Der Mond bekommt euch alle

Musik | Nick Drake: Pink Moon

›Pink Moon‹ von Nick Drake ist ein wunderschönes Trauerspiel, das wirklich aus der Seele des Musikers spricht. Herzzerreißend und komischerweise etwas Hoffnungsvoll, findet MARC HOINKIS

Ein sehr sparsames Album

Nick Drake - Pink Moon›Pink Moon‹, am 25. Februar 1972 auf dem englischen Label Island Records erschienen, ist das dritte und letzte Album des Folk Sängers Nick Drake. Er befand sich zu dieser Zeit in einer depressiven Phase und verstarb zweieinhalb Jahre später. Drake spielte dieses Album in zwei Tagen komplett alleine mit einer Gitarre ein, lediglich im ersten Stück ertönt eine Klaviermelodie.

Vom Alter und der Erkenntnis

›Pink Moon‹, der erste Song und Titelstück des Albums, führt in das omnipräsente Thema des Albums ein: die Natur. Der Erzähler stellt sich als eine Art Prophet dar, der bereits vom »Pink Moon« wusste. Es bleibt offen, was es damit auf sich hat, jedoch ist der Mond bekannt für seinen Einfluss auf die Natur. In der Mystik erscheint der (Voll-) Mond ebenfalls als Beeinflusser des Menschen. Dort soll er Schlaflosigkeit oder mentale Krankheiten auslösen.

Passend zum letzteren Symptom beschreibt ›Place to be‹ den absteigenden Weg der mentalen Gesundheit des Erzählers. Er reflektiert über sein früheres Ich, das die Wahrheit noch nicht erkannte, doch mit dem Alter kamen die Erkenntnis und das depressive Gefühl. Der Wunsch nach einem »Place to be« wird dabei verdeutlicht und endet in der Sehnsucht nach einer Person. Hier ist unklar, wer damit angesprochen werden soll.

›Road‹ legt eine weitere Analogie zu Drakes Leben dar: die Treue zu sich selbst. Während andere ihr Leben darauf verwenden, ein Star zu werden, blieb er sich selbst treu. Allerdings kam er bei seinem Publikum damit nicht gut an. In diesem Stück wird seine eher düstere Lebenseinstellung präsentiert.

›Which will‹ wirft eine Menge Fragen auf, die nicht beantwortet werden. Sie richten sich alle an eine Person und scheinen auf die bedingungslose Liebe abzuzielen. Der Erzähler will außerdem wissen, wer der Auserwählte sein kann, wenn nicht er?

Doch etwas Hoffnung?

›Horn‹ ist das einzige Instrumental auf dem Album. Die Melodie kreist stets um einen bestimmten Ton und wird am Ende sehr schüchtern aufgelöst.

›Things behind the sun‹ ruft auf, für die verständnislosen und oft mächtigen Menschen Nachsicht zu haben und seinem eigenen Weg zu folgen und zu sagen, was man zu sagen hat.

In dem Stück ›Know‹ scheint etwas zu sprechen, das einem Schutzengel gleicht. Die letzte der vier Zeilen könnte auf eine geisterhafte Erscheinungsform hindeuten, allerdings auch eine ernüchternde Erkenntnis darstellen. (»You know I’m not there.«)
›Parasite‹ wirft einen Blick hinter die Kulissen der Gesellschaft. Der Erzähler beschreibt den allgegenwärtigen Schleier des Wohlbefindens und die anscheinende Oberflächlichkeit von Traditionen. Er fühlt sich wie ein Parasit in dieser Gesellschaft. In ›Free Ride‹ scheint es sich um eine ähnliche Gestalt wie in Know zu handeln. Allerdings ist der Text, nicht zuletzt durch doppelt verwendete Begriffe und merkwürdige Bilder, sehr undurchsichtig.

›Harvest Breed‹ erinnert durch den geschilderten freien Fall an den Tod. Auch die Beschreibung »kiss the flowers that bend« erscheint wie die Perspektive von unten.
›From the morning‹ ist wohl der positivste Song auf dem Album und könnte im Kontext des ganzen Albums und vor allem mit dem vorletzten Stück eine Art Wiedergeburt beschreiben.

Dieses Album sollte man zweimal hören

Die Tracks beziehen sich immer auf einen vorangegangenen und scheinen eine einheitliche Metaphorik zu benutzen. Drake baut das Album wie eine Geschichte auf, die mit jedem Kapitel etwas durchschaubarer und verständlicher wird. So könnte man den Pink Moon als die Depression deuten, die im zweiten Stück angedeutet wird. Der Wunsch nach einem Zufluchtsort, der anscheinend an eine Person geknüpft ist, erscheint in dem Stück ›Which Will‹. Ebenso die Abgrenzung zu den »Stars« in dem Song ›Road‹, die in eben genannten ›Which Will‹ zu der Annahme führt, nicht zu den Auserwählten gehören zu können. Auch die Sünde taucht mehrmals auf. So entsteht im Gesamtkontext ein neuer Eindruck jedes einzelnen Songs.

Und auch das Cover des Albums beinhaltet viele der verwendeten Metaphern: Der Clown ist zu sehen, sowie die blanken Schuhe, die sich biegenden Pflanzen und natürlich der Mond. Und grade diese Objekte scheinen in den Songs von großer Bedeutung zu sein.

| MARC HOINKIS

Titelangaben
Nick Drake: Pink Moon
Island Records 1972

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