Von mütterlicher Kindlichkeit

Comic | Anna Sommer: Das Unbekannte

Bislang war die Schweizer Comiczeichnerin Anna Sommer vor allem für ihre Graphic Novels für Kinder bekannt. Doch auch Erwachsene können bei ihrer Suche nach dem Glück kindisch und naiv sein. Von einigen solchen Menschen handelt Sommers neues Album ›Das Unbekannte‹, das zur ›Séléction Officielle 2018 Festival International de la bande dessinée Angoulême‹ gehörte. PHILIP J. DINGELDEY hat sich den durchwachsenen Grapic Novel angesehen.

Anna Sommer -Das UnbekannteIn ›das Unbekannte‹ findet die von ihrem Ehemann vernachlässigte und sich in der Midlife-Crisis befindliche Helen in der Umkleidekabine ihrer Modeboutique ein Baby. Sie behält es und versteckt es im Hinterzimmer. Dahinter steckt natürlich ihr eigener, unerfüllter Kinderwunsch. Nur ihr Hündchen und sie teilen das Geheimnis, doch die Luft wird natürlich immer dünner.

Parallel dazu ist der mollige Teenager Vicky unsterblich in ihren Geschichtslehrer verliebt. Sie erlebt sexuelle Abenteuer mit ihrer Freundin Wanda, aber wird schließlich doch von ihrem Lehrer schwanger, was für sie eine Katastrophe ist, die sie so lange wie möglich zu ignorieren sucht.

Sommer gelingt es, alle Protagonisten als naiv und gleichzeitig verzweifelt darzustellen. Dabei zeigt sich, dass zwar die Interessen der beiden Hauptcharaktere Vicky und Helen in Bezug auf das Baby zeitweise gegenteilig sind, aber beide auf ähnliche Weise, nämlich naiv, unbedacht und ignorant mit den Problemen umgehen, die das Kind mit sich bringt – sei es, dass Vicky nicht für das Kind sorgen kann, oder sei es, dass Helen es nicht dauerhaft verstecken kann.

Und beide entwickeln sukzessive eine ambivalente Beziehung zu dem Baby, das als Platzhalter für Mütterwünsche und -ängste zu stehen scheint (Symbolismus wäre hier zu viel gesagt).

Trotz der ambivalenten Gefühle sind alle Protagonisten auf ihre eigene Art stereotyp: Die mittelalte Helen muss natürlich beim Anblick des Kindes weich werden, die schwangere Vicky muss Minderwertigkeitskomplexe haben, Helens Mann muss ein desinteressierter Wicht und Fremdgeher sein, und das Baby müssen alle süß finden.

Besonders tief in diese Probleme von Reproduktion, Weiblichkeit, Muttergefühlen und ihrer Verortung und Akzeptanz in der Gesellschaft geht Sommer dabei natürlich nicht.

Vereinfachte Zumutung

Abgesehen davon ist es von Anfang an nur allzu berechenbar, dass die parallelen Handlungsstränge durch dasselbe Baby verbunden werden und dass Vickys Geschichtslehrer auch Helens Mann sein muss und dass Vicky das Baby deswegen in Helens Boutique verlässt. Nein, das ist kein Spoiler, weil genau dieser Spannungsbogen im Graphic Novel von Sommer strikt vermieden wird – denn was wäre schon ein interessanter Comic im Vergleich zu einem Comic über langweilige und stereotype Charakter, ohne jede Überraschung oder Wendung?!

Die Zeichnungen entsprechen den Vorgaben. Sommer stellt die Figuren optisch vereinfacht dar, manchmal schon fast überspitzt wie in einem Kinderbuch, denn im Grunde sind alle Protagonisten ja auch Kinder. Und so sind auch ihre Mimiken der Überraschung, Freude, Verwunderung und Verzweiflung die der kindischen Einfachheit.

Das Banale und das Stereotype, die als charmant und witzig gelten sollen, zeigen sich auch an den schwarz-weißen Zeichnungen, ohne jeden Zwischenton (Schattierungen und Grautöne sind der stereotypen Welt dieser Figuren schlicht nicht vorgesehen). Dafür kommen besonders die häufigen Darstellungen der femininen Sexualität dadurch umso besser zur Geltung, da sie einerseits nicht sexistisch überstilisiert werden, sondern realistischere Körper zeigen, die andererseits natürlich auch optisch simplifiziert sind. Auffällig ist zuletzt auch, dass Sommer die je sechs Panels pro Seite optisch nicht abgrenzt. Das Album scheint solche Begrenzungen nicht zu brauchen, denn der geringe und allzu nervige Verstand der Protagonisten ist schon eine extrem enge Begrenzung.

Neues oder Spannendes hat ›Das Unbekannte‹ nicht zu bieten. Die Geschichte ist alltäglich und ziemlich flach, und die Protagonisten machen einen zunehmend aggressiv. Daher fehlt auch das Potenzial der Gesellschaftssatire. Zu Gute halten kann man jedoch Sommer, dass sie diese menschlichen Abgründe schonungslos sowie unkommentiert darstellt und daher im Subtext Raum für Kritik an stereotypischen Mutterbildern lässt. Ihr individueller, vereinfachter, jugendlicher Stil unterstreicht auch die Unreife der Protagonisten. Somit ist der Graphic Novel kein verfehltes Werk, aber doch in seiner krassen Vereinfachung eine Zumutung.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Anna Sommer: Das Unbekannte
Zürich: Edition Moderne 2018
96 Seiten, 28,00 Euro

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| Leseprobe

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