Gesundheit

Textfeld | Wolf Senff: Gesundheit

Die Ärzte jener Moderne, sagt Gramner, würden invasiv operieren, die Schäden, die sie anrichteten, seien beträchtlich.

Der Ausguck rieb sich die Augen. Er verstehe nicht ein einziges Wort, sagte er. Gramner erzähle Schauergeschichten aus der Moderne? Auch in jener Moderne werde das vermutlich kaum einer zur Kenntnis nehmen. Doch Gramner solle sich in acht nehmen. Kassandra, sagt man, sei erdolcht worden.

Fortschritt, sagt Gramner, sei ein Trojanisches Pferd.

Ach so. Der Ausguck nahm Anlauf und schlug einen Salto.

Mit der Gesundheit würden gute Geschäfte gemacht. Die Krankheiten, sagt er, erwiesen sich als Goldgruben.

Der Ausguck lachte. Unsere Goldgräber suchen vor Sutters Mühle noch nach echtem Gold, Thimbleman. Woher wisse Gramner all das?

Er wisse es eben. Robodoc, ein Automat, sagt er, der künstliche Hüftgelenke implantiere, habe 2003 aus dem Verkehr gezogen werden müssen, weil eine große Anzahl schwerster Folgeschäden an Nerven und Muskulatur nicht länger geleugnet werden konnte.

Was das sei, ein Trojanisches Pferd, fragte der Ausguck, und was das mit Kassandra zu tun habe.

2007 habe die Produktion einer fast dreihunderttausend Mal implantierten Defibrillator-Elektrode eingestellt werden müssen, die für mehr als neuntausend Todesfälle verantwortlich gemacht worden sei. Aufgrund massiven Metallabriebs sei 2010 ein Skandal um amerikanische Hüftprothesen-Hersteller entbrannt. Eine Firma habe 2012 die Zulassung für ihren Stent verloren, ein Röhrchen zum Offenhalten von erkrankten Blutgefäßen im Gehirn, das häufig jene Schlaganfälle erst ausgelöst habe, die es hätte verhindern sollen. Massive Vorwürfe.

Massive Vorwürfe gegen eine Moderne, die strahlenden Glanz vortäuscht und positives Denken verordnet – was für ein armseliges Leben! Ich verstehe durchaus, Thimbleman.

Gramner ist manchmal schwierig, Ausguck.

Haben wir nicht unerwartetes Glück, daß wir uns in der Ojo de Liebre aufhalten und aufgrund der Blessuren eine Fangpause genießen dürfen? Nein, ich langweile mich nicht. Was haben wir mit jener desaströsen Moderne zu tun, was kümmert sie uns? Der Ausguck nahm Anlauf und schlug ein Rad.

Dein Salto gefiel mir besser.

Selber machen, mein Lieber, statt daß du kluge Reden schwingst. Der Ausguck lachte und legte einen Salto dazu.

Wer brachte dir das bei?

Ich kann es eben. Wenn einer ins Krähennest klettert, muß er gelenkig sein, und Scammon hat sich genau angesehen, wen er anheuert.

Die Details sind den Implant Files (Nov. 2018) bzw. dem diesbezüglichen Artikel in der FR vom 20.04.19 entnommen
.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Aufs Ganze

Nächster Artikel

Ein Schaf ist ein Schaf ist ein Schaf…

Neu in »TITEL-Textfeld«

Kyudo-Texte

Textfeld | Wolf Senff: Kyudo-Texte. Eine Affaire der Schülcke Tesch fühlte sich im Dojo an das Museum erinnert, das er mit der Schülcke besucht hatte, auch dieses nach japanischem Vorbild entworfen. Ach! eine ausgefallene Idee, zwei Tage nach Zürich zu reisen. PDF erstellen

Vom Konzerthaus in der Elbe

TITEL-Textfeld | Andreas Greve: Zeilen mit Reimen vom Konzerthaus in der Elbe Eine Stadt in Geberlaune: Hamburg in Geschenk-Ekstase. Ab und an hört man Geraune: tausend Euro sind´s pro Nase. PDF erstellen

Mein Steinzeitschaber

TITEL-Textfeld | Peter Engel: Mein Steinzeitschaber Mit drei Fingern faßt er sich gut, läßt sich genau führen und trennt das Fleisch von der Sehne, PDF erstellen

Vier Millionen Jahre

Textfeld | Wolf Senff: Vier Mio Vier Millionen Jahre, wie lange dauern vier Millionen Jahre, fragte Sut. Manchmal fiel ihm ein, seine Erzählungen auf der ›Boston‹ mit einer Frage einzuleiten, das hielt er für eine originelle Idee, es lockere die Atmosphäre und führe sein Publikum in kleinen Schritten in die Erzählung. Eine Ewigkeit, antwortete Crockeye. PDF erstellen

Leidenschaften

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Leidenschaften

Crockeye war außer sich, er hatte sie satt, die komplette Elite der ›Boston‹, die intellektuellen Vorredner, die alles besser wußten, nein, er hatte genug, er war restlos bedient, sogar die Zukunft, behaupteten sie, sei ihnen zugänglich, scheinheilige Sippschaft, wie wollten sie das wissen, niemand wußte das, und wie lächerlich war es denn, den Übergang zur Dampfschiffahrt als einen ersten Schritt ins Unheil verächtlich zu machen, so konnte es unmöglich weitergehen.