Gutgläubige Hühner und ein aufgeblasener Gockel

Bilderbuch | W.Holzwarth / G.Jakobs: Der Sonnenkönig

Wenn einer den Hals nicht voll bekommen kann, braucht er Leute, die ihn ihm vollstopfen. Und es gibt eitle Gockel, die zielsicher jede Schwäche ausnutzen, nur damit sie reicher, fauler, dicker werden können. Von so einem Gockel hat Werner Holzwarth jetzt geschrieben. Von GEORG PATZER

Der SonnenkoenigEin schlaues Kerlchen, dieser Konrad. Einer, der ein Gerücht wirklich gut zu seinem Vorteil nutzte. Eine kleine Bemerkung aufgriff und damit fett und reich wurde. Da sagte nämlich die dicke Berta zu ihrer Nachbarin Henriette: »Konrad kräht und die Sonne geht auf.« Der war das noch gar nicht aufgefallen, dass da ein Zusammenhang besteht. Aber vielleicht ist sie ja auch ein bisschen dumm.

Konrad hat das jedenfalls aufgeschnappt, und er ist nicht dumm. »Am nächsten Tag beeilte sich Konrad mit dem Krähen so sehr, dass er fast zeitgleich mit dem ersten Sonnenstrahl loskikerikiete.« Am Dienstag flüsterte er, »aber so laut, dass es alle Hühner hören konnten: ›Aufwachen, Sonne‹«, am Mittwoch knurrte er »Na, wird’s bald, Sonne«, und am Donnerstag war wirklich allen Hühnern klar, dass es nur Konrad zu verdanken war, dass die Sonne aufging.

Großes, aufgeregtes Gegacker, vor allem von Henriette: Was ist, wenn er verschläft? Was ist, wenn er krank ist? »Dann, meine Liebe, wird es zappenduster«, sagt Konrad, dann gibt es nichts mehr zu fressen, und überhaupt fühlt er sich heute gar nicht gut. Und gefressen hat er auch noch nichts. Und sofort laufen die dummen Hühner los, um ihm was zu fressen zu bringen: Würmer, Gras, Schnecken, die allerbesten Leckerbissen. Und das ab jetzt an jedem Tag, denn Konrad fühlt sich jetzt plötzlich tagsüber immer matt und krank.

Und die Hühner rackern sich ab, scharren stundenlang nach Würmern, jagen Schnaken und bringen ihm Äpfel und Pflaumen und die zartesten Nacktschnecken, die sie finden können.

Eine hübsche, böse Parabel hat sich Werner Holzwarth (der mit dem »Maulwurf, der wissen wollte…«) ausgedacht: Wie eine dumme Schar von gutgläubigen Hühnern anfängt, einem schlauen, egoistischen Hahn zu dienen, wie sie ihn vollstopfen und sich dabei bis zur Erschöpfung und Abmagerung abrackern, während er immer fetter und fauler wird. Immer anspruchsvoller und den Hals nicht vollkriegen kann: »Normale Regenwürmer genügten ihm schon bald nicht mehr. Mindestens sieben Zentimeter lang mussten sie jetzt sein. Und Kleeblätter fraß er auch nur noch, wenn sie vier Blätter hatten. Außerdem bat er um Beifall für sein morgendliches Krähen.«

Ein Schmarotzer wie ein Politiker

Kommt uns das bekannt vor? Schmarotzer, die nur deswegen existieren können, weil andere ihnen glauben. Nicht hinterfragen, was da passiert. Nicht auf die Wissenschaft setzen, die ihnen sagen würde, dass die Sonne sowieso jeden Tag aufgeht, ob da einer kräht oder nicht, weil sich die Erde eben dreht. Oder, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Es gibt sie in vielen Bereichen, Werner Holzwarth hat in einer Lesung schon gesagt, dass er den Gockel Sigmar genannt hätte, wenn er das Buch heute geschrieben hätte. Sigmar wie der SPD-Politiker, der jetzt Aufsichtsrat der Deutschen Bank geworden ist.

Im Buch, anders als im normalen Leben, nimmt es ein gutes Ende mit Konrad, ein richtig gutes. Denn als er sich einmal so richtig vollgefressen hat und gerade davon träumt, wie er, der Sonnenkönig, auf seinem Thron sitzt und alle Hühner ihm huldigen, verschläft er. Und die Sonne geht ohne sein Krähen auf. Erst da merken die Hühner, wie sie sich selbst betrogen haben und jagen Konrad davon. Nein, kein Gemetzel, zur Strafe muss er vier Wochen lang den anderen Hühnern das Essen bringen, bis er wieder dünn und die Hühner wieder dick geworden sind. Ein dünner Sigmar Gabriel dagegen ist kaum vorstellbar. Bei den fetten Bezügen …

Eine witzige, nachdenklich stimmende Geschichte mit philosophischem, soziologischem und politischem Hintergrund – was will man mehr. Noch dazu, wenn das Buch von Günther Jakobs schön hähnchenbunt illustriert ist, mit einem immer stolzer posierenden und immer dickbäuchiger werdenden Konrad, der sich immer mehr aufplustert und aggressiv das verlangt, was ihm vermeintlich zusteht.

Mit geschäftig hin und her eilenden Hühnern, die sich müde und abgehetzt nachts in den Stall schleichen und die Augen kaum noch offenhalten können, zerrupft und mager, wie sie sind. Und zum Glück endet das Buch ohne erhobenen Zeigefinger und ohne ausbuchstabierte Nutzanwendung. Sondern es endet einfach, als Sigmar, pardon: Konrad seine Strafe abgearbeitet hat und alles wieder normal geworden ist.

Titelangaben
Werner Holzwarth / Günther Jakobs: Der Sonnenkönig
Stuttgart: Thienemann Verlag 2020
32 Seiten, 13 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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