Warum wir betrügen

In dem Sachbuch ›Die Macht der Affäre. Warum wir betrügen und was wir daraus lernen können‹ schreibt die Autorin Esther Perel nicht nur über das Wesen der Affäre, wie es der Titel verspricht. Vielmehr schreibt sie darüber, was menschliche Beziehung im 21. Jahrhundert ausmacht und wieso Partnerschaft aktuell so schwierig ist. BASTIAN BUCHTALECK hat das Buch über das pikante Thema gelesen

Perel muss es wissen. Sie ist ausgebildete Psychotherapeutin und hat sich auf die Paartherapie spezialisiert. All ihre Erfahrung, all ihr Wissen nährt sich demnach aus ihrem Arbeitsalltag mit echten Paaren und deren echten Problemen. Diese tägliche Beschäftigung mit dem Thema merkt man dem Buch an.

Die Macht der Affäre – darum ist der Titel so gut gewählt

Die Macht der Affaere Das derzeit geltende Beziehungsnarrativ ermittelt Perel als den zentralen Punkt, der die Affäre so mächtig macht. Demnach führt man heute eine Reihe von monogamen Beziehungen, ist also beständig auf der Suche, und wenn man sich dann endlich entscheidet (meist mit Kindern und Ehe verbunden), muss der Partner auf allen Ebenen und in allen Bereichen des Lebens richtig für uns sein – warum sonst hätten wir uns für diesen einen Menschen entscheiden sollen? Damit geht eine Idealisierung einher, die auf Dauer nicht erfüllt werden kann. Unser Partner soll Sicherheit bieten und aufregend sein; er soll verlässlich sein und überraschend; erotisch und alltagstauglich. Die Erwartung, dass sich solche Gegensätze erfüllen lassen, ist paradox und muss scheitern.

»Unsere romantischen Vorstellungen sitzen zu sehr dem Irrtum auf, dass eine perfekte Verbindung uns dem beunruhigenden Rauschen des Eros gegenüber unempfindlich macht.« Denn so sehr die Beziehung alles zugleich sein soll, so sehr geht alles verloren, wenn einer untreu wird und somit die Idealisierung aufhebt. Insofern lautet das aktuelle Beziehungsnarrativ: Alles oder nichts und das nüchterne Fazit dazu lautet: »Unsere emotionalen und erotischen Bedürfnisse sind manchmal unvereinbar«.

Die Kraft der Affäre – so hätte der Titel auch lauten können

Die Macht der Affäre liegt also darin, dass sie unser aktuelles Beziehungsideal zerschmettert. Entsprechend geächtet ist Untreue in der Partnerschaft. Perel aber macht in ihrem Buch einen anderen Vorschlag. Wie wäre es, wenn wir das Beziehungsnarrativ an das 21. Jahrhundert anpassen? Eine Affäre schafft in jedem Fall, so Perels Beobachtung, Veränderung, aber sie muss nicht zwingend zerstörerisch sein. Untreue in der Partnerschaft ist in der Regel bloß das Symptom, welches auf ein Problem aufmerksam macht – »auf eine Störung des Individuums oder der Beziehung«. Der untreue Mann ist selten einfach nur ein Schwein und die untreue Frau nicht einfach eine Schlampe.

»Paradoxerweise bewegen sich viele Menschen aus ihrer Ehe heraus, um diese nicht aufgeben zu müssen. Wenn Beziehungen unschön werden, kann Untreue eine verändernde Kraft sein.
Fremdgehen kann der Weckruf sein, endlich aufmerksam zu werden, oder das Totengeläut einer Beziehung in den letzten Zügen.«

Die Affäre wird nicht gesucht, weil man den Partner gerne verletzen möchte. Sie geschieht, weil die Beziehung Probleme hat oder man selber Probleme hat und Wandel notwendig ist. Diesen Wandel anzustoßen – das ist die Kraft der Affäre. Oft genug gehen die Menschen fremd, weil sie sich in ihrer aktuellen Rolle als Ehemann, Ehefrau, Partner oder Partnerin nicht mehr ausstehen können.
Sie wollen sich ändern, nicht die Partnerschaft. Wer Untreue auf diese Weise versteht, dem kann sie den Weg zu einer besseren, einer ehrlicheren Beziehung weisen.

Treu, untreu – eine Frage der Perspektive

Dabei ist Untreue eine Frage der Definition. Für manche ist das Schauen von Pornos schon Untreue, für manche das Berühren der Geschlechtsteile und für Bill Clinton noch mal etwas anderes. Perel macht den intelligenten Vorschlag, dass Untreue da beginnt, wo erotische Spannung herrscht und dieser nachgegangen wird. Diese erotische Spannung muss nicht ausschließlich sexueller Natur sein, sondern kann auch geistig, emotional oder energetisch sein. Wenn mich ein anderer Mensch geistig mehr anspricht als mein Partner und ich mich ihm darum geistig widme – dann bin ich auf dieser Ebene meinem Partner untreu.

Perel nutzt diese weite Definition, um klar zu machen, dass es in Affären häufig nicht um den Sex als solchen geht. Vielmehr geht es darum die Aufmerksamkeit zu bekommen, die man in seinem Alltag schon lange nicht mehr verspürt. Man will begehren und begehrt werden. Es geht um Aufregung und um Freiheit. Schließlich ist die wesentliche Motivation für Untreue, dass man sich wieder lebendig fühlt. Es scheint, als neigen Beziehungen dazu, dass Menschen sich wie lebendig begraben fühlen und die Affäre ist der Ausbruch daraus. Spannend.

Eifersucht, Geheimnisse und andere Gedanken

Neben diesem gedanklichen Kern, der stets um Untreue und Affäre kreist, beinhaltet das Buch viele weitere Erkenntnisse, die alle lesenswert sind. Die Kapitel ›Monogamie und ihre Grenzen‹ oder jenes über Eifersucht sind so offen wie spannend. Dagegen nimmt sich die Darstellung, dass Liebe und Beziehung kulturell bedingt sind, inhaltlich fast schon konservativ aus.

Das Buch ist tief recherchiert und die Inhalte sehr gut aufbereitet. Zudem gibt es immer wieder kleine Wahrheiten, die wie Aphorismen weitergetragen werden können. »Respekt bedeutet nicht zwangsläufig, alles zu erzählen, sondern zu überlegen, was dieses Wissen für den anderen bedeutet.«

»Zu zweit ist es gemütlich, aber drei sind ein Paar«

Insgesamt sind ›Die Macht der Affäre. Warum wir betrügen und was wir daraus lernen können‹ rund 360 Seiten Wissen über ein Thema, was heute so aktuell ist, wie es seit jeher war und wohl immer sein wird. Wer sich für das Themenfeld interessiert, wird mit der Lektüre reich beschenkt.

Es ist ein sehr treffendes Buch über die Schwierigkeiten von Beziehung im digitalisierten 21. Jahrhundert und für jeden, der sich für Beziehung, Ehe, Sex oder Sexlosigkeit, Untreue oder Treue interessiert.

| BASTIAN BUCHTALECK

Titelangaben
Esther Perel: Die Macht der Affäre
Warum wir betrügen und was wir daraus lernen können
Hamburg: HarperCollins 2019
384 Seiten, 22 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

2 Comments

  1. Eine Affaere muss beileibe kein Weckruf sein. Ist der /die andere attraktiv/er, dann wird die Affäre beibehalten. Da der Partner nie das fremde andere verkörpert und der Alltag und die Gewohnheit in der Beziehung Einzug gefunden haben, gibt es keine zwingende Notwendigkeit, dass die Beziehung sich positiv verändert. Sie bleibt auf dem selben Level, vielleicht gibt es mehr Streit wegen der Affäre vielleicht auch nicht. Mit der Affäre geht man ins Bett und ins Kino; mit dem langweiligen Partner schaut man Tatort. Wie degeneriert und gefühlsarm muss man als Beziehungspartner sein, um seine Erfüllung im Tatortglotzen zu finden, dem auch noch die verlogene Allerweltsfloskel “ ich liebe Dich“ zugeraunt wird. Und warum spaltet man sexuelle Treue als irrelevant ab und steigert die sonstige Treue hoch, verstehe ich nicht.

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