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Aggressivität

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Aggressivität

Wichtig wäre, sagte Tilman, die aggressiven Anteile zu reduzieren.

Ob sie nicht tief in der menschlichen Natur verankert seien, fragte Susanne, stand auf und ging in die Küche, Tee aufzugießen, während Tilman das Service mit dem zierlichen lindgrünen Drachen aufdeckte, dazu ein Schälchen mit Hafergebäck.

Deshalb sei der Mensch mit Vernunft ausgestattet, auszugleichen, sagte Tilman, den aggressiven Anteilen Zügel anzulegen, den eigenen wie denen der umgebenden Natur, daß sie im Zaum zu halten seien.

Susanne schenkte Tee ein, Yin Zhen, und stellte die Kanne zurück auf das Stövchen. Sie lächelte.

Luftschlösser, sagte sie, und bitte wann, fragte sie, hätte Vernunft in der Politik eine Rolle gespielt.

Politik, entgegnete Tilman, sei in der Geschichte eine eher randständige Erscheinung, zumindest jene Politik, die sich nicht in Macht- und Territorialfragen erschöpfe, sondern ihre Aufgabe gleichfalls darin sehe, die sozialen, gesundheitlichen, kulturellen Belange zu gestalten bzw. entsprechende Gesetze zu erlassen. Man müsse da unterscheiden, sagte er, Politik sei nicht gleich Politik.

Ob etwa Vernunft sich durchzusetzen beginne, wolle er das sagen, fragte sie.

Ein heikles Thema, das war ihm klar, Vorsicht!, da bewegte er sich auf dünnem Eis, Tilman zog deshalb vor, zu schweigen, und beschränkte sich darauf, Tee nachzuschenken.

Susanne lächelte entspannt und warf einen Blick hinüber zum Gohliser Schlößchen. Das Wetter war wechselhaft, die Sonne schien, es war ein freundlicher Frühlingstag.

Das Überleben der Spezies stehe auf dem Spiel, und es sehe nicht gut aus, begann er erneut, kaum ein Tag vergehe ohne eine Katastrophennachricht, ob es sich um die allgegenwärtige Verseuchung durch Abfälle handle, durch Ungleichgewichte im Klima, durch Feuersbrünste, Überflutungen, Erdrutsche – es lasse sich gar nicht aufzählen, was alles durch menschliche Fahrlässigkeit ausgelöst werde, und es sei nur zu hoffen, daß der Mensch, wenn nicht durch Einsicht, so durch den Aufruhr des Planeten zur Vernunft gebracht werde, der sich Tag um Tag unübersehbar Geltung verschaffe.

Und?, fragte er: Ein renommiertes Magazin hielt mit dem Aufmacher »Kriege, Krisen, Krankheiten: Warum die Welt trotzdem immer besser wird« publizistisch dagegen und gab den Muntermacher, von der drängenden Absicht beseelt, zu ermutigen, und setzte bei all der Lobhudelei seinen seriösen journalistischen Ruf aufs Spiel. Nein, fügte Tilman hinzu, sie wollen die Gefährdung nicht wahrhaben, sie wollen kein Öl ins Feuer gießen, sie fürchten die Panik.

Susanne schenkte Tee nach, Yin Zhen, und stellte die Kanne zurück auf das Stövchen.

Und was sie selbst angehe, sagte er und redete sich endgültig in Rage, erfährst du, während das Verbot von Einwegplastik gelobt wird, daß Mikroplastik über die Nahrungskette längst auch auf unseren Tellern und in unseren Tassen gegenwärtig ist, unser täglich Brot gib uns heute, und daß der menschliche Organismus keineswegs davon verschont ist, du erfährst das gewissermaßen zwischen den Zeilen, denn es geht ja um die Korrektur eines Mißstands, wir können ihn nun vergessen, aus und vorbei, der Fehler ist abgetan, wer wäre verantwortlich, doch als der Fehler aufkam, zeigte man sich über Kritik erhaben, beratungsresistent, man kennt das von zahllosen Beispielen, wie heißt es so einleuchtend: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Wir seien, ergänzte er, in einer frühen Phase des Rückbaus, zwar viel zu spät, doch erste einst unter Jubel etablierte Technologien – Innovationen werden stets triumphalistisch präsentiert – würden zurückgenommen, kein schlechtes Gewissen, nein, kein Schamgefühl und nicht einmal peinlich, die Energiewirtschaft stehe nun vor einem grundlegenden Wandel, auch die auf Plastikmaterialien fußenden Produkte würden nach und nach aus dem Verkehr gezogen, nur daß bislang kaum jemand die ökonomischen Abläufe infrage stelle, nein, so weit sind sie noch nicht – Globalisierung ist eine zeitgemäße Version des Kolonialismus, jedenfalls, schränkte er ein, schlage sich eine solche Einsicht bislang nicht im politischen Handeln nieder, und schon gar nicht, indes er sich nun wieder auf den Ausgangsartikel bezog, in jener erwähnten Lobhudelei des Nachrichtenmagazins, man verteidigt die schwankenden Positionen mit Zähnen und Klauen.

Susanne lächelte still, schenkte Tee nach und stellte die Kanne zurück auf das Stövchen. Sie überlegte ernsthaft, für den Spätsommer einen Pullover zu stricken und Handschuhe für den bevorstehenden Winter.

Es gebe überdies verschiedene Möglichkeiten, die Dinge zu betrachten, und keine sei ermutigend. Das Geschehen sei nicht mehr vorhersehbar, sagte er, aus und vorbei, sagte er, die gewohnten Abläufe brächen ein, und was dem Menschen noch gestern ein sicherer Aufenthalt, eine verläßliche Zuflucht war, sei heute nur Stätte des Schreckens, nein, niemand wolle das erklären, der Mensch sehne sich nach den ausgetretenen Pfaden, nach den vertrauten Bildern, den Orten seiner Seßhaftigkeit, doch sie seien kollabiert, ausnahmslos, den Flammen zum Opfer, überflutet, verschüttet – der Planet wende sich ab, sie existierten nicht mehr, was solle er tun, der Mensch irre verzweifelt umher, überall Niemandsland, kein Ziel weit und breit, nirgends das rettende Ufer.

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Annika lächelte. Lesen macht schlau, sagte sie und schenkte Tee nach, Yin Zhen.

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Sie habe sich unter der Tang-Zeit im siebten bis neunten Jahrhundert herausgebildet, sie habe ihre Blüte unter den Song und Yuan (10. Jh. bis 15. Jh.) erlebt, ihr Schwerpunkt habe sich seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf das Genre der Blumen und Vögel verlagert, und im neunzehnten Jahrhundert sei die große Landschaftsmalerei nach und nach erloschen.

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