Termoths Rituale

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Weshalb nimmt er das so wichtig?

Woher soll ich das wissen? Frag nicht so viel.

Es beschäftigt mich eben.

Was denn überhaupt?

Er sagt nicht wiederherstellen, sondern wieder erschaffen.

Von wem redest du, Thimbleman, du gehst mir aufs Gemüt.

Du weißt es also selbst nicht, Ausguck?

Sag schon.

Wir reden von Termoth.

Dem Navajo auf der ›Marin‹?

Er besteht darauf, die Heilungszeremonien würden Leben nicht wiederherstellen, sondern sie würden es wieder erschaffen.

Ist das nicht einerlei?

Eben nicht. Einen Reifen, der geplatzt ist, kannst du flicken. Was aber lebendig ist, reparierst du nicht. Es erneuert sich gemäß den Rhythmen allen Lebens, es wird wieder erschaffen.

Und was denn für Heilungszeremonien?

Die Zeremonien der Navajo. Hörst du Gramner nie zu?

Gramner ist ein Kauz. Wer versteht schon, was er redet.

Wenn du ihm nicht zuhörst. Er erzählt von den Bräuchen der Navajo. Davon, wie sie eine Krankheit heilen. Ein komplizierter Vorgang. Er weiß das von Termoth.

Rede nur, sagte der Ausguck. Ob Termoth oder Gramner, es ist einer wie der andere. Sind schräge Vögel auf der ›Boston‹.

Der Ausguck streckte sich lang in den warmen Sand der Lagune, dieses war ein Tag zum Genießen. Nie im Leben hätte er gedacht, derart paradiesische Zustände zu finden.

Die Navajo glauben an die zyklische Wiederkehr alles Lebendigen, verstehst du, deshalb wird Krankheit nicht als ein Schaden betrachtet und würde, wie es die sogenannte Moderne mit ihren neuesten Gerätschaften praktiziert, repariert werden, Bypass, Organverpflanzung etc., sondern das verletzte Leben wird durch die Zeremonie wieder erschaffen. Das ist nicht leicht zu verstehen, ich gebe es zu, sogar Gramner hat es mehrfach erklären müssen.

Navajo Yebichai

Indem der Erkrankte den Rezitationen zuhört und sich in die Sandmalereien vertieft, entfernt er sich aus der linearen Zeit und findet sich in den Ursprung der Dinge versetzt, verstehst du, er wiederbeginnt sein Leben. Die Navajo haben ein anderes Verständnis von Zeit, für sie ist die zyklische Wiederkehr eine Struktur, die alles Lebendige prägt, die linearen Abläufe sind demgegenüber belanglos, und sie legen keinen Wert darauf, eine Erinnerung an die Vergangenheit zu bewahren. Denn auch der Kosmos, so nehmen sie an, werde periodisch zerstört und wieder erschaffen.

Die lineare Zeit wird gleichsam annulliert, ergänzte Thimbleman, sie spielt keine Rolle. Schwierig, nicht wahr?

Eine von Grund auf andere Welt, oder, gab der Ausguck zu und vergrub seine Hände im weichen Sand. Sie kennen ihre eigene Geschichte nicht?

Du hast zugehört, Ausguck, sagte Thimbleman und lächelte.

Wer Abstand von den Dingen gewinnt, kommt im Nu auf andere Gedanken.

Wir werden noch zwei, drei Tage ausharren müssen, bevor alle Männer wieder zum Walfang einsetzbar sind. Thimbleman setzte sich auf den Rand der Schaluppe.

Die Navajo betten ihr Leben in viele wiederkehrende Zyklen, sagt Gramner, wie den Ablauf des Jahres oder die Mondphasen, und immer Erneuerung, sagt Gramner, sie sagen nicht: wiederhergestellt, sondern: neu erschaffen – das müsse unsereins erst verstehen, nicht wahr; neu erschaffen ist der Mond nach drei stockdunklen Nächten, aber auch das Jahr nach den zwölf Tagen des Übergangs. Ein wiederkehrender Kataklysmus, sagte Thimbleman, der einen reinigenden Sinn habe und zum normalen Ablauf der Dinge gehöre. Jedes Gestaltete müsse, damit es erneuert ins Leben trete, ins Gestaltenlose zurückgenommen werden, das, sagt Gramner, nenne Termoth den zyklischen Verlauf der Zeit.

Eine andere Welt, sagte der Ausguck. Vermutlich läßt es sich übertragen auf das menschliche Leben und darüber hinaus auf den Kosmos.

Er drückte seine Ellenbogen tief in den Sand, als habe er vor, seine Unterarme einzugraben.

Es muß angenehm sein, sagte er, sich in den Rhythmen des Kosmos geborgen zu wissen.

Thimbleman lachte. Mag sein, sagte er. Für Gramner jedoch laufe alles aus dem Ruder, die Moderne werde keine Rhythmen kennen, ihre Zeit verrinne allein geradeaus, der Mensch wolle sich nach vorne steigern, maximal nach vorn, maximal nach oben, ihm gehe jegliche Balance verloren, sagt Gramner, das werde auf Dauer nicht gutgehen – ach, was gehe uns diese elende Zukunft an.

Die Dinge seien kompliziert und widersprüchlich, sagt Gramner, mit Worten nicht leicht zu erklären.

| WOLF SENFF
| Abbildung: Edward S. Curtis creator QS:P170,Q433128, Navajo Yebichai (Yei Bi Chei) dancers. Edward S. Curtis. USA, 1900. The Wellcome Collection, London, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

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