Skrupellose Karrieristen gibt es in jeder Zeit

Roman | Jo Nesbø: Macbeth

Im Jahr 2012 rief The Hogarth Press, 1917 von Virginia und Leonard Woolf ins Leben gerufen, international bekannte Autoren dazu auf, rund um den 400. Todestag des berühmten Dramatikers ihre ganz persönliche Neuerzählung eines Werkes von William Shakespeare (1564 – 1616) zu präsentieren. Renommierte Autorinnen und Autoren wie Anne Tyler, Margaret Atwood, Edward St. Aubyn und Howard Jacobson beteiligten sich bisher an dem so genannten »Hogarth Shakespeare Project«. Von DIETMAR JACOBSEN

Jo Nesbo - MacbethMit Jo Nesbø ist nun ein Autor dazugekommen, den man hauptsächlich als Verfasser knallharter Thriller kennt. Und natürlich hat er sich jenes Drama Shakespeares ausgesucht, in dem ein Mann, angetrieben von einer machtbesessenen Frau, seinen weder Freund noch Feind verschonenden blutigen Weg nach oben beschreitet: Macbeth.

Nesbøs Macbeth ist, wenn der umfangreiche Roman des Harry-Hole-Erfinders einsetzt, in einer nicht näher benannten, aus verschiedenen Versatzstücken zusammengesetzten, »verkommene[n,], kaputte[n] Stadt an der Westküste« Schottlands als erfolgreicher Polizeioffizier unterwegs. 25 Jahre nach den amerikanischen Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki, wie es an einer Stelle des Romans bezüglich der Handlungszeit heißt, also Anfang der 70er des letzten Jahrhunderts, ist der einst blühende, inzwischen von korrupten Politikern und Ordnungshütern ruinierte Ort zu einer Arena geworden, in der sich gewissenlose Polizisten, eine mit Rauschgift dealende Bikergang und ein das Geschäft mit den synthetischen Drogen »Brew« und »Power« beherrschender, hoch über der Stadt in seiner Penthouse-Suite residierender Tycoon, der sich Hecate nennt, blutige Kämpfe um die Vorherrschaft liefern.

Ein bluttriefender Karrierist

Anfangs noch voller Idealismus und mit dem festen Willen ausgerüstet, sowohl Hecates Leute als auch die Gang der Norse Riders unter ihrem Anführer Sweno aus der Stadt zu vertreiben und den Bürgern wieder Ordnung und Sicherheit zurückzubringen, gerät Macbeth, der das SWAT-Team der Polizei befehligt, nach und nach in den Sog von Verbrechen, die nur noch der Befriedigung seiner eigenen Machtgier dienen.

Angetrieben von der ehrgeizigen Lady, seiner von der Prostituierten zur Spielbankbetreiberin aufgestiegenen Geliebten, und zunehmend unter den Einfluss von Drogen stehend, kennt sein Wille, sich die Stadt zu unterwerfen und schließlich gar Bürgermeister zu werden, bald keine moralischen Grenzen mehr. Und wenn er zunächst nur diejenigen mordet, die seinem Weg nach oben direkt im Wege stehen, sind es später auch seine besten Freunde und ihre Frauen und Kinder, die er glaubt, beseitigen zu müssen, damit keine Mitwisser seines skrupellosen Aufstiegs vom Waisenheimzögling und Drogenabhängigen zum ersten Mann der Stadt am Leben bleiben.

Nesbø hat Shakespeares Drama genau gelesen. Fast die gesamten »dramatis personae« treten auch in seinem Thriller auf, freilich in gewandelten Funktionen. Aus Macbeth erstem Opfer, König Duncan, macht der norwegische Bestsellerautor einen Reformer, der nach dem Ende seines korrupten Vorgängers Kenneth wieder für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen will. Aus der ihren Gatten antreibenden Lady Macbeth wird die Spielhöllenkönigin Lady, deren rote Haare und das rote Kleid, das sie bei ihrem ersten Auftritt trägt, schon auf das Blut vorausweisen, welches Macbeth später vergießen wird. Auch Shakespeares schottische Fürsten treten nahezu vollständig auf – anfangs wie Banquo, sein Freund, ihn ermutigend, eine führende Rolle bei der Verbrechensbekämpfung einzunehmen, ehe schließlich nach dem Tod der wichtigsten Vertrauten des skrupellosen Emporkömmlings sich die Überlebenden zusammentun, um ihn von seinem Thron zu stürzen.

Shakespeare, in die Siebziger versetzt

Das alles funktioniert bei Nesbøs vorzüglich. Selbst das in der Shakespeare-Forschung höchst unterschiedliche Thesen provozierende Hexen-Trio unter Hecates Führerschaft, das Macbeth seinen Aufstieg prophezeit und ihn in dem Glauben wiegt, nichts könne ihm geschehen, solange sein Gegner von einer Frau geboren sei und der Wald von Birnam nicht seine Burg einkreise, wird mit leichter Hand in die Zeit der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts versetzt. Die »Hexen« haben nun nichts Übersinnliches mehr an sich, sondern treten – mit »Leopardenprint-Kleid« und »bis über die Knie reichenden Stiefeln mit […] Stilettoabsätzen« – als jene »weird sisters« (unheimliche Schwestern) auf, als die sie bei Shakespeare agieren. Im Auftrag Hecates produzieren sie nun in einem unter dem Bahnhof gelegenen Labor die Superdrogen »Brew« und »Power« und dienen das Teufelszeug Macbeth an, auf dass er sich im Drogenrausch unbesiegbar fühlen möge.

Doch auch in Nesbøs Adaption des Shakespeare-Dramas ereilt den Karrieristen am Ende sein Schicksal. Und wie im Original der Wald sich eben doch in Bewegung setzt, um Burg Dunsinane einzukreisen, löst sich nun die 110 Jahre alte Lokomotive Bertha – »Symbol für den Zukunftsoptimismus, der hier einst geherrscht hatte«, bevor der Zugverkehr eingestellt wurde und der Ort zusehends verfiel – aus ihren Fundamenten und rollt mit zerstörerischer Kraft mitten hinein in das glänzende Symbol der Verkommenheit der neuen Zeit, Ladys »Inverness«-Casino.

Harry Hole wäre unter Macbeth Gegnern zu finden

Auch für diejenigen, denen Shakespeares Macbeth bisher allenfalls dem Namen nach bekannt war, hält Jo Nesbøs Roman ein spannendes, mit zahlreichen zeitgenössischen Anspielungen versehenes und außerordentlich gut geschriebenes – auch der Übersetzer André Mumot soll hier nicht unerwähnt bleiben – Leseabenteuer bereit. Natürlich ist Macbeth nicht Harry Hole. Selbst wenn ihre Sucht die beiden Figuren eint, wäre der Held von bisher 11 Romanen in diesem Buch wohl eher auf der Seite derjenigen zu finden, die Macbeth‘ blutigem Aufstieg mit vereinten Kräften schließlich ein Ende setzen.

Aber vielleicht schafft es Nesbø mit seinem Roman sogar, dass der eine oder andere Leser das Abenteuer der Rückkopplung zu einem der großen Dramentexte der Weltliteratur riskiert. Das wäre nicht nur ganz im Sinne des Hogarth Shakespeare Projects, sondern könnte auch den Beweis dafür liefern, dass gute Spannungsliteratur mehr ist als bloße Unterhaltung auf überschaubarem literarischen Niveau.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Jo Nesbø: Macbeth
Deutsch von André Mumot
München: Penguin Verlag 2018
621 Seiten. 24.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

 

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Herr Krokodil hat Geschmack

Nächster Artikel

Ein Flunsch zieht nach Westen

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Zwischen Humor und Weltpolitik

Roman | Jakob Augstein: Die Farbe des Feuers

»Ich habe immer schon geglaubt, dass die Vorstellung, dass wir Herr dessen sind, was wir tun, eine notwendige Vorstellung und ein Irrtum ist. Wir müssen das glauben, sonst bricht alles zusammen. Aber ich glaube, das ist Quark«, bekannte kürzlich Jakob Augstein. Von PETER MOHR

Amour fou oder die Chronik des Wahnsinns

Roman | Philippe Besson: Venice Beach Venice Beach– das ist – wenigestens zum größten Teil – der Handlungsort des Romans des französischen Schriftstellers Philippe Besson. Venice Beach – ein Ort mit großer Anziehungskraft: Touristen, Musiker, Straßenkünstler, aber auch Trinker und Junkies tummeln sich hier. Ein idealer Ort, um im Trubel unterzutauchen. Hier entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, die sich gegen ihre Gefühle nicht wehren können. Und auch nicht wollen. Erst vier Jahre nach dem Erscheinen in Frankreich liegt nun endlich auch die deutsche Übersetzung vor. Rezensiert von TANJA LINDAUER

Eisen weint nicht

Roman | Fernando Aramburu: Langsame Jahre Viele Schriftstellerbiografien könnten auch als reizvoller Romanstoff taugen. So auch die des wichtigsten zeitgenössischen baskischen Schriftstellers Fernando Aramburu, der seit 35 Jahren in Hannover lebt, aber literarisch immer wieder zu seinen Wurzeln ins Baskenland zurück kehrt. Fernando Aramburus Langsame Jahre gelesen von PETER MOHR

Das verrückte Spielfeld des Romans

Roman | Martin Lechner, Tobias Premper – ein Gespräch

Wie entsteht die Idee zu einem Roman, was macht die Arbeit daran aus und was kommt danach? Martin Lechner und Tobias Premper sprechen über ihr Schreiben und ihre in diesem Jahr erschienenen Romane ›Die Verwilderung‹ (Residenz) und ›Sommer Ende‹ (Steidl).

Schicksale, die sich kreuzen

Roman | Merle Kröger: Havarie Nachdem Merle Kröger mit ihrem letzten Roman ›Grenzfall‹ (2012) einen Politthriller vorgelegt hat, dessen Schauplätze sich vor allem in Europas Osten befanden, nimmt sie ihre Leser nun, in ›Havarie‹, mit auf das Mittelmeer. In der kurzen Zeit von knapp 48 Stunden begegnen sich dort vier Schiffe: ein Luxusliner, dessen Passagieren es an nichts fehlt, ein Schlauchboot, dessen Insassen von einer besseren Zukunft in Europa träumen, ein irischer Frachter und ein Schiff der spanischen Seenotrettung aus Cartagena. Von DIETMAR JACOBSEN