? Und woher nimmt er seine Dreistigkeit, der Karawane den Weg zu versperren?

Jedes Jahr bin ich gespannt wie ein Flitzebogen auf den neuen Kinder-Kalender, den die ›Internationale Jugendbibliothek‹ herausgibt, nun schon zum zehnten Mal. Und wieder ist der Wochenkalender mit 52 Blättern ein glitzeriges Gebunte bildhafter Gedichte und Geschichten aus aller Herren Länder: klangvoll illustriert, bezaubernd komponiert. Und so entfaltet sich auf jedem neuen Wochenblatt eine andere funkelnd verspielte Welt aus Wort und Bild: Vom »Fischfernsehen« ist die Rede, wenn der Teich zugefroren, die Eisbahn eröffnet ist. Und »unter dem Eis mit schwerem Seufzer Frau Fisch zu ihrer Freundin spricht: ‚Ich red mir Fransen an den Mund: Husch-husch, ins Bett! – Die Kinder trotzen: Heut kommt doch Eiskunstlaufen! – und sie hängen eisern vor der Glotze.‹«

Die Makrele wird allerdings nicht mehr erfahren, dass in Russland etliche Fische sogar einen Fernseher haben – aber was muss sie auch so hochnäsig sein: Statt auf den Boden zu schauen, wo sie hintritt, stolziert sie edelgewandet daher, mit Blümchen in der Brusttasche und nach Hans-guck-in-die-Luft-Manier. Und »rutscht aus auf der Bananenschale und endet nach missglücktem Spagat als fein pürierter Makrelensalat.« Auch der Maulwurf scheint etwas Besseres sein zu wollen: Er hat es satt, mit der Nase in der Erde zu wühlen, »einen Spaten zum Graben wollte er haben und ging gleich los.« Aber: »Ich sah ihn im Garten nie mit dem Spaten, doch hab ich gehört: Jeder Maulwurf im Garten beneidete ihn um den Spaten.«
Was für ein Angeber …

Entscheidungen stehen an – »Soll hier nach links, nach rechts ich traben? Der Nase nach? Erst längs, dann quer? Schlecht ist es nicht die Wahl zu haben … Wenn bloß die Qual der Wahl nicht wär!« – und ein Radler erzählt von seinem hundertsiebten Sieg: »Wind im Ohr, Tränen im Auge, die Seele in freiem Tanz – jetzt bloß nicht in die Speichen geraten mit dem Schwanz!« – man sieht einen behelmten Tiger in buntem Trikot auf seinem Rennrad eine Allee entlangrasen. Das Leben wird gefeiert, eine gute letzte Reise gewünscht und »ein Erbsen essendes Knabbermäuschen bringt die Mäuseschar aus dem Häuschen. Wo es hinkommt, knattert es, oh Schreck, wer in der Nähe ist, rennt weg.« Und »ein Regenrohr lag bequem auf dem Ohr, angelehnt an ein Dach. Im Schlaf schlang sich’s hoch zu den Wolken, zum Himmel empor. Doch plötzlich drang ihm ein Rauschen ans Ohr und sein Traum wurde nass.«

Manche Gedichte sind kurz und knackig, andere buntscheckig – noch mal andere lang und erzählend. Manche hauen auf die Pauke, manche sind leise wie der Flügelschlag der Eule. Sie sind verschnörkelt und gradlinig, traurig, sonnig, witzig und abstrus. Hallen geheimnisvoll und abenteuerlich, sind lustig und hintergründig, klar und präzise – politisch, humorvoll, lyrisch – vielfältig bunt… und werden noch lebendiger durch die wattigen, strichigen, malerischen – spitzstiftigen, weichen, umhüllenden – bonbonbunten, rätselhaften, verrückten, bizarren Malereien, Graphiken, Buntstiftzeichnungen, Aquarellen, Collagen … und alle Blätter haben eines gemeinsam: Sie erzählen wunderschöne Geschichten, auch wunderschön skurrile, die zum Weiterfabulieren verführen …

Nein, natürlich vergesse ich den Grafiker Max Bartholl nicht: Er ist nämlich derjenige, der den Kalender letztendlich zum Leuchten bringt. Der jedes Kalenderblatt beseelt, japanische, koreanische, hebräische Originaltexte, russische, finnische und schwedische, arabische, estnische, tschechische, die in Farsi oder Lingala mit der deutschen Übersetzung und den Illustrationen so komponiert, dass ein schillerndes Gesamtkunstwerk entsteht.

| SUSANNE MARSCHALL

Titelangaben
Der Kinder-Kalender 2020
Herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek
Verlag edition momente
60 Blätter, 52 vierfarbige Illustrationen, 20 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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