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Streit

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Streit

Spannend, sagte Farb.

Die globale Architektur erweise sich als instabil, sagte Tilman, sie sei nicht länger tragfähig, die Gewichte hätten sich verlagert, eine neue Balance sei gefordert.

Wette lachte. Es gehe drunter und drüber, sagte er, ein Hauen und Stechen.
Wie das ausgehen solle, fragte Annika, man dürfe die Dinge nicht treiben lassen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Unterhaltsam, sagte Wette, wenn Politiker vor laufenden Kameras streiten wie die Kesselflicker.

Man kenne den Ton, der seit längerem von der anderen Seite des Atlantik angeschlagen werde, sagte Farb, verächtlich, herablassend, beleidigend, so spielen sich Alleinherrscher gegenüber ihren Untertanen auf, ihren Vasallen, er lachte, das sei das praktizierte Recht des Stärkeren.

Bislang gültige rechtliche Übereinkünfte würden gebrochen, wandte Wette ein.
Wie solle das ausgehen, wiederholte Annika.

Dieser Präsident sei einst Immobilienmakler gewesen, sagte Tilman, das sei der Umgangston in dieser Sparte der Geschäftswelt, knallharte Gebärde, eine rüde Ellbogengesellschaft, er sei auch Showmaster von ›The Apprentice‹, einer Reality-TV-Sendung, gewesen, »you’re fired«, die sich ein Dieter Bohlen zum Vorbild genommen habe.

Auf diese Weise werde man in Übersee zum Politiker, spottete Wette.

Unvermeidlich, sagte Farb und strich die Sahne auf seiner Pflaumenschnitte langsam und sorgfältig glatt.

Annika schenkte Tee nach, sie hatten wieder das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, rostfarben, der Drache apart und beinahe zierlich, schlank wie jener auf der Vase des Blauen Lotus in Shanghai, über Schlangen werde erzählt, sie würden sich in Drachen verwandeln, wenn sie zweihundert Jahre alt seien, Annika lächelte, doch das, sagte sie, kein Streit, sagte sie, das sei eine andere Geschichte.
Wette griff zu einem Marmorkeks.

Rüpelhaft und ungehobelt, sagte Farb, sie hätten keine Manieren, und diplomatischer Umgang sei ihnen fremd, so würden diese Leute auftreten, unverblümt, und wer eine Schwäche erkennen lasse, gelte schon als verloren und setze sich am besten gar nicht erst zu ihnen an den Tisch, man habe ja mit ansehen müssen, wie übel dem Ukrainer mitgespielt worden sei, ein Mordstheater, nein, man möchte da nicht tauschen, auf keinen Fall.

Nein, wiederholte Farb, tauschen möchte man nicht.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Wette griff zu einem Marmorkeks.

Tilman rückte näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Haltung einzunehmen.
Annika warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen, und es tat weh, daß sie hier in aller Ruhe beisammen saßen, während um sie herum eine Welt einbrach.

Die Dinge seien keineswegs ausgestanden, sagte Tilman, denn der ehemalige Immobilienmakler, TV-Showmaster und aktuelle Präsident setze wieder einmal Zölle herauf, weil er glaube, auf diese Weise seinen staatlichen Haushalt zu konsolidieren, und schlage Warnungen in den Wind, daß er dadurch die Preise letztlich auch in den USA in die Höhe treibe, die Situation sei komplett verworren, benachbarte Staaten würden mit Gegenmaßnahmen drohen oder hätten sie bereits veranlaßt, etwa gegen Tesla und den mittlerweile zur Haßfigur geronnenen Elon Musk.

Der siebenundvierzigste Präsident und sein illustres Völkchen, spottete Wette und lachte, Akteure auf dem Abenteuerspielplatz im Silicon Valley.

Er werde zur Lachnummer

Nein, sagte Tilman, es handle sich nicht um ein Spiel, keineswegs, die Maßnahmen würden sich unmittelbar auf den Alltag auswirken, so habe der kanadische Gouverneur von Ontario, Doug Ford, angekündigt, er werde seinerseits fünfundzwanzig Prozent Zölle auf Elektrizitätslieferungen für insgesamt 1,5 Mio Haushalte in Minnesota, Michigan und New York erheben, damit stünden diesen Staaten der USA drastische Preissteigerungen ins Haus, man sei mittendrin im Handelskrieg, weitere Maßnahmen seien angedroht.

Für China, Mexiko und die EU habe die Trump-Administration ebenfalls zusätzliche Zölle angekündigt, oder seien sie längst wieder aufgehoben, doch diese Regierungen sähen nicht tatenlos zu, sondern hätten ihrerseits Vergeltungsmaßnahmen angekündigt, sagte Wette, am Ende drohten die USA allein gegen den Rest der Welt zu stehen.

Man wisse heute nicht, was morgen geschehe, sagte Farb, offenbar herrsche ein unbeschreibliches Durcheinander.

| WOLF SENFF

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Tilman nahm einen Löffel Schlagsahne, es war ein angenehmer Sommmertag.