Eine offene Wunde

Totes Meer, arabisch Bahr Lut (Lots Meer), las Tilman aus dem Brockhaus vor, Band 11 von zwölf Bänden, Sol-Unj, einem Erbstück seines kleinbürgerlichen Elternhauses, abflußloser See an der Grenze von Israel und Jordanien, 920 km² groß, bis 394 m tief.

Sie saßen auf der Terrasse, er hatte zum Tee aufgedeckt, das zierliche Service mit dem rostroten Drachen, legte den Band beiseite, schenkte für Susanne und sich ein und stellte die Kanne zurück auf das schlicht weiße Stövchen, er hatte sich mehrmals vergeblich bemüht, ein Stövchen mit Drachenmotiv zu erwerben, es war einfach nicht im Programm.

Du warst mehrmals dort, sagte Susanne.

Das Tote Meer erfüllt den tiefsten Teil des Jordangrabens, las er weiter, der Seeboden liegt 792,6 m unter dem Meeresspiegel, durch starke Verdunstung beträgt sein Salzgehalt bis zu 22 %. Aus dem Toten Meer werden Kali- und Bromsalze gewonnen. Über die Handschriftenfunde am Toten Meer siehe Wadi Qumran.

Er klappte den Brockhaus zu und legte ihn beiseite.

Susanne lächelte. Seitdem du zuletzt dort warst, sagte sie, sind mehrere Jahre ins Land gezogen, und einiges wird sich verändert haben. Man hört, das Meer trockne aus.

Das Tote Meer war eine Zuflucht, überlegte Tilman, war nicht von dieser Welt – und dann wieder doch. Denn die Hotels in En Bokek, beim letzten Aufenthalt hatte er ein Dutzend gezählt, wechselten häufig ihre Besitzer, Tilman vermutete handfeste finanzielle Interessen, mit jedem Erwerb werde schmutziges Geld in reguläre Umläufe gebracht, ein Geschehen aus den globalen Zentralen, welch paradoxe Verhältnisse, einem Außenstehenden war all das nicht leicht zu vermitteln, dieses kleine Meer war einzigartig auf dem Planeten, ein glitzernder Diamant auf seiner Haut.

Tilman trank einen Schluck Tee, er hatte Yin Zhen aufgegossen, Susanne trank weißen Tee am liebsten aus diesen Tassen.

Ob er von dem Schweizer Ehepaar erzählt habe, fragte er, das er während eines Aufenthalts im ›Paradise‹ kennengelernt habe, damals hieß es noch ›Paradise‹, aktuell ›Leonardo Inn Hotel‹, mit den Eigentümern ändern sich die Namen, und sie hätten sich mit Peter und Farb verabredet, den Hang hinauf zu wandern, das Tote Meer befinde sich in einem tektonischen Riß, er ziehe sich nördlich bis nach Syrien und in die Türkei bis zum Bosporus hin, südlich bis nach Afrika und werde dereinst den afrikanischen Kontinent aufspalten, der Planet reguliere seine Balance schwerfällig und unter Schmerzen.

Sie wollten um fünf aufbrechen, damit sie rechtzeitig um sieben Uhr zum Frühstück zurück seien, am späteren Vormittag würden die Temperaturen zu heiß, die beiden Schweizer hielten sich jedes Frühjahr zwei Wochen lang hier auf und kannten sich aus, er selbst, sagte Tilman, hätte sich allein nicht zu gehen getraut, man müsse vorsichtig sein in der Fremde, die Hänge wirkten von unten steil und unzugänglich.

Die zehntausend Dinge zeigen sich voller Widersprüche, sagte Susanne und schenkte sich Tee nach.

Das ›Paradise‹, sagte Tilman, liegt etwas abseits vom Meer, rund dreihundert Meter bis zum Strand, sie mußten deshalb lediglich eine Straße hinter dem Hotel überqueren, und gleich gegenüber auf der Höhe eines Einschnitts – dort sollte von den Römern einst ein Durchbruch bis hin zum Mittelmeer geschaffen werden – begannen sie ihren Aufstieg, die Luft war morgendlich kühl, frisch, angenehm.

Er sei überrascht gewesen, sagte er, wie sich auf dem vermeintlich so unübersichtlichen Hang zwischen dem niedrigen Gestrüpp ein Pfad herausschälte, um sperrige Felsnasen herum, der auch für ihn, einen unerfahrenen Bergsteiger, gangbar war, knapp eine dreiviertel Stunde dauerte es, ohne daß er waghalsig hätte klettern müssen, und als sie oben standen auf der Negev am Rand der weiten Hochebene – welch herrlicher Ausblick! Nach Norden erkannten sie das wehrhafte Masada, nach Süden verlor sich der Blick früh, ohne die südliche Spitze auf Höhe Sodoms und der Salzwerke zu erreichen, nach Osten hin sahen sie auf der gegenüberliegenden Seite die  steilen Hänge Jordaniens. doch vor allem faszinierte der Blick auf das langgezogene, im zarten Licht des frühen Morgens matt aufscheinende Meer. So standen sie eine halbe Stunde lang und schauten, ergriffen von dem tiefen Einschnitt, und redeten wenig.

Das Tote Meer wäre ein Idyll, fragte Susanne.

Tilman zögerte zu antworten.

Schwierig, sagte er schließlich, die Dinge sind voller Widersprüche.

Doch der Aufstieg hat sich gelohnt, fragte sie.

Er hatte den Eindruck, sagte er, von dort auf die Zusammenhänge zu sehen, das Tote Meer sei ein gewaltiger Riß im Planeten, eine offenliegende Wunde, unvergleichlich, griff zur Tasse und trank einen Schluck.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Golden Twenties werden ihrem Ruf gerecht

Nächster Artikel

Ghostshow

Weitere Artikel der Kategorie »Prosa«

Lifestyle

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Lifestyle

Wir sind längst überschwemmt, erstickt, ertrunken, sagte Wette, wir haben es lediglich noch nicht bemerkt.

Taub, spottete Farb, taub.

Unfähig, sagte Wette, die Welt um uns herum noch wahrzunehmen, wenngleich wir über umfassende Meßdaten verfügen.

Wir speichern sie ab, sagte Farb, und tun das vornehmlich unter Ausrufen des Entsetzens.

Wette lachte. Wir sind erschrocken, fürchterlich erschrocken, zu Tode erschrocken.

Sublimation

TITEL-Textfeld | Iryna Fingerova: Sublimation Am Morgen wachte Addiktia auf, wusch sich, spülte den Mund mit einem Aufguss von Eichenrinde und geriet ins Brüten, warum in aller Welt sie eigentlich lebte. Aber kaum hatte sie sich ihren Grübeleien hingegeben, da kam schon ein leeres Blatt Papier durchs Fenster geflogen und begann sie zu würgen. Als das Blatt damit fertig war, stand sie plötzlich in einem schönen Bürokleid da. Das Blatt riss Addiktia von den Beinen, lupfte sie auf seinen Rücken, als wäre es ein fliegender Teppich, und flog zum Fenster hinaus.

Eliten

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eliten

Aber selbstverständlich, sagte Gramner, sie seien nicht von gestern.

Nicht daß sie ahnungslos wären, die Eliten der Moderne, sagte Pirelli, sie seien informiert, einundzwanzigstes Jahrhundert, sagte er, kommuniziert werde digital ohne zeitlichen Verzug, Spitzentechnologie, Hochleistungsgesellschaft, besser geht’s nimmer, das sei ein anderes Thema als hier bei uns, wo gerade einmal die Bahnverbindung quer über den Kontinent gelegt werde, Union Pacific, und der Goldrausch die Berichterstattung in den Gazetten dominiere.

Die Eliten wüßten bestens Bescheid, spottete Crockeye, sie führen uns.

Absolut, sagte London und lachte, die Eliten gäben den Ton an.

Unaufhaltsam

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Unaufhaltsam

Und gesetzt den Fall, es nähme ein Ende mit dieser Zivilisation, ausweglos, wir säßen mittendrin und sähen zu, wie die Bastionen einbrächen, Risse knirschten im Gefüge, die tragenden Pfeiler stünden unter Wasser, sie wankten, was, Tilman, was wäre zu tun.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman griff zu einem Marmorkeks, er hatte Marmorkekse gekauft anstatt der Kipferl, die ihm im Geschmack zu fade geworden waren, seitdem die Preise für Vanille so schamlos angezogen hatten.

Ohne ihn

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ohne ihn

Mittendrin, sagte Farb, wir stecken mittendrin.

Keine Chance, sagte Wette.

Annika schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wie immer das Service mit dem Drachendekor aufgedeckt, rostrot, das Tilman aus Beijing mitgebracht hatte, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war, diese Wettbewerbe, fand er, seien völkerverbindend, zumal in Zeiten wie diesen, ich komme darauf zurück.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Der Planet balanciere sich neu.