Die kunstseidene Kosmetikerin

Kurzprosa | Katja Kullmann: Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad

Systemkritik aus dem Schönheitssalon – in ihrer Erzählung ›Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad‹ zeigt Katja Kullmann soziale Schichten ohne Schminke. Von KERSTIN MEIER

fortschreitende_herzschmerzen_bei_milden_18_grad-9783462034042Über hundert Jahre deutsche Sozialdemokratie ändern nichts an dem Grundgesetz: Runter kommt man die soziale Leiter immer noch leichter als hoch. dass selbst der unbedingte Wille zur Anpassung kein Ticket zum sozialen Aufstieg ist, zeigt Katja Kullmanns Erzählung ›Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad‹. Dabei ist die Kosmetikerin Simone aus der bayrischen Provinz fest entschlossen, alle Spuren ihres kleinbürgerlichen und -geistigen Vorlebens auszuradieren. So fest, dass sie sogar Tonbandaufnahmen macht, um ein einwandfreies Hochdeutsch einzustudieren. Außerdem nennt sie sich mondän »Mona«. So wähnt sie sich bestens gerüstet für ihren neuen Job beim »Studio de la beauté« im Souterrain eines Einkaufszentrums in der großen Stadt. Hier kommt bei pastellfarbenem Dämmerlicht und dauernder Duftbestäubung zusammen was nicht zusammengehört – die reichen Ladys »von und zu« und Mädchen wie Simone, die Abendroben und Defileés nur aus der »Gala« kennen. Doch die Rollen sind verteilt, es ist klar, wer hier wem die Gesichtsmasken anrührt.

Schönheit trifft Bildung

Die geordneten Verhältnisse im Schönheitssalon geraten für Simone jedoch komplett durcheinander, als auf einmal ein Kunde auftaucht, dessen Universum noch fremder scheint als das ihrer neureichen Kundinnen. Der junge Mann arbeitet als Redakteur im Feuilleton der Lokalzeitung und benutzt andauernd Ausdrücke wie »Larmoyanz« und »ontologisch«. Während sich Simone um seinen Teint bemüht, fackelt er ein imposantes Formulierungsfeuerwerk ab. Soviel Eloquenz macht sie sprachlos. Sie ist fasziniert und vor allem: verliebt. Umgehend beginnt sie die Zeitung zu studieren wie die Bibel einer fremden Religion. Doch genauso wie aus einer Simone nie eine echte Mona wird, wird aus einer provinziellen Kosmetikerin auch nie die Freundin von Feuilletonisten.

Gut gepflegter Standesdünkel

Bei ihrem Bestseller »Generation Ally« unterstellte die Kritik Katja Kullman, Konsumkultur zu glorifizieren. Spätestens mit ›Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad‹ steht fest: Kullmann nimmt dezidiert politisch Stellung und scheut sich nicht, Systemkritik literarisch zu verarbeiten. »Kein Eintritt ohne den entsprechenden Code«, lautet die Bilanz der Erzählung, die Kullmann jedoch nie platt eins zu eins ausformuliert. Stattdessen enthüllt sie die Standesdünkel der Kulturschickeria durch die groteske Bewunderung einer Außenstehenden.

Ganz sicher macht Simone bei ihren verzweifelten Annäherungen ans Bildungsbürgertum keine gute Figur. Aber am Ende kommt der Feuilletonist noch schlechter weg. Sein aufgeblasenes Geschwafel stellt Kullmann ebenso bloß, wie seine bourgeoisen Allüren. Den feuilletonistischen Bonmots setzt sie einen relativ schlichten Erzählstil entgegen, für den der merkwürdige Titel glücklicherweise nicht repräsentativ ist.

| KERSTIN MEIER

Titelangaben
Katja Kullmann: Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad
Eine Erzählung
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2004
176 Seiten; 14,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Dem Traum folgen

Nächster Artikel

Geboren, um zu sterben

Weitere Artikel der Kategorie »Prosa«

Taiping

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Taiping

Ein Aufstand, und deshalb, sagst du, flüchteten sie zuhauf über den Ozean, wie kommst du darauf, Thimbleman?

Sie erzählen es in der Barbary Row, die Welt ist aus den Fugen.

In deinem Alter solltest du dich nicht in zwielichtigen Spelunken herumtreiben. Aber es stimmt, in südlichen Provinzen Chinas tobt ein Aufstand, eine mächtige religiöse Bewegung gewinnt an Macht, 1851 wird das Königreich Taiping ausgerufen, das ist jetzt eine Handvoll Jahre her, und der Anführer ernennt sich zum Himmlischen König, fünfzehn Jahre lang, Wuhan wird erobert und Nanjing wird eingenommen, der Aufstand wird zwanzig bis dreißig Millionen Menschenleben fordern, die Welt ist aus den Fugen.

Aufenthalt

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Aufenthalt

Am besten schicken wir ihn in einer selbstfliegenden Raumkapsel auf den ominösen Planeten 9, jenseits noch von Pluto.

Tilman lachte. Den Mars zu besiedeln, das wäre für jemanden wie ihn keine Herausforderung mehr, diesen Weirdo zieht es nach ferneren Sternen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin. So jemand, sagte sie, wolle immer der erste sein, wer brauche ihn, für so jemanden sei das Leben ein Schlachtfeld, es gebe schwarz, es gebe weiß, und wer nicht für ihn sei, sei gegen ihn.

Kollaps

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kollaps

Schwierig, sagte Wette, die Situation sei ungemein schwierig.

Zugegeben, sagte Farb, die gewachsene Ordnung breche ein, während der Dekaden neoliberaler Politik hätten sich hochsensible ökonomische Strukturen etabliert, wir nähmen das an diversen Details wahr, Abläufe seien rationalisiert, etwa mit dem Transport per Container, dem weitgehenden Verzicht auf Lagerhaltung, etc.

Wie gehabt, sagte Wette, Habgier sei ein Grundzug dieser Ökonomie, und wo immer möglich, suche man Gelder einzusparen.

Federleichte Lebenskunst

Prosa | Hanns-Josef Ortheil: Was ich liebe und was nicht Ein großer Flaneur und Fabulierer öffnet sein Innenleben, gesteht seine Neigungen und Sympathien, sein Missfallen und Widerstreben. Hanns-Josef Ortheils vielgestaltiger Essayband ›Was ich liebe und was nicht‹ verbindet unterschiedliche Ausdrucksformen mit scheinbar alltäglichen Themen, leicht, schwebend, unterlegt mit einer guten Prise Selbstironie. Von INGEBORG JAISER

Never Ending Tour

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Never Ending Tour

Er redet viel, und manches, da kannst du sicher sein, ist blanker Unsinn, weit hergeholt, verstehst du, Quatsch mit Soße.

Er hält es für unumgänglich, Berge zu versetzen, die Welt aus den Angeln zu heben.

Eine blühende Phantasie.

Wenigstens unterhält er die Mannschaft, er überbrückt die Fangpause, und jeder schätzt ihn.

Mag ja sein, gut, es ist oft genug doch etwas dran an den Geschichten, die er erzählt, sie haben Hand und Fuß.

Wer weiß das schon.