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Stille

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Stille

Kein Gedanke daran, einzuschlafen. Die Luft ist trocken, die Temperatur mit fünfundzwanzig Grad subtropisch mild. Sobald er sich zudeckt, wird er schwitzen.

Auf der Seite liegt er angenehm, schmerzfrei, entspannt, keine Last drückt, die Nacht fühlt sich leicht an.

Wie still es ist.

Ab und zu flattert ein Segel. Es herrscht tiefes Dunkel, kein Mondlicht, nichts regt sich, die grelle Realität des Tages fügt sich widerstandslos in die Obhut der Nacht.

Wie still es ist.

Die dröhnende Betriebsamkeit wäre nichts als eine lästige Pause zwischen den Phasen der Stille? Das aufgeregte Geschehen des Tages wäre entbehrlich, wäre eine unentwegt drängende, eintönige Wiederholung, dagegen die Stille eine Offenbarung der Einkehr? Der Lärm des Tages die Sackgasse, dagegen die Stille eine liebreizende Einladung?

Stille, Ausguck, verstehst du, sagte Termoth, der Navajo, ist ein heiliges Wesen, ein Halbding, vergleichbar dem Wind, der weht, wo er will, sie umfängt dich, sie breitet sich aus, sie legt sich über ein Stück Land und prägt seinen Charakter.

Von woher komme jetzt Termoth, fragte sich der Ausguck, nahm einige Schritte Anlauf und schlug einen Salto, er genoß die Stille der Ojo de Liebre, das flüsternde Rauschen des Ozeans und fragte sich, aus welchem Grund Schauplatz wie Personal so überraschend wechseln würden, so etwas sei unüblich, und ob der Stille eine Logik innewohne, die dem Menschen nicht zugänglich sei.

Der Prager Versicherungsangestellte blickte Zaha Hadid, ich erwähnte die Architektin an anderer Stelle, kurz hinterher, während sie die Stufen hinabstieg und sein Blickfeld verließ, vor einigen Stunden hatte Ramses II. Simatai ebenfalls verlassen. Weiter abwärts auf der Mauer, die nach zirka zweihundert Metern ins Tal abstürzte, verlor sich eine Gruppe Touristen. Nördlich jedoch verlief die Mauer kilometerlang auf dem Grat der Gebirgskette, unantastbar, welch faszinierender Anblick, grandios, die Stille war überwältigend.

Leben nähre sich aus der Stille der Nacht, erklärte Gramner, sie verbrauche sich im Geschrei des lichten Tages.

Wohin ziehe sie sich zurück, sofern sie unterbrochen werde durch den Gesang einer Amsel? Lasse sie aus reiner Freundlichkeit die Amsel gewähren? Kämpfe die Amsel energisch an gegen die Stille und gebe sich verloren, indem sie verstumme?

Nein, sagte Gramner, das Lied der Amsel habe von vornherein keine Chance, doch die Stille lasse es zu, unfaßbar geduldig, weit jenseits menschlicher Vorstellungskraft, und gut möglich sei, daß die Amsel den Großmut der Stille dankbar genieße. Er wisse das nicht, sagte Gramner, nur eben daß die Stille mächtiger noch sei als das fließende Wasser, der Mensch möge sich hüten, in diese Dinge einzugreifen.

Verstehst du, Ausguck, sagte Gramner, sobald das Konzert vorbei sei, der letzte Applaus verklungen, greife Stille um sich, verstehst du, Ausguck, sie schlucke den letzten aufbrausenden Lärm, sie fülle den Saal und verdränge noch das letzte widerspenstige Geräusch.

Stille, Ausguck, fügte Gramner hinzu, sei die Ursache dafür, daß es schriftliche Mitteilungen gebe, verstehst du, sie gebiete über die Zustände des Planeten. Mit den Stürmen treibe die Brigg voran, sagte er, doch die Brigg sei machtlos gegen die Flaute, die Dinge stünden augenblicklich still.

Der Aufenthalt am Toten Meer, ich wies darauf hin, ist bekömmlich für Farbs Gesundheit; das Meer ist abgelegen, weit unterhalb des betriebsamen Geschehens des Tages, es bietet der Stille eine Zuflucht. Davon ist Farb überzeugt, und er erinnert an jenes Ehepaar aus der Schweiz, das sich jedes Frühjahr erneut zwei Wochen lang am Toten Meer aufhielt.

Wir müssen, sagt Sut, unsere Aufmerksamkeit schulen für die Anwesenheit der Stille.

Spannend, sagte der Ausguck. Seit Minuten verharrte er im Handstand in flachem Wasser, teils nur auf einer Hand, wie machte er das, gleich würde er aufstehen und einen Salto schlagen, untadelig.

Im Internet, sagte er, seien Aufnahmen vom Ausbruch des Anak Krakatau zu sehen, in der Sunda-Straße zwischen Sumatra und Java, Oktober 2018, ein mitreißendes Schauspiel, sagte er, der Planet stecke voll krachender Energie, der Anak Krakatau wachse heran aus der Caldera des ursprünglichen Krakatau, Ausbruch August 1883, eine weltweite Katastrophe, der Planet, wiederholte er, stecke voll krachender Energie.

Harmat und Bildoon lehnten an die Persenning, Touste summte eine Melodie und griff einige Akkorde auf seiner Gitarre. McGovern rieb sich die Augen. Niemand redete. Wie aus weiter Ferne drang Meeresrauschen in die Lagune, gelegentlich flatterte ein Segel, Gramner hantierte in seiner Kombüse.

Jaqueline und Lassberg übernachteten – Blick über den Urwald auf den Tempel der Inschriften – auf der oberen Plattform des Tempels des Großen Jaguar, Lassberg etwas zögerlich, so kennen wir ihn, von selbst wäre er gar nicht auf den Gedanken gekommen. Am späten Vormittag hatten sie vor den Bauten der Plaza Mayor gestanden, im Tempel 33-2 hatten sie die kunstvoll in den Stein geschlagenen Figuren bewundert, deren Köpfe monströs geschmückt waren, Schlangen züngelten und wanden sich durch Spulen und Ringe am Ohr, Halsgurte, eine Kette hing von einer erhobenen Hand herab.

Oder jene Stille, sagt Tilman, durch die ein Erdbeben beendet werde, wer erinnere sich nicht an das verheerende Beben zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, das einige hundert Menschenleben gefordert habe.

Er könne es nicht lassen, sagt Susanne und ist verärgert.

San Francisco, fügt Tilman erläuternd hinzu, und hätten nicht vor kurzem erneut schwere Erdstöße das südliche Kalifornien erschüttert, Northridge im Januar 1994 mit sechs Komma sieben, Ridgecrest im Juli 2019, er blickt Susanne fragend an, sieben Komma eins, der Planet probiere seine neuen Rhythmen.

Susanne trinkt einen Schluck Tee aus ihrer zierlichen Tasse mit dem Drachenmotiv.

Zu guter Letzt setze sich dennoch die Stille durch, sagt Tilman, nach jedem Beben, und bringe Entspannung und Erleichterung mit sich, die Natur sei neu gefügt und balanciert. Der Mensch schätze die Kräfte und ihre Gewichtung von Grund auf falsch ein, sagt Tilman, und sofern Zeit bleibe, gelte es die zehntausend Dinge neu zu denken.

Er könne es nicht lassen, wiederholt Susanne.

Termoth legte die Stirn in Falten.

| WOLF SENFF

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