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Zwischen den Zeiten

Ausstellung | Josef Scharl – Zwischen den Zeiten. Ernst Barlach Haus Hamburg

Hinweis auf einen von den Nazis Geächteten – PETER ENGEL über die wichtige Werkschau Josef Scharls ›Zwischen den Zeiten‹ in Hamburg

Josef Scharl: Der Zeitungsleser,
Josef Scharl:
Der Zeitungsleser, 1935
Öl auf Leinwand, 115 x 96 cm
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
© Susanne Fiegel,
Foto: Jörg P. Anders
Er gehörte zu jenen sozialkritischen Künstlern, die während des »Dritten Reiches« nicht in die »innere Emigration« gingen wie etwa Otto Dix, sondern der tatsächlich das Land verließ und nicht wieder in seine Heimat zurückkehrte.

Der Maler Josef Scharl (1896-1954), dessen Schaffen die Nazis als »entartet« diffamierten und über den sie ein Ausstellungsverbot verhängten, hat das bittere Los der unfreiwilligen Auswanderung doppelt zu spüren bekommen: In den USA wurde seine Malerei dekorativer und thematisch unverbindlicher und in Deutschland konnte er nach dem Ende der braunen Diktatur nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen und geriet in Vergessenheit.

Im Hamburger Barlach Haus kann man sich jetzt wieder ein Bild vom Schaffen Scharls machen, der zu den geachteten Künstlern in der Zeit der Weimarer Republik zählte. Unter dem Titel ›Zwischen den Zeiten‹ sind rund 50 Gemälde des Malers zu sehen, durchweg aus seiner wichtigsten Schaffenszeit in München und heute Hauptwerke in bedeutenden Sammlungen. Die erste größere Retrospektive des Malers seit rund zwanzig Jahren vereinigt herausragende Porträts und Selbstdarstellungen, aufschlussreiche Gruppenbilder und Landschaften.

Scharl war – wie so viele seiner Künstlergeneration – von den Gemälden Vincent van Goghs stark beeindruckt, vor allem auch von dessen expressiver Pinselführung. Sie wurde Vorbild für seine eigene Formsprache, die von einem reliefartigen Farbauftrag geprägt ist, was plastische und haptische Anmutungen auslöst. Dieser besondere Personalstil macht seine Werke schon auf den ersten Blick kenntlich.

Wie Dix, George Grosz oder Christian Schad stellte Scharl auf seinen Bildern Vertreter von Politik und Gesellschaft der Zwischenkriegszeit in sozialkritischer Absicht dar, etwa Militaristen, Bürger oder Bettler, aber er verzichtete dabei auf satirische Überspitzung und vor allem auch auf die bewusste Entwürdigung seiner Figuren.

Sind seine Porträts von Arbeitern und Außenseitern der Gesellschaft von Mitgefühl ohne falsches Pathos geprägt, so wirken demgegenüber seine Bilder von vermeintlichen »Stützen der Gesellschaft« absichtsvoll entpersönlicht und generalisiert. Vollends maskenhaft gerät das Porträt eines Soldaten mit buntem Ordensband, Offiziersmütze und leeren Augenhöhlen, das bezeichnenderweise den Titel ›Gala-Uniform‹ trägt und eben einen bestimmten Typus darstellt, keine konkrete Persönlichkeit.

Josef Scharl: Blinder Bettler im Café, 1927
Öl auf Rupfen, 160,3 x 200,8 cm
Kunsthalle Emden – Stiftung Henri und Eske Nannen
© Susanne Fiegel, Foto: Martinus Ekkenga

Unter Scharls gezeigten Gruppenbildern ragt das Werk ›Blinder Bettler im Café‹ von 1927 nicht nur wegen seines großen Formats heraus. Auf dem vielfigurigen Gemälde hat sich der Künstler selbst am Rande der kleinen Gesellschaft als blinder Bettler dargestellt. In die Runde der Caféhausbesucher, die alle etwas beziehungslos dasitzen, hat er Porträts der bewunderten Maler van Gogh und Gauguin einbezogen, auch Trotzki und andere Zeitgenossen meint man auf dem Bild zu erkennen, und im Oberkellner mit Schnauzbart und herrischem Blick könnte man Hitler sehen, der zudem mit einer schroffen Geste all diese ihm missliebigen Gestalten aus dem Lokal zu verweisen scheint. Es handelt sich also um eine Art Programmbild, dem man mehrere für die Kunst Scharls typische Züge ablesen kann.

| PETER ENGEL

Titelangaben
Josef Scharl – Zwischen den Zeiten
Ernst Barlach Haus, Jenischpark
Baron-Voght-Str. 50 a, 22609 Hamburg
Bis zum 21. Oktober 2018

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