Gleichung mit zwei Unbekannten (oder mehr)

in Jugendbuch

Jugendbuch | Elisabeth Steinkellner: Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen

Wer das Glück finden will, muss hinausgehen und es suchen, heißt es. Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah, heißt es auch. Worauf soll man vertrauen? Welche Gleichung stimmt? In Elisabeth Steinkellners jüngstem Roman stolpern zwei sehr junge Menschen über die Variablen. Ob die Rechnung aufgeht? Von MAGALI HEIẞLER

Dieser Wilde OzeanAntonia mag Enno. Tatsächlich ist da viel mehr als bloßes Mögen, auch auf Ennos Seite. Ein trauriges Geschehnis in Antonias Familie hat ihr Vertrauen erschüttert. Ein starkes Gefühl wie Liebe verwirrt sie, die ohnehin kaum Boden unter den Füßen hat. Erinnerungen plagen sie und fesseln sie an die Vergangenheit, sich davon zu lösen, kommt ihr vor wie Verrat. Doch da ist die immer tiefer werdende Zuneigung zu Enno. Antonia hadert mit dem Schicksal.

Simon ist auf der Suche nach Paulus. Er weiß kaum etwas von ihm, ein paar Stunden haben sie in einem Zugabteil verbracht, erzählt, gelacht, sich miteinander wohlgefühlt. Eine Zufallsbegegnung. Simon ist sicher, dass es Liebe ist. Oder auch nicht. Das lässt sich nur klären, wenn ihm Paulus wiederbegegnet. Das wird geschehen, wenn jetzt gleich die Ampel umschaltet, wenn in den nächsten zehn Minuten jemand aus einer bestimmten Tür kommt, wenn es heute noch zu schneien beginnt. Simon schließt Wetten ab mit dem Schicksal.
Das Schicksal spielt, wie gewöhnlich, längst ein eigenes Spiel.

Scharfe Schnitte und Farbenexplosion

Diese Geschichte ist prallvoll mit Farben, obwohl sie in Februar spielt, einem Monat der eher verhaltenen Farben. Rasant ist sie ebenfalls, auch eher im Gegensatz zu diesem kurzen, sacht verstreichenden Monat. Auf Gegensätze bauen die gesamte Handlung, die Figurenzeichnung und die innere Entwicklung der Figuren. Was erzählt wird, fordert die Leserinnen heraus, ebenso wie die Hauptfiguren. Antonia und Simon schildern abwechselnd die Geschehnisse und geben ausführlich über Gefühle Auskunft. Ihre Stimmen jedoch wechseln sich unvermutet ab, klingen plötzlich auf, verklingen wieder. Wann wer spricht, muss man selbst herausfinden.

Steinkellner gelingt es, in diesen zwei verflochtenen Ich-Perspektiven tatsächlich zwei unterschiedliche Charaktere lebendig werden zu lassen. Auf der einen Seite den ruhigen, zutiefst romantischen Simon, der an Sehnsucht leidet, wie so viele stille Menschen. Er wird immer daran leiden, dieses Gebrechen verliert sich nie. Aber er wird lernen, den Wert davon zu erkennen. Simon ist eine eindrucksvolle Figur, überwältigend für einen Jugendroman.

Antonia lebt im Chaos der Gefühle. Sie ist spontan, im Guten wie Bösen, ihre Zunge oft schneller als ihr Denken. Sie neigt dazu zuzuschlagen, ehe sie geschlagen wird, übersieht dabei jedoch, dass eine ausgestreckte Hand nicht zwangsläufig eine Bedrohung sein muss. Sie will niemanden verletzen, weil sie sich selbst so verletzt fühlt, verletzt dabei alle und am meisten sich selbst. Es dauert lange, bis sie ihre selbst aufgebauten Mauern abreißen kann.

Die Farben fügt Steinkellner in den Überschriften der Kapitel hinzu. Es sind meist Kurz- und Kürzestkapitel. Hier tut sich eine weitere Welt auf, der Ozean des Titels, Lichtspiele im Wasser, unter Wasser. Titansilber und segelflossengelb, katzenblau, komparsenrosa, wunderlich, erfinderisch, poetisch, keine Frage. Das vielfach Bunte wirft Schlaglichter auf die Nebenfiguren, die in erstaunlicher Zahl auftreten. Es sind Skizzen, knapp, sie tragen meist Namen, sprechen ein paar Sätze. Das Wunder dabei ist, dass sie so lebendig sind wie die Hauptfiguren. Obwohl sie allesamt die üblichen Rollen haben – beste Freundin, bester Freund, nette Bekanntschaft, Verliebter, Mutter, Vater, Zufallsbegegnung – ist nicht eine einzige klischeehafte dabei. Selbst Ennos Mutter, die zufällig mit Taschentüchern, Wasserglas und Kuchen bereitsteht, entgeht dem. Dieses Buch ist voller Überraschungen.

Das Leben – schöngrau

Die Jugendlichen, die auftreten, sind erstaunlich selbständig für ihr Alter. Simons Eltern dulden, dass er für ein paar Tage verreist, ohne dass er genaue Gründe dafür angeben muss. Antonias Eltern lassen ihr viele Freiheiten, eine besondere Leistung nach den traurigen Geschehnissen um Antonias Bruder. Die Erwachsenen sind durchgehend positiv gezeichnet, eine wichtige Wendung im Jugendbuch vor allem in Bezug auf Mütter, die zu gern als Stressfaktor in den allen Schattierungen von albern bis hochneurotisch dargestellt werden. Auch hier gibt es keine Klischees. Im Gegenteil ist es Antonia, die lernen muss zu begreifen, dass der Schmerz über den Bruder auch ein Schmerz über den Sohn ist, etwas, das die Familie verbindet, nicht etwas, was sie auseinandertreibt.

Die Eltern übernehmen ihre Rolle als eher unauffällige Unterstützerinnen und Unterstützer ihrer heranwachsenden Kinder. Sie stellen sich der schweren Aufgabe, ohne sicher sein zu können, dass es gut ausgeht. Verhalten, aber deutlich weist Steinkellner darauf hin, wie nötig Teenager eine grundsätzliche Sicherheit brauchen in ihrem wilden Wellenritt ins Leben. Erwachsene wie Jugendliche sind gleichermaßen mutig in diesem Roman, ungeachtet ihrer Zweifel, Ängste und all der blauen Flecke, die man sich holt im Leben.

Das zweite wesentliche Thema ist Ehrlichkeit, vorzugsweise sich selbst gegenüber. Antonia hängt sich an die Vergangenheit, weil sie sich nicht recht traut, von ihrer Kinderzeit endgültig Abschied zu nehmen, der Zeit, als angeblich alles gut war. Simon verkriecht sich in seinen romantischen Träumen, weil er nicht einsieht, dass das Leben bunt wird, wenn man es bunt macht, er also dazu beitragen kann. Ehrlich sein sollte man aber auch anderen gegenüber, dem besten Freund etwa, dem er nie gesagt hat, dass er schwul ist. Oder, Antonia, dass sie fürchtet, die Eltern könnten sich trennen oder dass sie kein Recht auf Liebe hat. Zu Liebe gehört hier auch Sex, das wird mehrfach explizit durchgespielt. Auch hier fehlen Kitsch und Klischees, die gestellten Fragen sind hochinteressant.
Steinkellner belässt es nicht bei all dem, sie schenkt der Leserin noch Handvoll Geschichten in der Geschichte, manchmal den Beginn, manchmal den Schluss, hin und wieder nur den Mittelteil. Es ist wie im Leben. Da erfährt man meist auch nicht, wie es gekommen ist oder wie’s denn ausging.
Musik gibt’s auch, der Titel ist eine Zeile aus einem Song, den findet man am Ende. Und ja, Simon trifft Paulus. Wie‘s ausgeht … Nun. Muss man nachlesen.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Elisabeth Steinkellner: Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen
Weinheim: Beltz & Gelberg 2018
236 Seiten, 13,95 Euro
Jugendbuch ab 15 Jahren
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