Ein Flüchtlingsschicksal

Kinderbuch | Onjali Q Raúf: Der Junge aus der letzten Reihe

Flucht im Kinderbuch ist eine Sache für sich. ANDREA WANNER hat Onjali Q Raúfs hochgelobte Geschichte für das Schicksal eines Jungen aus Syrien gelesen.

Der Junge aus der letzten ReiheKeine einfache Sache, über ein sehr gut gemeintes Buch nicht in Begeisterungsstürme auszubrechen. Onjali Q Raúf, Jahrgang 1981, ist eine englische Autorin und Gründerin der NGO Frauenrechtsorganisation ›Making Herstory‹. Die Idee ist gut: In einer Klasse einer englischen Schule solidarisieren sich die Kinder mit Ahmet, einem geflüchteten Jungen aus Syrien, der ohne seine Eltern ins Land gekommen ist. Ahmed sitzt auf dem freien Platz in der letzten Reihe und zunächst wissen seine Klassenkameradinnen und Klassenkameraden überhaupt nichts über ihn.

So kann man vielleicht eine Geschichte über das Schicksal von Kindern, die Krieg und Bombardierung erleben mussten, die traumatische Flucht hinter sich haben und vieles verloren haben, anfangen. Voraussetzungslos, so wie auch die Zielgruppe, junge Leserinnen und Leser haben 9 Jahren, vielleicht nichts oder nur wenig über Geflüchtete wissen. Was man nicht kann: Alle so im Unklaren lassen, wie es geschieht.

Ahmet kommt mitten im Schuljahr, wird von der Rektorin gebracht, die »ein paar Sekunden lang im Flüsterton« mit der Klassenlehrerin redet, um dann Ahmet zu holen. „Das hier ist Ahmet, und er wird von jetzt an in diese Klasse gehen. Er ist gerade erst nach London gezogen. Ich hoffe, dass ihr euch alle Mühe gebt, damit er sich willkommen fühlt.«

Sonst nichts.

Der Rest sind wilde Spekulationen: Warum der Neue in der Mittagspause nicht gemeinsam mit ihnen isst, warum er in der Pause nicht zum Spielen auf den Hof kommt, wer die Frau ist, die ihn nach der Schule abholt.

So viel pädagogisches Versagen muss man sich erst mal vorstellen. Es wird schlimmer. Eine komplette Unfähigkeit vonseiten der Schule, die wirklich üblen Mobbingfälle aufzuklären, die verstörend auf Ahmet wirken. Dafür gibt es vor den Ferien »eine Belohnung«: Ahmet darf seine Geschichte erzählen. Die Bilder dazu hat er selbst gemalt. Sie zeigen eine glückliche Familie mit zwei Kindern. Sie zeigen brennende Gebäude und Bomben. Sie zeigen eine Flucht über die Berge zu Fuß mit vier Personen: Dad, Mum, ich, Schwester. Sie zeigen ein überfülltes Schlauchboot auf dem Meer mit vielen Menschen, drei davon beschriftet: Mum, ich, Dad. Sie zeigen ein Flüchtlingslager mit Leuten, zwei davon beschriftet: ich, Dad. Sie zeigen eine von Soldaten mit Panzern bewachte Grenze. Und dann dürfen die Schülerinnen und Schüler Fragen aufschreiben, die sie Ahmet stellen wollen. Und drei davon werden ausgesucht und Ahmet beantwortet sie. Weitere Fragen sind ausdrücklich verboten. Und dann werden die Kinder in die Ferien verabschiedet.

Mit dieser pädagogischen Bankrotterklärung muss man erst mal klarkommen. Erst erfahren die Kinder gar nichts, dann werden sie mit einer Wahrheit konfrontiert, die unfassbar ist. Ahmet ist allein in England. Das Schicksal seiner Familie ist ungewiss.

Stimmt, das ist die Realität. Aber Onjali Q Raúf nimmt für sich in Anspruch, daraus ein Kinderbuch zu machen. Ginge es ihr um Systemkritik an der Schule: okay. Aber das ist nicht gemeint. Wie in einer beliebigen Abenteuergeschichte beschließen vier Freunde, dass sie Ahmet helfen wollen. Und klar brauchen sie dazu die Queen. Die Story driftet ab in eine banale Vier-Freunde-retten-Kumpel-Geschichte – die natürlich gut ausgehen muss.

Schade. Mal wieder ist »gut gemeint« eben nicht das, was notwendig wäre. Dass Onjali Q Raúf mit ihrem Debut gleich mehrere Preis gewann, liegt vermutlich am »gut gemeint«. Und bitte nicht falsch verstehen: Der Einsatz für Geflüchtete kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Ein gutes Kinderbuch ist schlicht etwas anderes.

Trotzdem soll die Besprechung mit einem Lob enden. Noch nie habe ich eine so wunderbare Beschreibung eines Granatapfels gelesen. Von außen, aber noch schöner das Innere: »Wenn man einen aufmacht, ist es, als hätte man eine Million glitzernder roter Rubine gefunden, die sich alle ganz eng in einen roten Koffer drängen und nur darauf warten hinauszukommen.« Überhaupt, es gibt durchaus sehr gut beobachtete und einfühlsam beschriebene Stellen, aber Tee mit der Queen ist garantiert nicht die Lösung für alles.

| ANDREA WANNER

Tielangaben
Onjali Q Raúf: Der Junge aus der letzten Reihe
(The boy at the back of the class, 2017)
Aus dem Englischen von Katharina Naumann
Illustriert von Pippa Curnick
Zürich: Atrium 2020
288 Seiten, 15 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Gutgläubige Hühner und ein aufgeblasener Gockel

Nächster Artikel

It’s Showtime!

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Herzenswunsch mit kleinem Haken

Kinderbuch | Annie Kelsey: Pippas Tagebuch. Eine Freundin muss her Eine beste Freundin zu haben, ist wunderbar. Sie zu finden, nicht leicht. Wer ganz schnell und unbedingt eine haben will, greift manchmal zum falschen Mittel. Wie Pippa. Annie Kelsey durfte Pippas Tagebuch lesen. Von MAGALI HEISSLER

Der Weg zum Ziel

Kinderbuch | Heinz Janisch: Auf dem Weg

Eine Maus ist gut ausgerüstet unterwegs. Wir wissen nicht, wohin sie will, begleiten sie aber gerne durch eine magische Welt. Von ANDREA WANNER

Abenteuerspielplatz

Kinderbuch | Eva Muszynski: Was spielt die Maus Mathilda, die Maus, vergnügt sich auf dem Spielplatz. Und wer Mathilda kennt, weiß, dass es da ein bisschen anders zugeht, als sonst auf Spielplätzen. Von ANDREA WANNER

Lügenbaroness

Kinderbuch | Nathalie Kuperman: Wer zweimal lügt Es gibt Situationen, in denen nur der Selbstschutz zählt. Und schon hat man gelogen. »Nicht so schlimm!«, mag manche denken. War ja nur einmal. Lügen allerdings haben die Eigenheit, dass sie nicht gern allein bleiben. Im Handumdrehen folgt die zweite, dann die dritte. Ob man sich von der unangenehmen Gesellschaft wieder befreien kann? Nathalie Kuperman erzählt von Clara, die zu ihrem Entsetzen zu einer echten Lügenbaroness mutiert. Von MAGALI HEISSLER

Weihnachten für fast alle

Familienbuch | W.Andersen-Oberschäfer, R.Kehn: Ein Stern strahlt in der dunklen Nacht Am Sonntag, 22. Dezember 2019, war Wintersonnenwende. Am kürzesten Tag und der längsten Nacht des Jahres denken die Menschen daran, dass die Tage wieder länger werden. Und als der Julianische Kalender eingeführt wurde, lag die Wintersonnenwende auf dem 25. Dezember. Und die Christen legten Christi Geburt auf die Wintersonnenwende gelegt, den hellen Stern, der in der dunklen Nacht strahlt. Von ANDREA WANNER