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Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten!

Ohne die Worte »Wendeverlierer« und »Treuhand« lässt sich die Deutsche Wiedervereinigung laut Petra Köpping nicht beschreiben. Denn für die sächsische Integrationsministerin stehen die beiden Begriffe symptomatisch für die Umwälzungen der Nachwendezeit, insbesondere im Osten der Republik. In ihrem Sachbuch ›Integriert doch erst mal uns!‹ schlägt die SPD-Politikerin einen großen Bogen von der friedlichen Revolution, den folgenden runden Tischen, über die Ernüchterung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung bis in die heutigen Tage zu Pegida und AfD. Auf fast 200 Seiten stellt Köpping dar, aus welchen Gründen im Osten Deutschlands die Wende als Kränkung wahrgenommen wird und welche Auswirkungen dies hat. Von BASTIAN BUCHTALECK

Die unglückliche Rolle der Treuhand

Integriert doch erst mal unsInsbesondere steht die unglückliche Rolle der Anstalt des öffentlichen Rechts, Treuhand, im Fokus des Buchs, da das Buch mit einem langen Kapitel über diese Institution beginnt. Die Treuhand wurde eingerichtet, um die Volkseigenen Betriebe der DDR für den Wettbewerb im Kapitalismus vorzubereiten oder, wo das nicht möglich schien, abzuwickeln. Köpping kritisiert, dass es wiederholt Fälle gegeben habe, bei denen die Treuhand für westdeutsche Unternehmen die durchaus existierende ostdeutsche Konkurrenz beiseite geräumt hat. Auch sei der Wettbewerb um die Unternehmen unfair gewesen. Da die Menschen im Osten keine Möglichkeit hatten Privatvermögen anzusparen, bekamen sie bei den Banken keine Kredite. Ihnen wurde somit die Chance genommen, die eigenen Betriebe zu kaufen. Schließlich mussten sie zusehen, wie diese Betriebe für teilweise sehr geringe Beträge an westdeutsche Unternehmer verkauft wurden. Zuletzt gab es auch nicht wenige Fälle, bei denen West-Manager aus der dritten Reihe auf Topposten im Osten berufen wurden – was in der Regel nicht funktioniert hat.

Köpping schildert ihre Kritik sachlich und neutral und hält auch fest, dass die Treuhand an vielen anderen Stellen gute Arbeit geleistet hat. Aber das Urteil der Autorin über die Wirkung der Treuhand auf das Gemüt vieler Menschen in Ostdeutschland ist eindeutig. Eigentlich sollten die friedlichen Montagsdemonstrationen und die Einrichtung der runden Tische als Demokratie von unten die Gründungserzählung der fünf neuen Bundesländer sein. »Seht her, was wir friedlich zustande gebracht haben!« Aber dies sei von der Treuhand als negativem Gründungsmythos überlagert. In den Köpfen sitze die Ungerechtigkeit fest, dass die Treuhand nur gegründet worden sei, um den Westen auf Kosten des Ostens zu begünstigen.

Aufarbeitung der Rolle der Treuhand zwingend notwendig

Um dieses Gefühl der Ungerechtigkeit zu bewältigen, sei eine Aufarbeitung der Handlungen der Treuhand zwingend notwendig und ausgerechnet hierbei, so Köpping, droht sich die Geschichte zu wiederholen. Denn nachdem die Akten der Trauhandgesellschaft für 30 Jahre unter Verschluss waren, dürfen sie zwar bald geöffnet werden, aber warum die Akten an das Institut für Zeitgeschichte in München vergeben wurden, sei nicht nachvollziehbar. Wie soll ein negativer Gründungsmythos aufgearbeitet werden, wenn diejenigen mit der Aufarbeitung betraut werden, denen man das Fehlverhalten vorwirft (also liberalen und konservativen Westdeutschen)? Richtig wäre es also, wenn die Akten der Treuhand für ein vollständiges Bild von möglichst vielen Menschen eingesehen werden könnten.

Demokratie erwartet, Kapitalismus bekommen

Überhaupt sei eine ergebnisoffene Aufarbeitung der Wiedervereinigung wichtig, um zusammenzuwachsen. Dazu gehört, dass der Begriff »Wendeverlierer« als politisch geprägter Kampfbegriff zu vermeiden ist, da er der komplexen Realität nicht standhält. Die dem Begriff innewohnende Abwertung ist eine enorme Kränkung, die in eine Opferhaltung führt.

Dabei konnten die ostdeutschen Bürger ohne das fehlende Privatvermögen die Betriebe, in denen sie gearbeitet haben, gar nicht kaufen. Mehr noch: viele Bürger seien mit einem großen Vertrauensvorschuss an das neue System herangegangen. Sie dachten, laut Köpping, es käme die Demokratie und damit Freiheit und Gerechtigkeit. Aber im Schatten der Demokratie kam auch der Kapitalismus, und zwar in einer Gestalt, die Köpping als Turbokapitalismus bezeichnet. An dieser Mischung aus Hoffnung, Gutgläubigkeit und fehlenden eigenen Möglichkeiten sind viele Biografien zerbrochen und damit auch Familien, Lebensentwürfe, Selbstwertgefühle – zumal andere, meist westdeutsche Bürger, sich all dies zunutze machten.

So mögen die ostdeutschen Bürger heute zwar in einem freieren System leben (Demokratie), das Gefühl, von diesem System ungerecht behandelt worden zu sein (Kapitalismus), wiegt dennoch schwer. Die politische Freiheit wurde teuer durch wirtschaftliche Abhängigkeit erkauft!

Pegida, AfD und die Rechte

All dies führt zu einem Gefühl von Demütigung und Kränkung. Köpping zitiert in diesem Zusammenhang Pankaj Mishra. Demnach sei der demonstrative Rückbezug auf die nationale Identität ein allgemeingültiges Muster gekränkter Gesellschaften. So wird Fremdenfeindlichkeit, so werden Pegida und AfD erklärbar, wobei die Autorin wiederholt betont, dass die Spitzen der AfD allesamt Gutverdiener seien und ursprünglich aus dem Westen stammend. Bloß ihr Gedankengut fällt in Ostdeutschland aus genannten Gründen auf besonders fruchtbaren Boden. So verwirrend, so gruselig kann Politik sein.

Wenn man der AfD begegnen wolle, dann ginge das nicht über Argumente und wahrscheinlich nicht einmal über die viel zitierten blühenden Landschaften, überlegt Köpping. Es geht nur, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet. Die Kränkung muss geheilt werden.

Wahrheit führt zu Aussöhnung und hoffentlich Solidarität

Köpping schreibt ausgewogen und gut verständlich, nie hat man als Leser das Gefühl, das Buch dränge einem eine Sichtweise auf. Dennoch bleibt Köpping in ihren Positionen stets transparent. Auch die Forderungen, die Köpping aufstellt, sind klar und offen kommuniziert und stimmig begründet.

So fordert die Politikerin, zur Aussöhnung mit der Wendeerfahrung müsse man alle individuellen Wahrheiten berücksichtigen. Dazu gehöre zum Beispiel die Einrichtung von Geschichtswerkstätten quer durch das ganze Land, in denen die eigene Vergangenheit aufgeschrieben wird und zwar nicht nur die technischen und wirtschaftlichen Aspekte, sondern explizit auch die Schicksale der Zeitzeugen, die Brüche in den individuellen Biografien. Aussöhnung sei möglich, es brauche nicht mal zwingend eine finanzielle Kompensation (wenngleich eine wünschenswert ist). Es braucht bloß offene Ohren und somit Anerkennung für erlittenes Unrecht. Dafür streitet ›Integriert doch erst mal uns!‹, dafür streitet Petra Köpping, dafür lohnt es sich, zu streiten.

Insgesamt ist die ›Streitschrift für den Osten‹, wie der Untertitel des Sachbuchs lautet, ein angenehm gut lesbares und doch vielschichtiges Buch, welches einen wichtigen Nerv trifft. Es ist ein Buch für alle Deutschen, die wissen wollen, warum es noch oder gerade nach 30 Jahren Wiedervereinigung knirscht. Wer das Buch liest, wird im Anschluss viel besser die im Osten empfundene Demütigung, Kränkung und Ungerechtigkeit anerkennen. Und erst diese Anerkennung kann helfen, die alten Wunden verheilen zu lassen.

Zuletzt fordert die Politikerin Solidarität ein, und zwar zwischen allen strukturschwachen Regionen Deutschlands – unabhängig davon, ob Ost oder West. Denn die tatsächliche Spaltung bestünde heute zwischen Arm und Reich. »Die Lösung liegt nicht im Ausspielen von Arm gegen Arm, sondern in einer größeren Verteilungsgerechtigkeit in unserem Land.« In dieser Position ist sie ganz Sozialdemokratin.

| BASTIAN BUCHTALECK

Titelangaben
Petra Köpping: Integriert doch erst mal uns
Eine Streitschrift für den Osten
Berlin: Ch. Links Verlag 2018
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