Von Rügen nach Rom

Kurzprosa | Hartmut Lange: An der Prorer Wiek und anderswo

»In der Unheimlichkeit steht das Dasein ursprünglich mit sich selbst zusammen.« Dieser Heidegger-Satz, den Hartmut Lange 1994 seinen Erzählungen ›Schnitzlers Würgeengel‹ vorangestellt hatte, könnte auch als Leitmotiv für den neuen, zehn Novellen umfassenden Band des Berliner Autors fungieren. Von PETER MOHR

an der prorer wiek und anderswo-196625867Unheimlich, dunkel, geheimnisvoll und teilweise absurd geht es in den kurzen Texten zu, die diesmal nicht (wie so oft üblich) an den Seen und Wäldern am Rande Berlins, sondern an der Prorer Wiek auf Rügen und gleich fünfmal in Rom angesiedelt sind. Auch in der Ewigen Stadt geschehen unerklärliche Dinge, geraten Figuren aus dem seelischen Gleichgewicht und stürzen in ein rätselhaftes Gedankenchaos. Wie fremdbestimmt streunen die Lange-Figuren hilf- und planlos durch den Alltag; das Unterbewusstsein diktiert ihr Handeln. Rom »ist ein Ort, an dem Unberechenbarkeit zum schönen Schein der Dinge gehört.«

Noch dunkler, noch nebulöser und schon beinahe schauerlich hat Lange das Ambiente in den auf Rügen handelnden Novellen arrangiert. Der bekannte Maler Biesterfeld fühlt sich gleichermaßen von einer Frau, die er nur flüchtig gesehen hat, wie von einer verfallenen, auf den Abbruch wartenden Villa angezogen, die er trotz Verbotsschilder betritt. Biesterfeld fertigt flüchtige Bleistiftskizzen der Unbekannten an, wird von seinem Galeristen gerügt und an seine farbigen, großformatigen Ölbilder erinnert. War die Frau gar nur eine Einbildung des Malers?

Und was ist in einem anderen Text von der Figur zu halten, die aus einem Gemälde Caspar David Friedrichs geflohen ist, »dort herumirrt und leidet und Mühe hat, in die gesicherte Enge seines Bilderrahmens zurückzufinden?«

Das liest sich alles ein wenig irreal und gespenstisch, geradeso als hätten Beckett und Poe hier gemeinsam geschrieben. Auch die Novelle um die Rechtsanwältin Frühwald passt in dieses Lange-Erzählschema. Die Frau wird zuletzt am Strand gesehen, ging einige Schritte ins Wasser und wurde nie wieder gesehen. Lediglich ein Zettel mit den Worten »Liebe, Angst, Tod« wurde gefunden. Um dieses Motiv des selbstgewählten Verschwindens im Meer hat Lange bereits vor 28 Jahren seine vorzügliche Novelle ›Die Wattwanderung‹ arrangiert. Es ist immer wieder faszinierend, sich von diesem Autor durch die Abgründe menschlicher Seelen und auch auf falsche Fährten führen zu lassen.

Nicht weniger unheimlich, dafür aber umso realistischer geht es in ›Emilys Schatten‹ zu. Ein Text, der etwas aus dem philosophielastigen Lange-Kosmos herausragt. Die 17-jährige Emily wird von ihren Mitschülern aufs übelste gemobbt, weil ihre Kleidung nicht den top-modernen Trends entspricht. Nur auf ihren Schatten konnte sie sich verlassen, »er war immer bei ihr«. Bei Bedarf sprach sie sogar mit ihm, doch irgendwann war auch dies keine Hilfe mehr, und der Teenager stürzte sich – akkurat geschminkt – vom Dach des Schulgebäudes in den Tod.

Bewegende, dunkle Geschichten, die unter die Haut gehen – mal mehr, mal weniger rätselhaft – hat Hartmut Lange, der ungekrönte König der zeitgenössischen Novelle, in diesem Band erneut vorgelegt. Wieder einmal in einer Sprache, die so glasklar ist, wie der Meerblick auf Rügen an einem schönen Sommertag.

| PETER MOHR

Titelangaben
Hartmut Lange: An der Prorer Wiek und anderswo
Zürich: Diogenes Verlag 2018
113 Seiten. 16,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Hereinspaziert?

Nächster Artikel

Kaum Leben am Ufer der Endzeit

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Kein Ausweg

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kein Ausweg Auf Dauer fällt es schwer, ihm zuzuhören, findest du nicht, Thimbleman? Schon, ja. Auch wenn er ja recht hat. Daß er nur Katastrophen heraufbeschwört, kannst du aber auch nicht behaupten, Ausguck. Nein, nicht. Und wenn es nun einmal so ist – was kann man tun?

Auf geht’s!

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Auf geht’s!

Was solle man dazu sagen, fragte Farb, die Realität werde übertönt vom Lärm einer Wohlfühlgemeinde, deren Welt eine Wirklichkeit taumelnder Blasen sei, die sekundenlang irrlichternd schweben, bevor sie geräuschlos platzen und sich ins Nichts auflösen würden.

Eine mediale Wirklichkeit, fragte Tilman.

Spaßgesellschaft, sagte Annika.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Diese Wirklichkeit habe sich vom realen Leben verabschiedet, sagte Farb, sie überlagere den Alltag und, wie gesagt, sie werde letztlich geräuschlos platzen und keinen Eindruck hinterlassen, und der Mensch, als ginge all das mit rechten Dingen zu, sähe sich unversehens mit einer rauhen Wirklichkeit konfrontiert

Ramses IX

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ramses IX

Ramses lächelte. Es war abenteuerlich, sich in fremden Gegenden und Kulturen umzutun und einen Eindruck von den Menschen zu gewinnen, durchaus interessant, gewiß, die Kultur der Industriegesellschaft ist hochentwickelt, überlegte er, extrem leistungsbezogen und bestehe doch erst seit zwei Jahrhunderten. Unzählige Menschen lebten auf dem Planeten, und für sie müsse gesorgt werden, da nehme die Verteilung urwüchsige Züge an, das werde man verstehen.

Wette

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Wette

Wette, sagte Annika, sie habe mit Wette gesprochen, er sei daran interessiert, Doppelkopf zu spielen, was nicht als Absage zu verstehen sei, aber sie möge gern auch Hüttmann fragen.

Schön, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne, die Farb auf der Pflaumenschnitte langsam und sorgfältig glattstrich.

Wette, sagte Farb, hatte Wette nicht Psoriasis, eine Zeitlang sogar im Gesicht, die Haut sei ein sensibles Organ.

So etwas grenze dich aus aus dem Alltag, sagte Tilman, du wirst nicht länger als zugehörig empfunden, doch allem Anschein nach sei das besser geworden.

Worte eines alten Teenagers

Kurzprosa | Truman Capote: Wo die Welt anfängt Um diesen Band von Erzählungen richtig zu begreifen, sollte man sich zuerst mit dem Nachwort der Herausgeberin Anouschka Roshani befassen.VIOLA STOCKER reiste als Passagier durch ein Universum des amerikanischen Traums.