Kulturen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kulturen

Die Zivilisation Ägyptens existierte drei Jahrtausende lang.

Daran gemessen, sind die drei Jahrhunderte der Industrialisierung eine lächerlich kurze Zeitspanne, ein übler Scherz der Geschichte, ein Possenspiel, ein Hinterhalt. Ein Planet als Köder, Susanne, und sieh nur, wie selbstherrlich der Mensch sich inszeniert.

Die ägyptische Gesellschaft sah ihren Sinn nicht in einem Ziel, auf welches hin sie sich zu verändern hätte, sondern einzig darin, die Abläufe zu balancieren und sie in Gang zu halten.

Der Gedanke an Fortschritt lag den Ägyptern fern?

Der Sinn war erfüllt, sofern die Zivilisation Bestand hatte, sofern jeden Morgen wieder die Sonne aufging und sofern die steinernen Monumente, ewige Häuser, die Erinnerung an die Tugend bewahrten.

Ramses II. als ein großartiger Repräsentant?

Ramses II. als ein großartiger Repräsentant, Tilman. Sinn, so galt es, werde von den Menschen geschaffen und mithilfe eines rituellen und sozialen Gedächtnisses aufrechterhalten. Der Sinn sei äußerst zerbrechlich, er sei ständig gefährdet und erfordere unablässige Aufmerksamkeit. Die Welt werde in Gang gehalten durch Opfer, Zuspruch und Verehrung, damit sie für den Menschen bewohnbar bleibe. Sobald die Menschen aufhören würden, die Riten zu vollziehen und füreinander zu handeln, ziehe sich der Sinn aus der Welt zurück, und sie gerate aus den Fugen. Das war eine Zivilisation, die über drei Jahrtausende bestand, Tilman.

Unsere sogenannte Moderne verehrt den Individualismus und befördert einen hochgradig aggressiven, auf Expansion zielenden unternehmerischen Geist.

Ellenbogengesellschaft. Konkurrenz. There is no such thing as society. Margaret Thatcher.

Start ups werden hofiert.

Du sagst es, Tilman.

Ramses führte Kriege, nicht wahr?

Berühmt wurden seine Feldzüge gegen die Stadt Qadesch im nördlichen Palästina, du findest ein detailreiches Piktogramm im Tempel von Abu Simbel, Doch er vereinbarte anschließend einen Staatsvertrag mit den Hethitern. Er führte Kriege auch gegen die Libyer – Invasionen, religiös verbrämt als Vollstreckung göttlichen Urteils.

Die Menschen wissen nicht, was sie anrichten.

Die systematische Vernichtung des Lebens ist dennoch ohne Beispiel, Tilman.

Du redest wieder von der Moderne?

Sie huldigt dem Fortschritt und all seinen technologischen Revolutionen und droht die Grundlagen des Lebens zu eliminieren.

Ägypten kannte Zwischenzeiten, Susanne, Epochen großer Not.

Überall und zu jeder Zeit gab es Epochen großer Not, Tilman. Die Moderne ist anders.

Der Nil werde zu wenig Wasser führen, heißt es in einer Prophezeiung des Neferti, stürmische Winde würden schwere Schäden anrichten, die Erde werde unfruchtbar sein, die Sonne werde sich verfinstern, weil sie das Unheil in Ägypten nicht ansehen wolle.

Die Katastrophe der Moderne, Tilman, sie hat eine nie dagewesene Qualität, der Planet setzt sich gegen den menschlichen Eingriff zur Wehr und bietet all seine Kraft auf, die Vernichtung der Kreatur wird keine Ausnahmen kennen, sie ist bereits absehbar und wird lückenlos sein, es gibt kein Entkommen, welcome to hell, Nischen wird es nicht geben, nirgends bietet sich Zuflucht.

| WOLF SENFF
| Abb: No machine-readable author provided. Bradipus assumed (based on copyright claims)., Denderah3 Cleopatra Cesarion, CC BY-SA 3.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Lena Raine - Oneknowing
Voriger Artikel

2019’s Albums Of The Year

Der Kranichbaum
Nächster Artikel

Eine Weihnachtsüberraschung

Neu in »TITEL-Textfeld«

Europa

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Europa

Die Erzählung ihrer Geburt beruht nicht auf griechischem, sondern auf kretischem Ursprung, eine, möchte man meinen, regionale Variante, und selbst dort sind sich die Erzähler nicht einig, ob sie eine Tochter oder die Schwester des Königs war, Europa ist verwirrend, wie könnte das anders sein, und daß die Erzählung so tief in der Vergangenheit wurzelt, entschuldigt nichts, die Unübersichtlichkeit ist gewollt.

Übrig

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Übrig

Was ihnen denn zu tun bleibe.

Gut gefragt, Ausguck.

Sie leben in einer Zeit, deren Gefüge krachend einstürzt, ein gigantisches Feuerwerk.

Danach wird es keine Zeit geben?

Danach wird es keine Zeit geben, weder wird der Planet die eigenen Umdrehungen zählen noch wird er seine Entfernung zum Zentralgestirn messen, Lichtjahre oder nicht Lichtjahre, welche Rolle sollte das für ihn spielen, er ist auf ewig verwoben in die zeitlosen Kreisläufe, doch der Mensch, Thimbleman, was bleibt dem armseligen Menschen zu tun.

Alter

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Alter

Wie alt der Planet ist, möchtest du wissen, fragt Krähe, Krähe zählt zu den klügeren unter den Lebewesen.

Gut gefragt, sagt sie, doch da gehen die Meinungen auseinander, er sei mit einem Urknall entstanden, sagen die einen, es habe ihn immer schon gegeben, die anderen. Exakt, sagt Krähe und ist amüsiert, doch der Mensch wisse das nicht, und besonders lächerlich sei, die Jahre zählen zu wollen, Erbsenzählerei, sagt sie, betrieben von denjenigen, die die eigene Gattung mit Lorbeer schmücken und sich als ›Homo Sapiens‹ rühmen, welch ein Mißbrauch von Sprache.

Spielregeln

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Spielregeln

Die Abende waren mild, an den Abenden trank Maurice ein Glas Wein. Er war Mitte dreißig, Lassberg hätte ihn auf Anfang vierzig geschätzt. Sie kannten einander seit einigen Jahren, Maurice leitete in Maastricht einen Betrieb, in dem Modeschmuck hergestellt wurde, und buchte ebenfalls im Tsell Harim.

Zwickmühle

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zwickmühle
Geschenkt, sagte Thimbleman, der Plan ist das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt ist.
Wovon redest du, fragte der Ausguck, wandte sich ab und nahm kurz Anlauf.