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In aller Hände, in aller Munde, auf jeden Tritt

Gesellschaft | Ronald D. Gerste: Amerika verstehen. Geschichte, Politik und Kultur der USA

Liberty, ›Hollywood‹, ›Facebook‹: Die USA sind die Vorbildnation der westlichen Welt. Und dann kommt ein Präsident und spaltet den patriotischen Vertrauten, der sich (inter-)national zunehmend entfremdet. MONA KAMPE wirft mit Ronald D. Gerstes: ›Amerika verstehen‹ einen Blick hinter den Glamour, mit dem die Supermacht Europa jahrzehntelang verzauberte.

Ronald Gerste - Amerika verstehen 9783608961676Ihre Fackeln erleuchten die Ferne: Die Freiheitsstatue vor New Yorks Küste ist nicht nur das Geschenk eines europäischen Verbündeten an die USA, seit Jahrhunderten steht die kupferne Lady als Sinnbild für die Unabhängigkeit einer Supernation, die mit zahlreichen Errungenschaften Vorbild der westlichen Welt ist. Strategische Kriegsführung, Hochtechnologie, ›Wall Street‹, digitale Trends aus ›Silicon Valley‹ – »America’s business is business« und seine Geschäftsmodelle Vorreiter für ganz Europa. ›Starbucks‹ in aller Hände, ›Facebook‹ in aller Munde, ›Google‹ auf jeden Tritt, ›Levi’s‹ auf jeden Schritt – der amerikanische Lifestyle ist aus Köpfen und Alltag nicht wegzudenken. Der Westen strebt nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten: »If you can make it there, you can make it anywhere«.

Es scheint, als könne die Nation mit dem unerschütterlichen Patriotismus und Exzeptionalismus nichts falsch machen. »America can’t do wrong« und gilt deshalb als Vermittler in Europa und der Welt. Das Fundament der amerikanischen Mentalität liegt in den Leitlinien der Freiheit, die Thomas Jefferson am 4. Juli 1776 in der ›Unabhängigkeitserklärung‹ begründete und Franklin D. Roosevelt 1941 um vier weitere ergänzte: »die freie Rede, die Freiheit der Religion, die Freiheit von Furcht und die Freiheit von Not«. Ein Polizeistaat mit Identitätskontrolle, wie sie in Deutschland gang und gäbe ist, käme den Amerikanern niemals in den Sinn, da ein solcher mit ihrem Verständnis von Demokratie unvereinbar ist und ihre Liberty einschränken würde.

Doch riskiert man einen Blick auf die aktuelle Lage des Landes, beginnt die Fassade der Traumfabrik des 19. und 20. Jahrhunderts zu bröckeln: Lediglich die Freiheit der Religion scheint vollkommen gegeben. Die Redefreiheit ist eine Frage des politischen Standorts. 2015 lebten mehr als 43 Millionen Amerikaner, also 13,5 Prozent der Bevölkerung und jedes fünfte Kind, unterhalb der Armutsgrenze. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und Amokläufen in Schulen mit Schusswaffen bleibt die ›Freiheit von Furcht‹ eine Illusion, für die die Nation wie selbstverständlich Einschränkungen im Namen ihrer Sicherheit hinnimmt.

Und dann kam er: der 8. November 2016 und mit ihm Donald Trump.

»Wenn wir versagen und unsere Freiheiten verlieren, dann nur deshalb, weil wir uns selbst zerstört haben« – Abraham Lincoln

Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten spaltet nicht nur die Elite von der breiten Masse, kulturelle Gruppen und Bundesstaaten, Politik und Medien, sondern auch Europa, das zunehmend befremdlich auf den Verbündeten blickt, der sich immer stärker abgrenzt und aus seiner Rolle als Weltvermittler zurückzieht. Trump eckt mit seinen konservativen, pauschalisierenden Wertevorstellungen an, steht aber gleichzeitig auch repräsentativ für große Schichten in der Bevölkerung, etwa die Waffenlobby und ihre Unterstützer – dem ländlichen Volk und Durchschnittsamerikaner näher als die Elitedame Hillary Clinton und ein Meister der Selbstinszenierung. Das (inter-)nationale Medienecho ist überwältigend. Und überall steht die gleiche Frage im Raum: Can America still do right with Trump?

Ronald D. Gerste, Historiker und USA-Experte, geht dieser Fragestellung in seinem jüngst erschienenen Sachbuch »Amerika verstehen. Geschichte, Politik und Kultur der USA« auf den Grund und schlägt eine beeindruckende Brücke von den historischen Anfängen der Supermacht bis hin zum aktuellen Zeitgeschehen. Neben Historie und Politik fokussiert der kurze, aber prägnante Rundumblick auch die Mentalität der Bevölkerung und ihre soziokulturellen Wurzeln. Die Analyse verschiedener Stereotype ergibt ein Gesamtbild, das Betrachtern aus aller Welt hilft, die nationale Lage besser nachzuvollziehen und einzuordnen.

Abschließend steht Gerstes Rat an Europa, auf Amerika zuzugehen, es zu motivieren, als unersetzlicher »Architekt und Garant der liberalen Weltordnung« zurück in die wichtige Vermittlerrolle zu schlüpfen und ihm ein »Partner sowie mahnender Freund« zu sein, auf dass es sich nie selbst zerstöre, wie der große Abraham Lincoln, 16. Präsident der Vereinigten Staaten, einst in dunkler Voraussicht schrieb.

| MONA KAMPE

Titelangaben
Ronald D. Gerste: Amerika verstehen
Geschichte, Politik und Kultur der USA
Stuttgart: Klett-Cotta 2017
208 Seiten, 9,95 Euro
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