Die Hoffnung rennt

Musik | John Frusciante: Curtains

Das 2005 entstandene Album ›Curtains‹ von John Frusciante ruft eine Menge tiefe Emotionen hervor. Sowohl bei ihm selbst als auch beim Zuhörer. Ein kurzes Meisterwerk, das Tränen fließen lässt, ebenfalls auf beiden Seiten. MARC HOINKIS erinnert sich.

John Frusciante curtainsWer die älteren Werke von John Frusciante kennt, weiß, dass man bei ihm alles erwarten kann, was von der Norm abweicht. Er ging schon immer abstrakte Wege, vermischte Stile und brachte von glockenklaren Engelsgesängen, über tief melancholisches Klagen bis zum qualvoll verstörenden Murren alles über seine Lippen. Dieses Album, am 1. Februar 2005 erschienen und der Abschluss des schieren »Album-Marathons« (fünf Alben und eine EP in weniger als einem Jahr), markiert auch eine Art Abschluss seines früheren Lebens. Es scheint die erschütternde Geschichte der Genesung Frusciantes in all ihren traurigen Kapiteln zu erzählen.

Der Verdacht, dass es hier um Frusciante selbst geht, drängt sich auf, da er oft aus der Ich-Perspektive erzählt und es auffällig viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Text und Frusciantes Vergangenheit als halbtoter Drogenabhängiger gibt. Die 11 Tracks, die in 31:37 Minuten passen, zeigen, dass es Johnny um das Wesentliche geht. Das Cover ist übrigens eine Fotomontage des Gemäldes ›aeneas and the sibyl in the underworld‹ von Jan Brueghel dem Jüngeren, was im Kontext anderer Albumcover des Kunstverliebten Ex-Chili-Gitarristen nicht verwundert.

Das Album hat JF in seinem Wohnzimmer aufgenommen, er an seine Couch gelehnt. Und so wird es auch in dem Musikvideo zu der ersten Nummer des Albums gezeigt: Der Alltag eines vernünftig gewordenen, trotz alledem verrückten Genies, dass nichts anderes liebt, als Kunst und Musik. Und auch nicht mehr zum Atmen braucht, als eine Menge Instrumente.

Anders als das elektronische Vorgänger-Album ›A Sphere in the Heart of Silence‹, ist ›Curtains‹ von akustischen Instrumenten dominiert. Am Schlagzeug sitzt die Autolux Drummerin Carla Azar, der Bass ist von Ken Wild eingespielt. The Past Recedes, das erste Stück auf dem Album, wird von Frusciante sanft mit »one, two, three, four…« eingezählt – und startet in einen 7/8 Takt. Stilvolle Pausen unterstreichen wichtige Textmomente, ebenso der sporadische Background. Bald wechselt das Stück in einen 4/4 Takt und ein eher minimalistischer, akustischer Bass setzt ein. Außerdem eine Mundharmonika, die die Akkorde begleitet. Das Solo erinnert beinahe an eine Flamenco-Gitarre, wie er sie bereits früher auf dem Album ›By the Way‹ einsetzte (Cabron).

Das Stück wirft einen Blick in die Vergangenheit, die fortwährend schwindet. Zeilen wie »Why to be here you first got to die, So I gave it a try/ […] I lied to the greatest thieves about anything and everything« scheinen von einer Drogenvergangenheit zu berichten, während »And every drop of sea is the whole ocean“ daran erinnert, dass auch kleine Momente viel bedeuten können. Jedoch blickt das Gegenwärtige Ich auf das vergangene Ich hinab und versucht, es im Zaum zu halten.

Obwohl typisch frusciante-melancholisch und im Ansatz depressiv, kommt der Song im Gesamtkontext wie ein doch eher positiver Prolog daher. Das zweite Stück, ›Lever Pulled‹, beginnt mit einer sparsam gezupften Gitarre und einem klagenden Gesang, die bald von einem melodischen Bass komplettiert werden. Eine stark verzerrte Gitarre setzt einen Kontrast zu dem Zwischenteil, der sich durch schnelle hammer ons/ pull offs und Delay auf einem sich hebenden Synthie in der Unendlichkeit verliert. Nachdem der Song eine gewisse Spannung aufgebaut hat, schlägt er noch einmal richtig ein. Das Outro verliert sich wieder und erinnert durch langsames Kratzen auf den Saiten fast an Niandra Lades.

Der Text kommt wie eine Liebeserklärung an die Droge daher. Er fühlt sich wohl mit den Schmerzen, die sie ihm bereiten. Wenn sie zusammen sind, ist alles gut. Die Leadgitarre in diesem Stück übernahm der Mars Volta Gitarrist Omar Rodríguez-López, ein guter Freund von JF.
Einsam, beinahe hilflos steigt der Song Anne mit den Zeilen »Anne, you can’t hide, you know we’ll find you« ein. Der Gesang wird von einer sparsam gezupften Gitarre begleitet. Die von Frusciante mitgesummte Melodie wird bald zur Gesangsmelodie, bis ein kraftvoller Part eintritt, der schmerzlich auf sich warten lässt. Mit dem herzzerreißend geklagten »There’s so many careless angels responsible for me« tritt die traurige Beschreibung dieser Engel ein. Dieser Teil wechselt in den 3/8 Takt und kulminiert in einem E-Gitarren Duett, das einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt. Und auch hier hatte Omar seine Finger im Spiel, er und JF benutzten in diesen Part einen Verstärker für beide Gitarren. Die folgende traumatische Bekundung schlimmer Zeiten endet in einem zweiten Duett, am Ende schreit die Gitarre regelrecht auf.

›The Real‹ beginnt mit der demütigen Bekundung des Realitätsverlustes. Frusciantes besonderes Gefühl für emotionalen Ausdruck kommt besonders in der Aussage »These Jokes life’s playing they make me so tired« heraus, die Gitarre scheint tatsächlich ein müdes Seufzen hervorzubringen. Geschickte Instrumentierung durch Synthies und gefühlvolle Spieltechniken verleihen dem Song genau das Ambiente, dass man bei einem zerstreuten, geöffneten Kopf erwartet. Poetische Aussagen wie »Every mile I walk is five« zeigen den steinigen Weg auf, der sich ihm eröffnet. Dieser Song kommt einem Selbstgeständnis gleich.

›A Name‹ kommt wieder dem, im Gegensatz zum bisherigen, eher positiven The Past Recedes durch eine geordnete Struktur und ein (später) klares Strumming nahe. Frusciante scheint sich hier an den Punkt zu erinnern, an dem er die Wende geschafft hat. »I’ll go on, and on, and on«. Trotzdem etwas trübsinnig stellt er fest, dass er wohl einsam bleiben sollte. Verabschiedet er sich hier von seiner Sucht? Eine Melodika spielt das schwermütige Outro. ›Control‹ ist musikalisch gesehen eines der interessantesten Stücke auf dem Album. Gesang und Gitarre tasten sich extrem vorsichtig voran, um sofort wieder zurückzuweichen. Auffällig ist auch, dass Frusciante hier etwas auf dem Metrum schwimmt, jedoch trotzdem immer on Pointe raus kommt. Nach einer weiteren erschütternden Selbstbekundung setzt ein zweiter Teil ein, der mit einer überwältigenden Betonung einsteigt, im Hintergrund eine schmerzlich jaulende Gitarre. An dieser Stelle bemerkt er das Hier und Jetzt. Es scheint, als stünde der nun saubere Ex-Junkie vor den Trümmern seines sündhaften Lebens.

Endlich wirkt der Gesang in ›Your Warning‹ wieder etwas hoffnungsvoller. Erstmalig auf diesem Album erklingt ein Klavier, die Gitarre zupft zunächst bescheiden. Ebenso kommt der Synthie als Klangfläche mit ins Spiel. Der Song wird von einem interessanten Harmoniewechsel bestimmt, der dem ganzen den typischen Frusciante-Touch gibt. Er besingt in diesem Stück dass, was er auch in den anderen Stücken schon andeutete: Er hat sich von seinem Umfeld und der Liebe total entfernt. Aber Zeilen wie »This trying to get out of a tight spot/ Isn’t worth a shot« zeigen, dass er dennoch stark bleibt. Am Ende singt der gepeinigte John »Give us a point to miss/ Endings are killing me slow/ I only ask for this/ emptiness replace my soul«. Er fühlt sich leer in seinem neuen Leben.

›Hope‹ erfüllt nicht das, was man sich erhofft, zu hören. Denn die Hoffnung rennt weg. Mit bodenständigem, bestimmten Gesang proklamiert JF »There is no more world/ The land is gone/[…] There is no more hope/ There are no dreams«. Eine E-Gitarre kommentiert sporadisch das Trauerspiel.

Zu Beginn von ›Ascencion‹ macht Frusciante eine Ansage, das Stück klingt wie ein Live-Mitschnitt. Dieser Song ist durchgehend stark instrumentiert und lebendig gesungen – endlich! Denn Johnny hat wieder Kraft gefunden. Der Song ist ausnahmsweise klar strukturiert und wird durch einen sehr interessanten Background angehoben. Er bekennt sich hier beinahe zur Genesung. Aber er kann es nicht lassen: Das Ende bestimmt ein alleinstehender Moll-Akkord.

›Time Tonight‹ könnte einer der traurigsten Stücke auf diesem Album sein, denn ähnlich irreführend wie bei Hope singt Frusciante »there’s no time tonight«. Er klagt mit hoher Kopfstimme, während der Background sich entfernt an sie anschmiegt. Und endlich kommt die JF typische, schaurige Reverse-Gitarre zum Einsatz. Frusciante bekennt sich hier als sehr einsam.

In dem letzten Stück, ›Leap your Bar‹, spricht er zum zweiten Mal auf diesem Album jemanden an, Hannah. Es bleibt unklar, um wen es sich handelt, jedoch scheint sie eine wichtige Person für John Frusciante zu sein, dieses Stück scheint wie ein gut gemeinter Ratschlag. »I was so bad« zeugt von der Buße, die er tut. Er erklärt, was er getan hat und was sie besser machen kann. Das Album endet mit der traurigen Zeile »The friends who walk right by and never see you/ I never see you«. Die letzten schwermütigen Akkorde des Klaviers verhallen und die Reise durch die Stationen in Frusciantes Leben ist vorbei.

Das Album trägt seinen Titel ›Curtains‹ zurecht: Der Schleier wird gelüftet und Frusciante zeigt sich herzzerreißend ehrlich. Er erzählt hier eine lange, traurige Geschichte. Das macht einerseits der Segmentcharakter der Stücke deutlich: Jedes Lied ist in gewisse Abschnitte eingeteilt, die durch ihre Andersartigkeit, wie Harmonie- und Taktwechsel, oder völlige Strukturumbrüche, wie verschiedene Kapitel erscheinen. Andererseits gibt es auf dem Album keine Refrains, Frusciante benutzt lediglich wenige Male einen Vers oder eine Melodie als Hook. Außerdem setzt er viele sangliche, wie musikalische Betonungen – wie ein Geschichtenerzähler.

John Frusciante

Die Texte lesen sich teils wie Gedichte, aber durch gezielte Enjambements auch wie ein Fließtext. Der Background, den JF meisterhaft auf diesem Werk einsetzt, scheint nicht nur die Fülle mancher Stücke zu komplettieren, sondern vielmehr wichtige Textstellen zu unterstreichen. Auch die teilweise programmatisch erscheinenden musikalischen Momente sind brillant platziert, beispielsweise die müde seufzende Gitarre in The Real, die regelrechte Gitarren-Verfolgungsjagd in ›Anne‹ oder der sich im Delirium befindende Zwischenteil in ›Lever Pulled‹. Auffällig unauffällig ist auch die Spärlichkeit der Drums, denn das starke Spiel von Frusciante lässt nie etwas vermissen – nicht einmal einen Beat.

John Frusciante sagte einmal: »Was in fünf bis sieben Tagen nicht fertig ist, kann man sowieso getrost vergessen. Musik muss unbedingt zurück in den Status eines Zeitdokuments, sonst erledigt es sich von selbst.« Diese Philosophie zeigt sich einerseits in dem bereits erwähnten »Album Marathon«, andererseits in beinahe jedem Stück auf diesem Album. Denn die vielen, kaum bemerkbaren »unperfekten« Stellen in den Songs beweisen, dass er viel Wert auf den Moment legt. Warum etwas so oft einspielen, bis keine Saite mehr schnarrt und jeder Ton genau sitzt? Das Album ›Curtains‹ ist also nicht nur in Hinsicht des sich durchziehenden Themas, sondern auch durch die hörbaren Momentaufnahmen ein wunderbares Zeitzeugnis.

| MARC HOINKIS

Reinschauen
Für alle Frusciante Fans: www.invisible-movement.net

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