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Geben und Nehmen

Bühne | Theater: Willkommen bei den Hartmanns

Wenn man von der eigenen Freundin als spießiger Wohlstandsbürger verschrien wird, der Sohn auf das Burn-out in Shanghai zusteuert, die Tochter mit 29 nicht mit dem Studium fertig wird und der eigene Arzt-Gemahl sich lieber Botox spritzen lässt, als an die Rente (und Frau Hartmann) zu denken, darf man sich doch mal ein Glas Wein mehr genehmigen, oder? Kurz: Frau Hartmann hat es satt. Sie beschließt, etwas zu ändern. ANNA NOAH schaut ein Theaterstück, das über Grenzen geht.

»Ich mag Manuel Neuer.«

Die Filmkomödie »Willkommen bei den Hartmanns« lief 2016 bundesweit äußerst erfolgreich in den Kinos. Nun präsentiert die Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater die erste Bühnenfassung Deutschlands.

Quatis Tarkington
Quatis Tarkington wurde in Colorado (USA) geboren, wo auch seine Karriere als Schauspieler ihren Anfang nahm. Er spielte in verschiedenen Theater-, Film- und Fernsehproduktionen in Denver und New York.
Darüber hinaus wirkte er in Deutschland im Künstlerhaus 43, am Staatstheater Braunschweig und am English Theatre Berlin mit.
Bis vor kurzem spielte er die Rolle des Algernon in Oscar Wildes ›The Importance of Being Earnest‹ am Euro Theater Central, Bonn.

Die Hartmanns lernen Flüchtling Diallo (Quatis Tarkington ) aus Nigeria bei einem Kennenlerngespräch im Flüchtlingsheim kennen. Er schleicht sich schnell in die Herzen der Berliner Vorstadtbürger, erkennt später ihre Einsamkeit und wird daher zum unfreiwilligen Therapeuten. Denn Vater Richard (Rufus Beck) kann nicht in Würde älter werden, und Mutter Angelika (Gesine Cukrowski) hat ein kleines Wein-Problem. Die Kinder Philip (Jonathan Beck) und Sophie (Pia Micaela Barucki) sind ausgebrannt.
Jeder auf seine Art.

Willkommen bei den Hartmanns

Diallo wirkt wie ein »Vorzeige-Flüchtling«. Sympathisch, arbeitseifrig und von höherer Moral als jeder Deutsche. Diesen Typen muss man einfach mögen.
Sogar der skeptische Richard lässt sich schnell von seinem Charme einfangen. Er gibt den Arzt im besten Renten-Alter, gegen das er mit allen Mitteln ankämpft. Ob mit Botox oder jugendlichen Klamotten, die ihn aussehen lassen wie eine Karikatur seiner selbst.

Die Lehrerin Frau Hartmann ist völlig unterfordert, Diallo wird schnell ihr »Projekt«, dem sie beharrlich Deutschunterricht gibt.

Zwischen witzig und geschmacklos

Natürlich kann man nicht erwarten, dass das Theaterstück an den Erfolg des Kinofilmes anknüpft – und das trotz hochkarätiger Schauspieler.
Denn seit 2016 ist viel passiert. Die Vorkommnisse in Chemnitz und Köthen sind nicht spurlos am Zuschauer vorbeigegangen. Demonstrationen und Auseinandersetzungen haben zugenommen, ein Punkt, der keinesfalls verharmlost werden sollte.

Andererseits sollte auch bedacht sein, dass man sich im Genre Komödie bewegt. Somit lockern die Witzchen über »schwarze Schafe« unter den Flüchtlingen, Botox für alternde Ärzte und »Deutschland sucht den Superflüchtling« nicht nur auf, nein, sie zeigen auch die Diskrepanz zwischen den Problemen der Menschen in unserem Land im krassen Vergleich zu Diallos Flucht-Problem.
Zwei Welten prallen aufeinander!

Willkommen bei den Hartmanns

Einzig eine Szene, die den Konsum von Zauberpilzen – wohl als Höhepunkt der Langeweile – zeigte, war stark überzogen.
Doch bereits vor der Pause erkennt der Zuschauer, dass die fixe Idee von Frau Hartmann durchaus positive Konsequenzen nach sich zieht.
Diallo beobachtet die Hartmanns und misst sie mit seinem nigerianischen Kulturmaß. Er hat dadurch einen ganz besonderen Blick auf die Probleme, die diese Familie hat. Letztendlich gibt er viel von der ihm entgegengebrachten Liebe zurück. So helfen sich der Flüchtling und die Familie gegenseitig, teilweise ohne es zu bemerken.

»Die Hartmanns sind alle verwirrt.«

Herausragend ist das Bühnenbild von Stephan Fernau. Es stellt eine riesige Villa dar, die in Berlin-Zehlendorf verortet ist. Sämtliche Fenster und Türen sind verschiebbar, so kann sich das Bühnenbild schnell und elegant ändern.

Das Stück dreht sich bis zur Pause eher um Luxusprobleme, trotz Diallos Anwesenheit. Danach werden auch aktuelle Themen angesprochen. Die schauspielerische Leistung steigt an. Vor allem die Rede Diallos, in der er von Verfolgung und Boko Haram in Nigeria berichtet, ist ergreifend.
Es ist interessant, dass eine Komödie auch mit diesen ernsten Tönen funktioniert, mehr noch, dabei zu richtig gutem Theater wird.

Somit ist »Willkommen bei den Hartmanns« zwar anfangs etwas plakativ, bietet aber genau die Art von Unterhaltung, die man von einer Komödie erwartet.

| ANNA NOAH
| Fotos: FRANZISKA STRAUSS

Showangaben
Willkommen bei den Hartmanns
(Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater)
Darsteller:
Angelika Hartmann – Gesine Cukrowski
Dr. Richard Hartmann – Rufus Beck
Diallo Makabouri – Quatis Tarkington
Philip – Jonathan Beck
Sophie – Pia-Micaela Barucki
u.v.a.
Regie: Martin Woelffer
Bühnenbild: Stephan Fernau
Komödie nach dem gleichnamigen Film von Simon Verhoeven

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