Raus aus der Komfortzone (und wie’s weitergeht)

Kinderbuch | Martin Grzimek: Ich, Hannibal, der Floh

Unbesorgt arbeiten, essen, schlafen, ist wunderbar bequem, nicht aber, wenn es auf Kommando geschieht. Das ist Sklaverei! Also fort mit den Ketten und hinaus in die Freiheit. Die hat, bei allen Vorzügen, ihre Tücken. Den täglichen Kampf ums Überleben kann man leicht verlieren. Was tun? Ein findiger Kopf wird benötigt. Von MAGALI HEIẞLER

Ich Hannibal der Floh 9783423640435Hannibal ist in der Tat ein Floh, aber er ist auch ein hart arbeitender Akrobat. Angestellt ist er im Flohzirkus, wo er seine riesigen Kräfte beim Ziehen winziger Kutschen und Stemmen von kleinen Gegenständen unter Beweis stellt. Dafür gibt es täglich Blut vom Zirkusdirektor persönlich, der Hannibal auch ein eigenes kleines Wohnzimmer zur Verfügung gestellt hat. Das Leben ist in Ordnung, wäre es nicht, nun, ein wenig langweilig. Hat man Langeweile, reagiert man schnell gereizt. So geht es auch Hannibal. Und schon ist der Plan geboren. Hannibal beschließt, sich draußen in der Welt umzusehen.

Die Flucht ist anstrengender als erwartet, doch ein glücklicher Zufall kommt ihm zu Hilfe. Nicht lange danach findet sich unser kleiner Floh in der Familie Blaschke wieder, Mama, Papa, Andi und Anne. Anne hat es Hannibal besonders angetan. Fast verliebt ist er in sie, weil sie so gut riecht, dass ihr Blut sicher auch prima schmeckt. Dass Leben auf und mit Anne verwickelt Hannibal jedoch in Abenteuer, die er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen könne.

Die Perspektive der ganz Kleinen

Ein Floh als Ich-Erzähler ist eine Variante in Tiergeschichten, die spannende Einblicke erwarten lässt. Grzimek bietet sie auch. Die recht kurze und geradlinig erzählte Geschichte enthält eine beträchtliche Menge von Informationen über eine alte Schaustellerkunst, die fast ausgestorben ist, den Flohzirkus und ihre Stars, die Flöhe. Hannibal erzählt zunächst von sich, seinem Leben und seiner Arbeit. Was er erzählt, entpuppt sich als die Techniken der Abrichtung dieser kleinen Insekten. Blenden mit Licht, spiegelglatte Flächen, auf denen sie ihre Krällchen nicht einhaken können, die Schlingen um den Hals, die Belohnung durch Rückzugsmöglichkeiten ins Dunkle und das Füttern mit frischem Blut. Flöhe sind Gourmets, Fertiggerichte kommen nicht infrage!

Aufschlussreich sind auch Hannibals Betrachtungen über Verstecke, übers Springen und das Blutsaugen. Grzimek setzt geschickt den für die Zielgruppe altersgerechten Ekelfaktor ein, ohne diesem aber die Anschaulichkeit ganz zu opfern. Effekthascherei ist keineswegs das einzige Ziel.

Es gelingt dem Autor über weite Strecken, Hannibals Blick auf die Dinge zu wahren. Für derart kleine Wesen birgt schon eine Leintuchfalte große Gefahren. Der kleine Floh lernt aus seinen Erfahrungen, er zieht umgehend Lehren daraus und wendet sie auch an. Darin ist er ein echtes Vorbild.

Was er erlebt und wie er den zunehmend anstrengender werdenden Alltag mit Anne meistert, verfolgt man als Leserin mit großer Spannung. Tempo erhält in der Handlung allein schon wegen der zahlreichen Sprünge, die der Kleine vollführen muss, um sich zum wiederholten Mal aus der Gefahrenzone zu bringen.
Eine Gefahrenzone allerdings lässt sich nicht vermeiden und wirkt sich nicht nur günstig auf die Geschichte aus.

Das Tier als Mensch

Im letzten Drittel setzt sich unseligerweise eine gewisse Bravheit der Anschauungen durch. Hannibal befreit sich allein aus seiner selbst verursachten Klemme, das ist ein großer Pluspunkt. Konterkariert wird das aber durch ein befremdliches Denkmuster. Grzimek lässt den Kleinen auf den Gedanken verfallen, dass er aufgrund seiner arttypischen Nahrung selbst auf eine gewisse Weise menschlich sei. Man wagt kaum, darüber nachzudenken, was das konsequenterweise für Menschen bedeutete, die Tiere essen. Tatsächlich problematisch wird es jedoch, als Hannibal aus seinem Quasi-Menschsein eben das Selbstbewusstsein zieht, das ihm sowohl die Einfälle als auch die Kräfte zu verleihen, seine Rettung meisterlich zu planen. Dadurch kommt die Geschichte in unangenehme Nähe zu Biederkeit und menschlicher Selbstgefälligkeit. Dass auch noch Geld eine Rolle spielt, macht das Ganze nicht besser. Am Ende lautet die Botschaft, dass goldene Ketten und ein sicherer Futtertrog der Freiheit vorzuziehen sind. Auch ein Floh ist, was er isst.

Im Unterschied zum Text sind die Illustrationen von Hildegard Müller eine ungetrübte Freude. Den winzigen Helden sieht man in der Schmuckbordüre über jedem neuen Kapitel sowie ganz winzig einmal gegen Ende der Geschichte. Vor allem aber sieht man seine wilden Sprünge, ein witziger Einfall, der viel zum Vergnügen beiträgt.

Drollig sind auch die Mienen der Menschen, verblüfft, erschrocken, angeekelt, Kinder wie Erwachsene. Oder betrübt, wie der Zirkusdirektor nach Hannibals Flucht. Darin steckt viel Gefühl. Die Gesichter sind ein wenig übergroß, aber nicht völlig überproportioniert. Die Perspektive ist die einer Betrachterin aus gewisser Ferne, nicht ausgesprochen von unten nach oben. Identifikation mit Hannibal ist nicht das Ziel. Angedeutet wird eher eine Theaterbühne. Figuren und Gegenstände sind nur mit dünnem schwarzem Strich gezeichnet, die runden Gesichter mit Apfelbäckchen sind comicartig realistisch und wirken zugleich wie geschminkte Bühnengesichter. Die Farben, eine Art Fleischrosa, Hellrot und Braun kombiniert mit Schwarz und Weiß, bringen viel Wärme. Es geschieht auch immer viel auf den Bildseiten, langweilig wird es trotz der sanften Farbgebung keineswegs. Es gibt auch viel zu lachen.

Hannibals Abenteuer bieten lustige Lektüre mit einem Helden, der zunächst nicht ganz alltäglich ist, dann aber leider auf eher peinliche Weise in der Komfortzone endet. Die witzigen Illustrationen ändern nichts daran, sind aber für sich genommen ein eigener Wert, den man froh genießen kann.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Martin Grzimek: Ich, Hannibal, der Floh
München: dtv Reihe Hanser 2018
103 Seiten, 12,95 Euro
Kinderbuch ab 8 Jahren
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