Vom Erklimmen des Unbezwingbaren

Prosa | Adolf Muschg: Der weiße Freitag

Als Goethe sich einer Wanderung zum Gotthard aussetzt, noch dazu im November, liegt das Schicksal des Weltliteraten in den Händen der Natur. Er kämpft sich tapfer durch, erhofft Erleuchtung und Errettung, so wie der zweite Protagonist in Adolf Muschgs ›Der weiße Freitag. Eine Erzählung vom Entgegenkommen‹. Autobiografisch angehaucht begeben zwei Männer sich auf eine Reise ins Innerste, ins Äußerste. Sie konfrontieren sich mit dem Tod und treffen so auf das Leben. VIOLA STOCKER darf sie begleiten.

Muschg - Der weisse FreitagMit Goethe hat sich Muschg einen Lieblingshünen der deutschsprachigen Literatur ausgesucht. Ihn begleitet er auf einer Reise, die zwischen akribisch recherchiert und waghalsig ausgedacht mäandert.

Sie setzt er als Parallele zur eigenen Reise in das Innerste seines Wesens, die Grundsteine seiner Existenz. Der eine Protagonist will hoch hinaus, Luft holen von den öden Verwaltungsaufgaben eines Regierungsbeamten, dessen literarisches Genie blockiert wird. Der andere sieht sich konfrontiert mit erschütternden Erkenntnissen über die eigene Existenz und den folgenden Sinnfragen.

Verwobene Existenzen

Goethe wird begleitet von seinem Landesherrn, dem jungen Erbprinzen von Weimar, Carl August, seinem Sekretär, den Bergführern. Muschg webt sein Alter Ego mitten in die Episoden Goethes, dessen Frankfurter freiheitliche Kaufmannsgeschichte sich mit fürstlichen Intrigen so schlecht verträgt. Der bis dato unbekannte Autor des »Werther« ist zu einer Art Popstar im deutschsprachigen Raum geworden. Carl August steht im Schatten seines Hofstaats.

Muschg hingegen lässt seinen Erzähler ebenfalls pendeln, zwischen der Kindheit mit einer depressiven Mutter und dem früh verstorbenen Vater, seiner japanischen Ehefrau, anthroposophischen Familientraditionen und den erschütternden Diagnosen seiner Ärzte in der Klinik. Was ist zu tun, wenn es nichts zu tun gibt, als gegen Unmögliches anzukämpfen?

So gerät die Erzählung zum stillen Zwiegespräch, Goethes Auseinandersetzungen mit den Musen, dem eigenen Genie, der Realität vermengen sich mit japanischen Arrangements im Garten, schillernden Spiegeln auf Terrassen, dem Wind im Baum vor dem Haus des Autors.

Endlich sich selbst entwachsen

Während des Autors Protagonist von einer Krebsdiagnose heimgesucht wird, angesichts derer sich alle je gesprochenen Worte, Dialoge und Fragen zum allumfassenden ästhetischen Choral bachschen Ausmaßes vereinigen, flieht Goethe als »Weber« vor dem Autor des »Werther«. Es lassen sich im niederen Tal des Alltags keine weltumspannenden Worte niederschreiben, doch oben, als es schon scheint, die kleine Wandergruppe müsse umkehren, flüstert die Muse endlich die entscheidenden Worte: »Ewig«.

Muschg erzählt diese Reise, wie ausgedacht sie scheint, als umsichtiger Kommentator einer Welt, die schon sehr viel weiß. Darin ähnelt er Goethe, dem Wissbegierigen, dessen Geist auch nicht vor Mineralen und Farben haltmachte. Griechische Mythologie verbindet sich mit der aktuellen politischen Situation einer neuen Völkerwanderung, in der viele Menschen die vertraute Umwelt verlassen und sich ins Unbekannte geben. Dies sind die großen Parallelen in Muschgs Erzählung, die Fingerzeige auf die Omnipräsenz des unbezwingbaren Schicksals.

Dem Herzschlag lauschen

Berührend intim sind die Gespräche, die Muschg Goethe andichtet, klug und persönlich die Gesprächsfetzen, die auch aus Interviews mit dem Literaturprofessor stammen könnten. Der weiße Freitag ist nicht nur eine Erzählung über die Überwindung eines Schicksals, es ist auch eine Metaerzählung über den Prozess des Schreibens, Dichtens, eine Rekonstruktion des Flügelschlags der Musen kluger Menschen.

Was inspirierte Goethe? Was bringt Adolf Muschg zum Schreiben? Der Autor lässt die Fragen unbeantwortet, alles endet in Fragezeichen und mündet in einen hermeneutischen Zirkel.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Adolf Muschg: Der weiße Freitag
Eine Erzählung vom Entgegenkommen
München: C. H. Beck, 2017
251 Seiten. 22,95 Euro
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