/

Keine Patentrezepte

Gesellschaft | Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

»Um mich selbst neu zu erfinden, musste ich mich zuallererst abgrenzen.« Aha. Da weiß jemand genau, was er will. Da hat jemand sein Leben voll im Griff. Nehmen wir ihm das ab? Von WOLF SENFF

Didier Eribon - Rückkehr nach ReimsNein, er nimmt sich das selbst nicht ab, wie wir der Lektüre im späteren Verlauf entnehmen. Didier Eribon geht aus von seiner Autobiographie, deren zentrales Thema die Überwindung gesellschaftlich klassenbezogener wie sexueller Schranken ist, die Abgrenzung gegen seine proletarische Herkunft, das angestrebte Ziel eines bürgerlichen Lebens.

Anpassung an die Normen

Eribon lehrt heute Soziologie an der Universität von Amiens, er hat das also, wenn man so will, geschafft, er wird als einer der führenden Intellektuellen Frankreichs gelobt und ist gegenwärtig Lieblingsgast in den hiesigen Feuilletons. »Rückkehr nach Reims« erschien in Frankreich im Jahr 2009 und markiert dort eine Etappe in der Auseinandersetzung mit dem Front National, die in unserem Land als Konflikt mit der AfD zurzeit geführt wird. Woher stammt diese rechtsorientierte Bewegung und wie gehen wir mit ihr um?

Eribon beschreibt uns die gespannte Beziehung zu seinen Eltern und seine innere Distanz zum Milieu der Arbeiterklasse. Er besucht während der sechziger Jahre das Gymnasium und studiert. Die Jahre am Gymnasium seien für ihn Jahre einer intensiven Anpassung an Normen und Verhaltensweisen des Bürgertums gewesen.

Portalfiguren

Der Leser wird sich übrigens fragen, was für ein Charakter sich hinter einem Sohn verbirgt, der bezüglich seiner Mutter sagt, dass »ihre enttäuschten Träume […] sich durch mich verwirklichen« konnten. Eribon erwähnt auch den eigenen Hass auf den Vater, und wir nehmen zur Kenntnis, dass sich später, aus der Distanz des erwachsenen Sohnes, das eigene Verhältnis zu seinem Elternhaus und seiner Familie neu sortiert. Die eigenen Eltern beschäftigen uns bekanntlich ein Leben lang, sie sind »Portalfiguren« (Peter Weiss) unseres Lebens.

Es ist nicht leicht zu verstehen, dass er sich als Heranwachsender von ihnen, von ihrer Welt längst losgesagt hat und dennoch zugleich vom »unauslöschlichen Abdruck meiner sozialen Herkunft« spricht.

Transformation der Sozialdemokratie

Das macht ihm zu schaffen, und er weitet diese Erfahrung seines Elternhauses auf die Dimension der Politik aus. Er erinnert an die Herausbildung eines Subproletariats der Immigranten algerischer oder maghrebinischer Herkunft und an den Rassismus der Sechziger Jahre, der im kommunistischen Milieu seines Elternhauses ebenso alltäglich war, wie er heute die Politik des Front National prägt. Er konstatiert eine Reihe gemeinsamer Inhalte rechter und linker Politik.

Linke Politik habe sich korrumpiert, und zwar sowohl was ihre Inhalte betreffe als auch ihre Repräsentanten, in Frankreich war dies seit 1981 Francois Mitterand, der, einmal im Amt, auf die Durchsetzung sozialistischer Inhalte verzichtet habe. Tony Blair und Gerhard Schröder stehen für die europäische Transformation der Sozialdemokratie.

Was also sind die Probleme?

Dessen ungeachtet schreibt Eribon den kritischen Intellektuellen und den sozialen Bewegungen die Aufgabe zu, neue Perspektiven zu erschließen und linker Politik einen Weg in die Zukunft zu weisen, bleibt aber wenig konkret. Was beeindruckt, ist die Beschreibung seiner eigenen Sozialisation, die Überwindung zweier Ausgrenzungen, der sozialen und der sexuellen.

Die Überhöhung in die politische Dimension ist folgerichtig, sie erweitert den Blick auf bevorstehende Auseinandersetzungen, sie schafft, traditionell formuliert, ein Problembewusstsein, und das ist mehr bzw. etwas anderes, als uns üblicherweise geboten wird. Patentlösungen sind weder in Sichtweite noch darf man sie vernünftigerweise erwarten.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
(Retour à Reims, Paris 2009) aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
Frankfurt/Main: Suhrkamp 2016
238 Seiten, 18 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Sanna Kurki-Suonio: The Unparalleled System

Nächster Artikel

Ghostvillains and Love Songs: New Album Reviews

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Von Gläubigen, Ungläubigen und Leichtgläubigen

Gesellschaft | Linda Dorigo/ Andrea Milluzzi: Bedrohtes Refugium. Christliche Minderheiten im Nahen Osten Kurz vor Kriegsausbruch 1991 trafen sich die Oberhäupter der im Irak vertretenen christlichen Konfessionen in Bagdad und appellierten eindringlich an den Westen, den Frieden zu wahren. Griechisch-Orthodoxe sah man da, Melkiten, Assyrer, Chaldäer, Nestorianer, Armenier, Jakobiten, Katholiken und Protestanten, in ihren bunten Trachten. Sie alle trieb nicht die Liebe zum Regime Saddam Husseins, sondern die richtige Einschätzung, dass ein Krieg die Balance in der Region zerstören würde – zum Schaden besonders der Christen. Bedrohtes Refugium von Linda Dorigo und Andrea Milluzzi will eine Art Bestandsaufnahme christlichen Lebens

Das Verhängnis einer Liebe

Menschen | Ingeborg Bachmann, Max Frisch: »Wir haben es nicht gut gemacht«

Von Juli 1958 bis zum Frühjahr des Jahres 1963 dauerte die Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch – zum Ende hin war sie vergiftet und zerbrach. Immer wieder ist über sie in der literarischen Öffentlichkeit gestritten worden mit Frisch in der Rolle des Böswichts und Bachmann in der des Opfers. Ein neues Editionswerk verlangt nach einer Korrektur der Sicht auf diese unheilvolle Beziehung der österreichischen preisgekrönten Lyrikerin und dem schweizerischen Erfolgsautor. Von DIETER KALTWASSER

Kein deutsches Wintermärchen

Gesellschaft | Jan Weiler: In meinem kleinen Land Nach dem Überraschungserfolg seines Debüt-Romans ›Maria, ihm schmeckt’s nicht‹ hatte Jan Weiler ausreichend Gelegenheit, seine Heimat auf Lesereisen zu erkunden – bis in die tiefste Provinz hinein. Dabei blieb ihm nichts erspart: übereifrige Buchhändlerinnen, trostlose Hotels und winterliche Bahnsteige. All diesen Unwägbarkeiten zum Trotz kommen seine Aufzeichnungen witzig und warmherzig daher. Von INGEBORG JAISER

Wie ein Schnellzug, der Wachstum und Wohlstand versprach

Gesellschaft | Philip Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent Preisträger Preis der Leipziger Buchmesse 2015 Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks vor 25 Jahren fand gleichzeitig das politische und wirtschaftliche System des Kommunismus sein Ende. Die neoliberale Transformation, die daraufhin in Osteuropa einsetzte, sorgte in den Staaten jenseits des »Eisernen Vorhangs« für ganz unterschiedliche Entwicklungen. Der Historiker Philip Ther hat sie analysiert und daraus als Bilanz die neue Ordnung Europas gezogen. Von STEFFEN FRIESE

Anwesende Abwesenheit

Gesellschaft | Inge Jens: Langsames Entschwinden Als der große Denker und Rhetorikprofessor Walter Jens an Demenz erkrankte, war die Krankheit noch weitgehend mit einem Tabu belegt und in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit wenig präsent. Auch Inge Jens musste erst lernen, nach und nach mit der Diagnose und dem wachsenden Einschränkungen ihres Ehemannes umzugehen. ›Langsames Entschwinden‹ vereint eine Sammlung ausgewählter Briefe aus acht Jahren mit einem mutigen und klugen Plädoyer für eine angemessene Pflegesituation. Von INGEBORG JAISER