Befreiungsschlag

in Jugendbuch

Jugendbuch | Michèle Minelli: Passiert es heute? Passiert es jetzt?

Wer malt sich nicht gern aus, mit einem großen Knall alle Probleme verschwinden zu lassen, vor allem, wenn die Bedrängnis übergroß ist? In Michèle Minellis Jugendbuch wird dieser Traum Wirklichkeit. Diese jedoch sieht völlig anders aus, als erwartet. Von MAGALI HEIẞLER

Passiert es heute-978-3-7026-5927-1Die Familie von Wolfgang ist am Ende. Es ist ein krudes Ende, mit Blut, Tränen und einem Übermaß an emotionalem Stress. Es gibt kein Zusammen mehr, jede und jeder ist auf sich gestellt. Wolfgang, knapp sechzehn, findet sich in der geschlossenen Jugendpsychiatrie wieder. Da er an den brutalen Geschehnissen beteiligt war, soll er Auskunft darüber geben. Der Junge hat Mühe, zu erfassen, was vorging, vor allem aber, warum es dazu kam, dass er zuletzt den Armeerevolver seines Vaters in der Hand hatte.

Seine Geschichte ist nicht alles, mit dem er sich auseinandersetzen muss. In der Jugendpsychiatrie wird er einer Gruppe Jugendlicher zugeteilt, die ihrerseits psychisch viel zu tragen haben. In der ungewohnten und angespannten Situation fasst Wolfgang spontan Zutrauen zu der verschlossenen Franzi, etwas, was beide gleichermaßen überrascht. Das führt dazu, dass sie sich auf ein gewagtes Unternehmen einlassen, das, wenn es scheitert, das Chaos enorm vergrößern würde.

Sprachlich von höchster Güte

Minelli hat ein ungewöhnliches Thema gewählt und präsentiert es äußerst spannend. Erzählt wird aus zwei Perspektiven. Zum einen und ganz im Vordergrund steht der Ich-Erzähler, ein Sechzehnjähriger, der in Gesprächen mit einem betreuenden Therapeuten rückblickend die ganze schreckliche Geschichte erzählt. Die zweite Stimme gehört Franzi, die ihre eigenen Schwierigkeiten hat. Minelli verzichtet darauf, Franzis Probleme breit zu präsentieren. Sie werden angedeutet und müssen aus den Urteilen, Einschätzungen und Wahrnehmungen des Mädchens von anderen, besonders von Wolfgang, rekonstruiert werden. Das ist eine anspruchsvolle und geschickt ausgeführte Erzähltechnik, die den Leserinnen etwas abfordert. Sie werden jedoch nicht überfordert, da die Satzaussage immer eindeutig ist.

Eine dritte Ebene entsteht durch ein Gruppenspiel, das die Jugendlichen an den Wochenenden lustvoll zelebrieren, die Werwölfe von Düsterwald. Spielanleitungen am Kapitelbeginn verweisen auf bestimmte Konstellationen im Fortgang der Handlung oder auf Charakterentwicklungen. Das, das sei gleich gesagt, ist nicht recht gelungen, im Gegenteil lenkt es häufig vom eigentlichen Thema ab. Man kann annehmen, dass nicht wenige Leserinnen es einfach überlesen.

Formuliert ist die gesamte Geschichte auf hoher Ebene, ausgefeilt, anschaulich, ohne überbordend bildreich zu sein, mit gerade genug Adjektiven, dass es nicht zu karg wird. Das Vokabular ist ausgesucht und vielfältig, das Lieblingsfach des Protagonisten ist Deutsch und er hat zudem einen Deutschlehrer, dem obsolete Wörter und Ausdrücke am Herzen liegen. Da sitzt jedes Wort, wie es die Grammatik verlangt, jedes Gefühl ist haargenau getroffen, den schönen Lauf des Sprachbächleins stört nicht einmal ein winzig kleiner Kieselstein.

Leider sprechen Jugendliche nicht so. Nicht einmal im Deutschunterricht. Erwachsene übrigens auch nicht. So beispielhaft das formuliert ist, so unrealistisch ist es. Wolfgang ist kein Teenager in Bedrängnis. Selbst auf den ersten Seiten, als er unter Schock steht und sprachlos ist, sind seine übermittelten Gedankengänge viel zu wohlformuliert. Im Gespräch mit dem Therapeuten schließlich analysiert er punktgenau. Dass er einmal hinten anfängt oder mittendrin oder sich an etwas festbeißt, ändert nichts daran.

Was den Eindruck, eine realistische Geschichte zu lesen, in wachsendem Maß zunichtemacht, ist aber vor allem, dass sich Wolfgang nie irrt. Franzi übrigens auch nicht. Was sie sagen, stimmt, ist die Wahrheit. Es gibt keine falschen Eindrücke, keine Fehlurteile, nicht die Kurzsichtigkeiten sehr junger Menschen, die infolge geringer Lebenserfahrung noch nicht wissen können. Die hilfreichen Erwachsenen, vom Pfleger bis zur Sozialarbeiterin sind rundum perfekt. Diese Jugendpsychiatrie ist das Paradies pur.

Ein Kratzerchen im Lack

Der Familienvater als Tyrann, als raffinierter Anwender psychologischer Folter, gekoppelt mit Ausbrüchen körperlicher Gewalt über Jahre ist ein böses Thema. Sich damit auseinanderzusetzen harte emotionale Arbeit für Autorinnen und Autoren. Es braucht Mut, das anzupacken und durchzuführen. Den Mut hatte die Autorin. Aber sie hat sich kaum den halben Weg entlang getraut. Immer wieder bremst sie, polstert ab. Die Erwachsenen, die auftreten dürfen, als es bereits zu spät ist, sind Idealgestalten. Konflikte unter den sehr verschiedenartigen Jugendlichen werden mit Mühe angedeutet. Und selbst die junge Frau mit Drogen-, Prostitutions- und Gossenhintergrund, spricht, als käme sie aus der Schule für Höhere Töchter.

Die Frage, ob es den einen Moment gibt, an dem man sich anders hätte verhalten können, den einen Moment, der etwas verändert, ist für das Szenario schließlich zu hoch gegriffen. Wolfgang stellt sie sich, wieder und wieder. Ein unreifer Kopf, gemessen an seinen sechzehn Jahren und an den schrecklichen Erfahrungen, die hinter ihm liegen. Er quält sich eher damit, als dass er damit umgehen kann. Durchgearbeitet wird die Frage nicht, auch ihr weicht Minelli aus. Tatsächlich wird ihr Held von ihr allein gelassen.

Kritik an der Gesellschaft wird geäußert, Hinweise finden sich aber mehrheitlich in dem am Roman anschließenden Interview. Die Frage, ob und inwieweit andere Menschen, von Großeltern, Schulfreunden über Menschen in der Nachbarschaft, Lehrerinnen bis hin zum Pastor hätten eingreifen müssen, bleiben im Roman zu verhalten. Die Frage, warum der Vater war, wie er war und warum die Mutter das erduldete und duldete, taucht gar nicht auf. Welche gesellschaftlichen Strukturen es möglich machen, dass die falsche Familienfassade so lange erhalten bleibt, wird nur mit Fingerspitzen ebne mal angetippt. Ganz klar leben da Drachen, aber 2018 muss man sich ihnen stellen.

Der Hinweis im Interview am Ende, wie viele Armeerevolver sich in Schweizer Haushalten befinden, wird deutsche Leserinnen und Leser etwas blass werden lassen. Nicht zuletzt deswegen, weil das im Rahmen der Handlung normal scheint.

Was innerfamiliäre Gewalt, über Jahre erduldet, in jungen Menschen anrichtet, wie sehr sie sie verletzt, wie viel sie zerstört, wird kaum angesprochen. Die Autorin ist vor allem im zweiten Teil auf Kuschelkurs. So einfach aber kommt niemand davon, die oder der so etwas erlebt. Minelli widmet sich stattdessen dem schönen happy ending. Wolfgang und die kleine Schwester sind nach einiger Zeit wieder zusammen, behütet von den Großeltern, und Franzi ist schon auf dem Weg zu ihnen.
Präsentiert werden hier nur Kratzerchen im Lack, bewegend, aufregend für den Moment und am Ende kunstfertig übermalt.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Michèle Minelli: Passiert es heute? Passiert es jetzt?
Wien: Jungbrunnen Verlag 2018
172 Seiten, 17 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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