//

Eine Tür

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eine Tür

Du bist lustig, Tilman. Eine Tür zum Planeten? Wie sei das gemeint? Werde Eintritt verlangt, gebe es Türhüter?

Sie wartete nicht auf Antwort und trank Tee.

Immerhin, der Gedanke sei nicht ohne Reiz, denn was der moderne Mensch umsonst bekomme, das respektiere er nicht immer, und vor der Autorität eines Türhüters zöge er sogar den Hut, stimmt`s? Doch, ja, glaube ich schon.

Anne schenkte Tee nach. Noch der Yin Zhen gewann, wenn sie ihn aus diesen Tassen trank, das Drachenservice war unersetzlich.

Wahrscheinlich sei es das, woran es von Anfang an gefehlt habe, eine Tür, die den Zugang zum Planeten eröffne, eine Tür, sagte sie, verändere den Zugriff von Grund auf, verstehst du, eine Tür sei verschlossen, und ohne daß der Schlüssel ausgehändigt werde, bleibe der Zugang versperrt, vielleicht daß der Mensch eine Gebühr zu entrichten habe, vielleicht daß eine akribisch geregelte Prozedur von vornherein zeitlich befristet gelte, das wäre angemessen, ein Aufenthalt auf Probe gewissermaßen, auf Bewährung, zusätzlich wäre eine Kaution zu entrichten, und daß der Planet am Abend selbstverständlich so zu hinterlassen sei, wie man ihn bei Sonnenaufgang vorgefunden habe, was wäre daran auszusetzen.

Eine Tür, einfach eine Tür, sagte Anne, am besten eine Tür mit einem gläsernen Einsatz, der einen ersten Blick auf diesen faszinierenden blauen Planeten ermögliche. Und nein, ein Schlüssel sei eher doch überflüssig, denn der Mensch könne ja anklopfen, oder vielleicht gebe es eine Klingel, und er warte auf die Aufforderung, einzutreten, ja, er sei eingeladen als ein Gast, herzlich eingeladen, was spreche dagegen, er werde eingelassen, er grüße, im günstigsten Fall werde er sich höflich bedanken, und schon wäre der Kontext geprägt, unwiderruflich geprägt, die Bedingungen für menschliche Existenz wären gesetzt.

Eine Tür, wiederholte sie, einfach eine Tür, Tilman, das sollte genügen, es müsse, sagte sie, derartige Barrieren geben, die den Zugang markieren, als eine Initiation, verstehst du, die zu durchlaufen sei, bevor gestattet werde, den Fuß auf diesen blauen Juwel zu setzen.

Diese Dinge seien zu kostbar, sagte sie, niemand könne wollen, daß der blaue Planet von Vandalen heimgesucht werde und seine Schätze nicht gepflegt, sondern geplündert würden, gut, jeder Neuankömmling genieße Gastrecht, doch auch dem Gast oblägen Pflichten, du verstehst, sagte sie, er müsse sich so rücksichtsvoll verhalten, wie man erwarten dürfe, daß es unter erwachsenen Menschen gang und gäbe sei.

Sofern er jedoch das Gastrecht mißbrauche, dem Planeten dessen Schätze entreiße und sie zum eigenen Nutzen und Vorteil einsetze, werde er zu einem unliebsamen Gast, du verstehst, Tilman, der Planet werde sich bemühen, sagte Anne, diesen Gast zu verabschieden, da er sich als eine Last entpuppt habe, als eine Heimsuchung, und weite Regionen verwüstet habe, diverse Tierarten stürben aus, der Planet sei heruntergewirtschaftet und laufe Gefahr, seine Balance zu gefährden.

Keine Zweifel, sagte Anne, eine nachvollziehbare Logik, jeder Gast habe Pflichten, und nein, die Wissenschaft der Moderne sei wenig hilfreich, die Dinge müssen nicht kompliziert sein, die Logik sei einleuchtend, auch der Planet habe Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben, oder etwa nicht, er blühe darin auf, den verschiedensten Arten eine Heimstatt zu bieten, verstehst du, Tilman, so und nicht anders, und eine Spezies, die dieses Gleichgewicht verletze und gar den Anspruch stelle, den Planeten nach eigenem Gutdünken zu gestalten, sei fehl am Platz, deshalb die Tür.

Daß er keine Geduld bewiesen habe, sagte sie, das könne man dem Planeten wahrlich nicht vorwerfen, er sei geduldig gewesen ohne Ende.

Der Mensch, Tilman? Er merke von nichts, absolut nicht, er sei verstrickt in seine Spaßgesellschaft, sei besoffen von Wachstum und Fortschritt, sehe sich die Bilder vergangener Zeiten an, die Filme von nunmehr unerreichbaren Gestaden, besuche die Museen seit neuestem digital, bewundere das, was er für Errungenschaften halte, schwadroniere vom Anthropozän und wolle den Mars besiedeln.

Anne atmete tief durch.

Tilman sah sie verwundert an. Ob er Tee nachschenken solle, fragte er und schenkte behutsam Tee nach.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auf geht’s!

Nächster Artikel

Schreiben ist kein Beruf

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Schreiben als Lebenselixier

Kurzprosa | Isabel Allende: Unsere Geschichten

In ihrem jüngsten Buch Unsere Geschichten. Über das Schreiben“ erzählt die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende von dem Leben mit der Literatur und den Büchern. Von BETTINA GUTIÈRREZ

Am Ende

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Am Ende

Zu guter Letzt wird alles einfach, sagte der Zwilling, wutsch!, und unsere Probleme sind vom Tisch.

Wie, unsere Probleme sind vom Tisch.

Vom Tisch. Weg. Nicht mehr da.

Sind gelöst?

Der Zwilling lachte.

Es gibt sie nicht mehr, verstehst du, sagte Crockeye.

Nein, sagte Bildoon, verstehe ich nicht.

Patriotisches Würgen

Menschen | Peter Bichsel zum 80. Geburtstag Der Kolumnenband Über das Wetter reden ist rechtzeitig zum 80. Geburtstag des Schriftstellers Peter Bichsel am 24. März* erschienen. PETER MOHR gratuliert.

Popeye und Zuchtperlen

Kalender | Niklaus Gelpke (Hrsg.): mare Kulturkalender 2021
So viel hat mit dem Meer zu tun, Herman Melville meinte sogar einmal, dass es noch nie einen großen Mann gegeben hätte, der sein Leben lang auf dem Festland gelebt hätte. So weit muss man nicht unbedingt folgen, aber das Meer hat seine Faszination nie verloren. Vom Meer und der Kultur, die zum Meer gehört, erzählt auch der Kulturkalender aus dem mare Verlag. Von GEORG PATZER

Eldin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eldin

Keineswegs, nein, Eldin machte sich keinen Kopf deswegen, weshalb auch, sein Leben war geordnet, er war der Erste Maat auf Scammons Boston, die schmerzende Schulter mochte ärgerlich sein, doch sie schuf keine neuen Fakten, er hatte sich sogar, wer hätte das geahnt, an die Abende mit der Mannschaft gewöhnt, saß jedesmal schweigend da, legte ab und zu einen Scheit Holz ins Feuer, gab sich unbeteiligt, und die Mannschaft gewöhnte sich an seine Anwesenheit.

Scammon hockte in seiner Kajüte, brütete über seinen Aufzeichnungen und kümmerte sich selten um das Tagesgeschäft.

Sie hatten, wie es schien, alle Zeit der Welt, die Ojo de Liebre war ein Idyll, der Alltag in der Stadt dagegen war lebensgefährlich, und dennoch, das Nichtstun setzte ihnen zu, gut eine Woche war es her, daß sie sich Verletzungen zugezogen hatten, die meisten waren ausgeheilt, und nun, Eldin nahm es aufmerksam wahr, begannen die ersten, die Tage zu zählen