Für und Wider

Kinderbuch | Saskia Hula: 100 Gründe für Urlaub im Zelt

Urlaub ist eine Sache. Zelten eine andere. Das muss man mögen. Oder eben auch nicht. Ein amüsantes Pro und Contra in einem witzigen Bilderbuch. Von ANDREA WANNER

100 Gründe für Urlaub im ZeltDer Stress beginnt schon beim Packen, denn klar: Für einen Urlaub im Zelt muss schlicht ALLES mit: Campingstühle, Luftmatratze, Kühlbox … So viel Zeugs, dass der Platz im Auto für die Mitfahrenden viel zu knapp wird. Die Autofahrt dauert viel zu lang, die Strecke ist viel zu kurvig, auf der Fähre wird es nicht besser, denn da schaukelt und wackelt es und stinkt nach Benzin.

Und das Leben auf einem Campingplatz ist auch kein Zuckerschlecken: es gibt weder Fernseher noch Computer. Statt eines richtigen Klos erwartet einen ein merkwürdiges Loch im Boden, der Schlafsack ist eng und der Boden, auf dem man liegt, uneben. Das Meer ist kalt und voller Seesterne und überhaupt …

Die österreichische Kinderbuchautorin lässt ihre kleine Ich-Erzählerin tatsächlich 100 Gründe finden, die gegen einen Urlaub im Zelt sprechen, oder? Steckt nicht in den meisten Argumenten, die dagegen sprechen, auch schon ein winzigkleines »Dafür«? Von der Abreise daheim, über die Fahrt und das Ankommen ändert sich die Haltung der kleinen Nörglerin spürbar. Klar, man muss sich schon auch was trauen, wenn man mit den anderen Kindern auf dem Campingplatz in Kontakt kommen will. Die gleiche Sprache sprechen sie nicht. Sie scheinen auch keine Angst vor Feuerquallen zu haben. Oder sind es am Ende harmlose Quallen, die sie sich einfach auf den Kopf setzen? Und sie amüsieren sich prächtig. Wer da dabeisein will, muss über den eigenen Schatten springen.

100 Seiten füllen sich wie von selbst mit den chronologisch aufgelisteten Zumutungen so eines Abenteuerurlaubs. Sie reichen vom salzigen Geschmack des Meerwassers über serbische Bohnen aus der Dose und das Schlangestehen vor dem Klo bis zur Urlaubskarte an die Großeltern und dem Helfen beim Geschirrabtrocknen. Und Seite für Seite füllt Felicitas Horstschäfer mit amüsanten Bildern, die aussehen wie krakelige Wachskreidezeichnungen, die die kleine Urlauberin selbst gemalt hat. Die Primärfarben Rot, Gelb und Blau, mal flächig gedruckt, dann als kontrastfarbige Linie eingesetzt, reichen, um den ganzen wundervollen Urlaubszauber einzufangen.

Hier fehlt nichts, was Sommer, Strand und Ferien ausmacht. Jedes einzelne Bild steht für sich, fängt die Atmosphäre ein, samt der so ganz unterschiedlichen Urlaubslebenswelt von Kindern und Erwachsenen. Und alle Bilder zusammen ergeben eine ganz besondere Urlaubsgeschichte. Einfach unwiderstehlich. Und dann wird auch klar, warum man das »gegen« im Titel unbedingt durchstreichen muss, ganz dick und in Rot: 100 Gründe FÜR Urlaub im Zelt!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Saskia Hula: 100 Gründe für Urlaub im Zelt
Mit Illustrationen von Felicitas Horstschäfer
Leipzig: Klett Kinderbuch 2018
112 Seiten, 12 Euro
Bilderbuch ab 7 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Macht was!

Nächster Artikel

Und die Großen lässt man laufen

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Nicht nur für kleine Gemüse-Fans

Kinderbuch | Annette Roeder: Olaf Hajeks Buch vom Gemüse

Lust auf Gemüse? Lust darauf, zu erfahren, wo es herkommt, wie es schmeckt, welche Eigenschaften und Eigenarten es hat? Lust auf ganz schön flotte Texte, die tägliches Gemüse weitab von Konserve und Tiefgekühltem plötzlich in ganz neuem Licht erscheinen lassen? Inhalt, Texte, Illustration: dieses Buch ist in jeder Hinsicht, auch künstlerisch, ein Genuss, meint BARBARA WEGMANN

Ladenöffnungszeiten nach Bedarf

Kinderbuch | Susanne Göhlich: Lenas Laden Lena macht ihren Laden auf und alle kommen zum Einkaufen. ANDREA WANNER freute sich an dem vergnüglichen Kaufladenspiel.

Kreaturen mit Fischschwanz und ausladendem Oktopusrock

Kinderbuch | Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau

Verkleiden, sich neu einkleiden, mehr mit der Phantasie spielen als mit dem, was das Kaufhaus uns bietet, könnte man immer. Aber für Erwachsene, gar für Männer, ist das nicht passend – leider: Das Bürgertum Anfang des 18. Jahrhunderts hat nachhaltig dafür gesorgt, dass Männer sich eher langweilig kleiden müssen. Kinder sind da freier. Und wenn ein Junge von Meerjungfrauen schwärmt und einfach aus dem Wohnzimmer nimmt, was er findet, kann alles Mögliche passieren. Von GEORG PATZER

Passt?

Kinderbuch | Tessa Sima: Wär' Verantwortung ein Hut

»Den Hut aufhaben« – das bedeutete, die Verantwortung zu tragen. Mit diesem Bild mit Verantwortungen als Kopfbedeckungen spielt Tessa Sima und ANDREA WANNER hatte Spaß daran.

Einszweidrei, im Sauseschritt

Kinderbuch | Meike Haberstock: Anton hat Zeit Anton hat etwas, was den meisten Menschen – vor allem den Erwachsenen – fehlt: Zeit. Eigentlich ist das toll – andererseits führt genau das immer wieder zu Konflikten mit seiner Mutter, die keine Zeit hat. ANDREA WANNER nahm sich die Zeit für ein besonderes Kinderbuch.