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Karttinger 2

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Karttinger 2

Klein liege im Trend, sagte Wollmann, auf kleine Formate umzusteigen, das zeuge von Vernunft, Nahstoll würde ihm zustimmen.

Wo er bleibe, fragte Dörte spitz.

Er sei nie da, das sei doch bekannt, erwiderte ihr Ehemann schroff, sie könne von Glück reden, wenn statt seiner der Bruder auftauche.

Der Zwillingsbruder, korrigierte Dörte.

Jurikats wüßten nicht, wo ihnen der Kopf stehe, dachte die Breytenfels und unterbrach versöhnlich: Sie fahre seit mehreren Jahren nur kurze Strecken.

Breytenfels habe sich zum Jahreswechsel von seinem Benziner getrennt, einem Saab, und fahre hybrid, erinnerte sich Jurikat, seitdem sei seine Frau so zierlich, Breytenfels habe eine Vorliebe für zierliche Frauen. Oft sei ein Zerwürfnis daran schuld, daß eine Frau abnehme.

Im Juli nach Fünen, fügte sie hinzu und warf ihr schulterlanges Haar nach hinten, verbrächten sie die meiste Zeit auf der Fähre. Sie verzog ihren Mund zu einem Lachen. Was nütze ihnen auf der Fähre ein Saab? Außerdem würden sie diesmal zu zweit sein, sagte sie, Thomas gehe eigene Wege.

Er sei kein Kind mehr, sagte Wollmann, in welcher Welt lebe die Breytenfels.

Thomas schlage nach dem Vater, sagte Dörte.

Breytenfels imponierte ihr: beruflich war er erfolgreich, sein Gesicht hatte einen milden Teint, sie genoß die sonore Wärme seiner Stimme. Vor Monaten hatte man ihm die Gallenblase herausgeschnitten, Dörte fühlte sich ihm verbunden, sie zählte die Breytenfelsens und ebenso Wollmanns – Johanna und ihren Ehemann – zu ihrem engen Freundeskreis.

Sie hätten zehn Tage auf Sylt gebucht, sagte Jurikat.

Sofern ihre Therapie nicht alle Pläne durchkreuze, ergänzte Dörte, das Gespräch strengte sie an, ihre Stimme brach ein, die Gesichtszüge entglitten ihr, angestrengt hielt sie ihre Tränen zurück. Den Herbst, davon war sie überzeugt, werde sie noch erleben, und fand makabren Trost bei dem Gedanken, daß es mit der Menschheit ebenfalls zu Ende gehen werde, nein, angenehm waren die Zeiten nicht, überall loderten die Feuer, der Kollaps war in Gang gebracht, wer könne ihn aufhalten.

Die Breytenfels fühlte sich peinlich berührt und fragte sich, ob denn Jurikats zu diesem Geburtstag hätten überhaupt einladen sollen, ein Geburtstag solle eine Freude sein, nicht, und die Gäste vergnüglich gestimmt.

Dänemark sei extrem wetterabhängig, sagte Johanna, auf Bornholm sei das nicht anders. Im Herbst seien sie zu Freunden nach Ligurien eingeladen. Sie lächelte und faßte nach der Hand ihres Gatten. Sie würden auf Sonne hoffen, fügte sie hinzu, doch im Herbst wisse man nie.

Der Herbst sei unkalkulierbar. Dörte lächelte hintersinnig.

In den Alpen seien Frühjahr und Herbst die Jahreszeiten für Muren, warnte Wollmann: Arndt müsse sich um einen Studienplatz in München kümmern, deshalb werde er diesen Sommer noch mit den Jugendlichen auf Reise gehen. Ob Anna ebenfalls angemeldet sei, fragte er, an die Karttinger gewandt.

Sie trug eine lange Seidenjacke, deren gedecktes Grün mit dem wechselnden Licht der Baumkronen und des Rasens harmonierte, sie konnte das tragen, groß wie sie war, die Karttinger machte immer eine gute Figur. Im Film wäre die Rolle mit der Riemann besetzt, aber Film ist ein anderes Genre. Die Breytenfels in ihrem dezent türkisfarbenen Chanel-Kostüm mit kleinen Revers stand der Karttinger nicht nach.
Jugend müsse hinaus in die Welt, antwortete die Karttinger eilig, man bleibe gern unter sich und stelle einander auf die Probe, halbstark, als träten sie in einen Existenzkampf ein.

So sei Jugend immer gewesen, sagte Johanna, weshalb solle es sich anders verhalten, Jugend müsse sich bewähren, nur der Aufbruch könne sie begeistern, das Neue, die Herausforderung, das Wagnis.

Ein Geburtstagskaffee locke sie nicht, stellte Breytenfels nüchtern fest.
Das war die unwiderstehliche Vorlage für Nahstoll: Geburtstagskaffees, würde der einwenden, strapazieren die Geduld des Lesers. Dieses, fügte er hinzu, an den Autor gewandt, sei sein dringender Appell, die Erzählung zu straffen. Es müsse auch einmal gestattet sein, ein Wort an den Autor zu richten, fand er.

Doch Dörte hatte einen Napfkuchen gebacken, ein Autor muß Rücksichten nehmen, seine Charaktere sind ihm wichtig, er darf nicht sticheln und darf sie nicht zur Unzeit kränken, er wolle jetzt auch Nahstoll nicht vor den Kopf stoßen, wo immer der sich gerade aufhalte, keineswegs, jedoch der Napfkuchen, lieber Nahstoll, sei nun einmal da, er könne ihn nicht wegschaffen, weshalb sollte er, auch für eine Erzählung gälten Regeln, das sei keinen Deut anders als im Leben. Das, nicht wahr, heischte er um Verständnis, werden Sie, verehrter Nahstoll, verstehen.

Auch Dörte, fügte er hinzu, müsse ja angemessen zum Zuge kommen, und sein Nahstoll sei in persona gar nicht anwesend, weshalb mische er sich überhaupt ein.

Zudem locke eine Himbeertorte, mit Vanillecrême unterlegt. Jetzt zu kürzen, werter Nahstoll, sagte er, das bringe es auch nicht. Der Auftrag aus Gelatine glänzte in der Sonne, die sich durch das dichte Laub Bahn brach.

Von Laura, sagte Dörte stolz: Laura habe ein Händchen dafür. Das Lachen belebte Dörtes schmales Gesicht.

Laura sei im Geschäft, erklärte Jurikat: Angenehm und beruhigend sei, sich in schwierigen Zeiten auf eine Tochter verlassen zu können.

Sie fühle sich den Umständen entsprechend gut, erklärte Dörte, nur sei sie manchmal erschöpft und müsse sich schonen.

Die Routine habe eingesetzt, sagte Jurikat. Er halte es für sinnlos, sagte er, länger auf Nahstoll zu warten.

Er tauche auf, wann es ihm passe, sagte die Karttinger und lächelte höflich.

Oder schicke den Zwillingsbruder, sagte Jurikat und schränkte sogleich ein, sofern es ihn gebe. Man wisse das nie, sagte er, letztens habe er sich für Tischbein ausgegeben, völlig unmöglich, sagte er, lachte herablassend, griff zum Messer und schnitt die Torte an, Tischbein, sagte er, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, er habe einige Jahre in Hamburg gelebt, er habe vorzugsweise Portraits gemalt.

Für dich, sagte er und legte Dörte das erste Stück auf.

Dem Geburtstagskind, sagte die Wollmann.

Die Karttinger bat um ein kleineres Stück.

Kleinere Stücke führe sie nicht, sagte Dörte entschieden.

Der Karttinger fehlten die Worte.

Jurikats Gattin sei nie anders als launisch gewesen, überlegte die Karttinger, und gebe ihre Willkür nicht auf, selbst jetzt nicht, da das Ende an sie herantrete, der Mann habe es nicht leicht mit ihr, manch eine lerne ein Leben lang nicht dazu.

Johanna nahm keine Schlagsahne, sie beginne Ende der Woche mit einer Diät, erklärte sie Breytenfels‘ Gattin.

Nichts sei so überflüssig wie deine Diät, Johanna, tadelte Wollmann.

Diäten, widersprach Breytenfels, auch wenn sie sonst keinen Nutzen hätten, seien ein faszinierendes Thema für die gehobene Damenwelt.

Welch ein Glück, daß Nahstoll nicht anwesend sei, sagte Wollmann, er vergesse sich jedesmal, wenn über Diät geredet werde und über Fastenkuren, er könne temperamentvoll sein, manchmal wirke er cholerisch. Aber Johanna, fügte Wollmann hinzu, werde sich ihre Diäten nicht ausreden lassen, rein gar nichts lasse sie sich ausreden.

Die übrigen lachten verlegen. Danach trat unversehens Stille ein. Die Karttinger genoß diesen sommerlichen Tag. Zwar lag die Terrasse im Schatten hoher Bäume, doch die Temperaturen waren angenehm. Unter dem Tisch streifte sie ihre Pumps ab, sie drückten an den Fersen, sie hatte sie vor zwei Tagen gekauft und trug sie zum erstenmal, zu entsprechenden Anlässen kleidete sie sich gern neu ein.

Breytenfels und Johanna rätselten, wie es ihrem gemeinsamen Hausarzt gelungen sei, innerhalb kürzester Zeit so sichtbar abzunehmen.

Sie sollten sich ein Beispiel nehmen, sagte Johanna zu Jurikat.

Mit fünfzig, erwiderte Jurikat gelassen, verliere jeder Mann an Gewicht; die paar Jahre werde er noch durchhalten. Doch sie, Johanna, sei eine schlanke Frau und habe es keineswegs nötig, sich nach Maßgaben einer Diät zu ernähren.

Bei Sonne lasse es sich leben in dieser Stadt, ob mit oder ohne Diät, sagte Johanna ausweichend, sie werde den Juli mit ihrem Mann zu Hause genießen.

Unser Thomas fahre leidenschaftlich Rad, sagte die Breytenfels: Für den Herbst werde sie ihm eine neue Maschine schenken, ein exklusives Gerät von Campagnolo aus Vicenza: Technologie und Emotion.

Jurikat fragte sich, woher sie deren Slogan kenne. Für seinen Geschmack redete die Breytenfels zu viel, und sie sei nicht zu bremsen.

Eine Schaltgruppe mit neun Ritzeln, sagte sie, das werde selbst Thomas überraschen.

Die Monate zwischen Abitur und Studium seien eine Leerzeile im Text des Lebens, sagte ihr Gatte und unterdrückte ein Gähnen. Hätte Jurikat sich nicht für diesen Nachmittag etwas Originelles überlegen können? Eine Ballonfahrt? Nein? Fliege man nicht Fesselballon in Jurikats Alter? Er vermißte den Karttinger. Der sei auf Geschäftsreise, hatte dessen Gattin erklärt. Vermutlich vergnüge er sich auf dem Golfplatz. Nahstoll sei gar nicht erschienen, ganz zu schweigen von dessen Bruder, für dessen Existenz niemand bürgen wolle. Nur er selbst habe sich ohne Einwände gefügt.
Ob er noch an seinem Roman arbeite, fragte er Wollmann.

Wollmann war überrascht. Seine Freunde, erwiderte er leicht indigniert, wüßten genauer Bescheid als er selbst. Alles Schreiben sei so voller Mühe, daß niemand zu einem Ende finde, jedes Wort sei ein neuer Anfang.

Breytenfels lächelte. Alle Wasser liefen ins Meer, doch werde das Meer davon nicht voller, sagte er, und an den Ort, dahin sie flössen, flössen sie immer wieder.
Dschuang-tsi, sagte Wollmann.

Jurikat nahm den Filter von der Kanne und stellte ihn auf eine Untertasse ab, Johanna und der Karttinger schenkte er Kaffee ein.

In niedriger Höhe überflog ein Airbus das Grundstück des Nachbarn, das Gespräch verstummte.

Breytenfels hielt das rechte Bein übergeschlagen und wippte rastlos mit dem Fuß, der mit einem elegant glänzenden, schmalen dunkelbraunen Schuh ausgestattet war. Der Einbruch der Technik, schoß es ihm durch den Kopf. Die karierte Hose kleidete ihn für diesen Besuch; an Wochenenden trat er gern zwanglos auf. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

Dörte eilte mit hastigen Schritten in die Küche, um Sahne zu holen.

Jurikat rief ihr etwas nach, das aufgrund des anhaltenden Fluglärms niemand verstand. Auch er war leger gekleidet: Knickerbocker und tiefblaue Träger über einem hellblauen Hemd, dazu eine breite olivgrüne Krawatte.

Ginge alles mit rechten Dingen zu, befände sich der Flugplatz außerhalb der Stadtgrenze, sagte die Karttinger.

Ob man nicht im Begriff sei, geräuscharme Technologien einzusetzen, fragte Breytenfels.

Man lese allenthalben davon, wandte Dörte zögernd ein und bot erneut von ihrem Kuchen an.

Vorzüglich, lobte die Karttinger: Sie habe gehofft, Nahstoll zu begegnen.

Er werde sich verspäten, suchte Dörte zu beschwichtigen. Ob die Karttinger etwas mit ihm hatte, daß sie ihn dauernd erwähne.

Er werde aufgehalten worden sein, sagte Breytenfels gelangweilt und ließ sich ein zweites Stück auftun.

Es sei sein drittes, stichelte seine Gattin.

Ihr Mann sei ja schlank, wandte Dörte ein.

Jurikat stand auf und ging in die Küche, Kaffee aufzubrühen.

Satte Farben verheißen einen glücklichen Sommer, sagte Breytenfels’ Gattin und blickte gedankenverloren auf den regenfeuchten Garten.

Wie schön, daß die Jugend auf Reisen gehe, rief ihnen Jurikat aus der Küche zu.
Was bliebe im Leben, wenn keine Reisen wären, fragte die Karttinger.

Die Karttinger nutze jede Gelegenheit, zu ihrem Haus in Frankreich zu fahren, dachte Dörte: Ein anderes Ziel kenne sie nicht.

Breytenfels begann von seiner Bergwanderung zu erzählen. Den Sommer über, sagte er, seien die Pyrenäen zu heiß, erst der September eigne sich oder eben das Frühjahr. Überall in den Pyrenäen seien die Wanderwege ausgeschildert und für Tagesabschnitte eingerichtet, niemand benötige Ortskenntnis, um sich zurechtzufinden, einfach vorbildlich. In der überwältigenden Szenerie manifestiere sich die urtümliche Kraft des Planeten im Gestein. Zu viert seien sie stramm ihre Etappen marschiert und hätten jede Berghütte pünktlich erreicht.

Er redete sich in Schwung und schwärmte von unberührter Landschaft, wie geschaffen für einen William Turner oder einen Caspar David Friedrich. Leider seien sie nicht bis zum Cirque de Gavanie gelangt, einem schmerzte das Knie, dafür könne niemand, deshalb hätten sie die Tour zwei Tage vor der Zeit abgebrochen.

Ob er jogge, erkundigte sich Wollmann.

Die Damen hätten wohl geplaudert, spottete Breytenfels.

Morgens eine Viertelstunde, erwiderte seine Frau.

Man sehe es Ihnen an, lieber Breytenfels, sagte Wollmann: Breytenfels sei schlank, er sehe drahtig aus, zielstrebig, energisch.

Solchen Leuten sei alles zuzutrauen, unterbrach die Karttinger fröhlich.

Breytenfels erblaßte.

Der Nachmittag blieb frühsommerlich, man saß auf der Terrasse, neidete Dörte und ihrem Mann das gläserne Gewächshaus, in dem er Jahr für Jahr Tomaten zog. Der Fluglärm war vorerst verstummt, sie hatten Glück, manchmal dauerte er.

So würde der Sommer einziehen in Jurikats zerbrechliches Idyll.

| WOLF SENFF

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