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Sut erzählt (5)

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sut erzählt (5)

Walfang ist todesmutiger Kampf, eine blutrünstige Angelegenheit – was hätte das mit Harmonie zu tun? Doch Sut wäre nicht Sut, wenn die Männer sich seinen Worten hätten verschließen können, der Schein trügt. Termoth, dem Hünen, der seinen Schwarzen der ›Marin‹ als Schutzpatron galt, standen Tränen in den Augen, sogar Eldin stellte seine Sorgen zurück.

Keesta, der als heilig verehrte Dorfälteste, führte, so heißt es, sagte Sut, den Walfang an. Der erste Grauwal war in den späten Herbstwochen der Vorbote der großen Wanderung zu den südlichen Lagunen, im ausgehenden Frühjahr kündigte er die Rückkehr ins Beringmeer an.

Mit diesen Tagen konzentrierten sich alle Gedanken und Handlungen der Makah auf den Grauwal. Doch auch den Buckelwal sahen sie häufig nahe der Küste.

Ist das eine Religion?, flüsterte Crockeye.

Wie meinst du das, fragte LaBelle.

Mehrmals täglich versammelte Keesta die acht Männer, die mit ihm auf Walfang gehen sollten, für Gesänge und Gebete, sagte Sut, sie hatten ihre Gesichter mit Farben geschmückt, und der Geist des Friedens, von Tag zu Tag mächtiger, würde schließlich auch den Wal umfangen und dessen Widerstand auflösen.

Wer solle das verstehen?, flüsterte Thimbleman.

Beruhige dich, sagte LaBelle, Sut erzählt auch einmal eine erfundene Geschichte. Man merkt den Unterschied, oder?

Da gibt es keinen Unterschied, griff Thursday ein, was Sut da erzählt, gibt es wirklich.

Unsinn, widersprach LaBelle und wiederholte: Hanebüchener Unsinn.

Tatsache, widersprach Thursday.

Du triffst jene indigenen Gruppen, sagte Sut,  indem du von Frisco auf nördlichem Kurs segelst, glaub mir, rund tausend Meilen. Ihnen wird nicht nachgestellt wie sonst in den Staaten, und ihre Lebensweise ist fundamental anders. Die Menschen sind verschieden, LaBelle, das ist so, das werde niemand ändern. Uns Westlern stecke die Gier der Goldgräber in den Knochen.

LaBelle schüttelte unwillig den Kopf. Erzähl weiter, sagte er.

Die acht Mann, die das Fangboot rudern würden, wurden von Keesta ausgewählt, sie unterzogen sich reinigenden Ritualen, badeten im Meer oder in abgelegenen Teichen, sie trockneten und rieben ihre Haut mit Astwerk der Zeder, und es war ihnen untersagt, an gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen.

Sofern er richtig verstehe, sagte Harmat, sei von Zukunft die Rede.

Von einer fernen Zukunft, sagte Crockeye, jedoch ebenso von der Gegenwart.

Touste starrte unverwandt auf die Sterne.

Die Nacht in der Ojo de Liebre war mild.

LaBelle hätte gern eine Kleinigkeit gegessen.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Nach einer Woche mit strikten Übungen rief Keesta die Männer zum Boot, sagte Sut, und während sie ablegten, wurden sie von Gesängen der am Strand versammelten Dörfler begleitet. Die Männer im Boot stimmten Lieder an, in denen sie um Nachsicht und Vergebung für den Schmerz baten, den sie der Natur zufügen würden. Darin unterschieden sich die Stämme kaum, die südlichen Makah tätowierten sich die Arme und legten mehr Farbe auf, doch das war es dann auch, sagte Sut.

Sut kennt sich aus, sagte Thursday.

Sie haben es gut, schwärmte Bildoon, der Wal schwimmt direkt vor ihrer Haustür.

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Die Zusammenhänge, sagte Tilman, sie seien verständlich, ohne daß ein weiterer Rat seitens der Wissenschaft erforderlich sei, keine Ambition auf einen Nobelpreis, nein, null, die Dinge lägen auf der Hand, es  müsse keine Denkfabrik beauftragt werden, zeitraubende Analysen zu unterbreiten.

Er rückte näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Das Gohliser Schlößchen spreizte sich sanft im Glanz der Nachmittagssonne.

Die Botschaft des Planeten sei unmißverständlich.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Sie werde jedoch seitens der medialen Öffentlichkeit begrenzt wahrgenommen.

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Er hat sich sehr aufgeregt, sagte Farb, du hättest ihn erleben sollen.

Tilman nickte.

Annika schlug ihre Reisezeitschrift zu und legte sie beiseite.

Cheyne Beach liegt an der südwestlichen Ecke Australiens, nicht weit von Albany, sagte Tilman, fünfundsechzig Kilometer westlich, und wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Stützpunkt der Walfänger, dort vor der Küste wurde immer schon dem Wal nachgesetzt, anderthalb Jahrhunderte lang war es eine einträgliche Industrie, und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dort eine Station zur Verwertung der Walkadaver eingerichtet, die Cheyne Beach Whaling Company, die allerdings nicht besonders ertragreich war.

Annika lächelte. Das, sagte sie, war schon die Folge der ersten Jahre der weltweiten Proteste gegen den Walfang.

Die Proteste waren höchst wirksam, sagte Tilman, der Einsatz war allerdings lebensgefährlich, den Walfangbooten wurde mit wendigen Schlauchbooten in die Parade gefahren, so daß eine geordnete Jagd kaum möglich war, die Fangquoten gingen zurück, und im November 1978, alles gut, wurde die Walstation aufgelöst.

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Die länger als drei Jahrtausende bestehende Kultur teilt sich historisch in mehrere Abschnitte.

Wieder Ägypten, stöhnte Farb.

Das lasse ihn nicht los, sagte Anne.

Farb warf einen Blick hinüber zum Gohliser Schlößchen.

Und sei brandaktuell, ergänzte sie, ihn beschäftigt die Saitenzeit des siebenten und sechsten Jahrhunderts, ein Abschnitt der Spätzeit und der Renaissance des Altertums.

Tilman lächelte.

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Ob Phantasie der Intelligenz zuzurechnen sei, fragte Farb.

Tilman tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Wie er darauf komme, fragte sie, legte ihr Reisemagazin beiseite, griff zur Teekanne und schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wie üblich das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, rostrot, sie besaßen es auch lindgrün, Tilman hatte es, wie er sagte, aus Beijing mitgebracht, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war.

Da sei man sich nicht einig, sagte Tilman.

Man wisse das nicht, sagte Farb.