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Erfolg III

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Erfolg III

Ein erfülltes, glückliches Leben, fragte Wette, unmöglich, sagte er, wie könne das sein.

Wer halte das aus, spottete Farb.

Das Leben könne ekstatische, glückliche Momente bieten, sagte Tilman, zeitlich befristet, nach einem Lotto-Gewinn oder einer bestandenen Prüfung, aber ein glückliches Leben, nein, das könne er sich nicht vorstellen.

Man könne Glück gehabt haben im Leben, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Annika warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Ein Leben, sagte Tilman, sei zu vielschichtig, als daß wir es so einordnen, wir müssen sorgfältig umgehen mit der Sprache, ob glücklich, ob unglücklich, er denke an Christian, einen Neffen, der in Karlsruhe studiere und dessen Freundin das Gefühl habe, er würde am liebsten alles hinschmeißen und irgendwohin auswandern, wo ihn niemand kenne, und dort neu anfangen, nein, er lasse niemanden an sich heran, und alles drohe ihm über den Kopf zu wachsen, sein älterer Bruder halte ihn für einen Versager.

Es gebe derartige  Phasen, sagte Farb, daß man nichts auf die Reihe bekomme.

Christian male, diverse Landschaften, sagte Tilman,  Aquarelle, auch in Öl, anspruchsvoll, sage die Freundin, sie hingen in seinem Zimmer, doch er verkaufe nicht, zudem spiele er hervorragend Gitarre und trete in einer Band auf, der Bruder mache es sich zu einfach, es sei nicht hilfreich, in Kategorien von Erfolg oder Mißerfolg zu urteilen, das werde dem jungen Bruder nicht gerecht.

Gut, sagte Wette, er erinnere sich an eine Reihe von Pop-Ikonen, zumeist noch der siebziger Jahre: Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morisson, Kurt Cobain, Amy Winehouse, alle im Alter von siebenundzwanzig Jahren verstorben, so daß sogar von einem Klub 27 die Rede gewesen sei, wilde Biographien mit Tourneen, kreischenden Fans, mit Drogen, mit Alkohol, mit Sex, man möchte da sehr gern von einem Leben reden, das kurz, aber glücklich sei, realistisch sei das jedoch nicht, keineswegs, auch weder erfüllt noch erfolgreich.

Aber man könne auch nicht von einem verpfuschten Leben reden, nicht von einem Irrtum, sagte Farb, all das sei bestenfalls eine oberflächliche Sichtweise, ob richtig, ob falsch, das gehe gar nicht, es werde dem Thema nicht gerecht.

Er wehre sich generell dagegen, über ein Leben zu urteilen, sagte Tilman, es bewerten zu wollen, man könne ein Leben nicht ausmessen, und ebenso wenig könne ein Leben erfolgreich oder nicht erfolgreich sein, vielleicht sei es besser, davon zu reden, daß jemand intensiv gelebt habe.

Das ließe sich zurecht von den erwähnten Pop-Ikonen sagen, sagte Wette, sie hätten extreme Höhen und Tiefen des Lebens erfahren und hätten weder ein glückliches noch ein unglückliches Leben geführt.

Das würde er so stehenlassen, sagte Tilman, es sei ohnehin eine abgehobene Diskussion, eine Luxusdebatte, wenn man sich umsehe, was real auf diesem Planeten geschehe, die Realität, sagte er, daß sich die geopolitischen Gewichte höchst dramatisch verschöben und in den USA der amtierende Präsident die Gesellschaft in einen Bürgerkrieg treibe, werde seitens der Medien leider ähnlich reduziert wahrgenommen.

| WOLF SENFF

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