Opa ist ein weicher Felsen

Jugendbuch | Espen Dekko: Sommer ist trotzdem

Von Tod und Trauer zu schreiben, ist nicht einfach. Wie geht man damit um? Wie kann man den Tod eines geliebten Menschen verarbeiten und weiterleben? Dem Norweger Espen Dekko gelingt es mit einem leichten, melancholischen, sehr tiefen Buch, vom Sommer danach zu erzählen. Von GEORG PATZER

Sommer ist trotzdem»Ich finde einen Krabbenpanzer. Er ist so klein, dass ich ihn mit einer Hand umschließen kann. Die Beine sind abgetrennt. Die Krabbe kann nicht alt geworden sein. Vielleicht ist sie krank geworden, und dann war niemand da, der helfen konnte. Nicht alle Kranken werden wieder gesund. Obwohl sie im Krankenhaus liegen. Ich frage mich, was das Letzte war, das diese Krabbe gesehen hat. Bevor sie gestorben ist. Ich hoffe, es war jemand, den sie gern hatte.«

Krankheit, Sterben, Tod und Liebe. Immer wieder kehren ihre Gedanken zu diesen Themen zurück. Es ist Sommer, und im Sommer ist sie immer bei Oma und Opa am Meer, jedes Jahr. Opa sagt sogar: »Weißt du, wann für mich der Sommer anfängt? Wenn du herkommst. Dann ist Sommer. Die schönste Zeit des Jahres.« Aber diesen Sommer ist alles anders, denn ihr Vater war lange im Krankenhaus und ist dann gestorben. »Ich versuchte, an etwas anderes zu denken. Irgendwas Schönes, Lustiges. Doch es gab nichts Schönes oder Lustiges mehr, an das ich denken konnte.« Aber als Opa und Oma sie vom Bus abholen, macht er das mit dem Traktor, und sie müssen vorn auf der Schaufel sitzen. Und als er anfängt zu singen, muss sie doch lachen.

Der norwegische Autor, Regisseur und Puppenspieler Espen Dekko hat mit »Sommer ist trotzdem« ein sehr melancholisches Buch geschrieben. Wie soll ein junges Mädchen auch damit umgehen, dass ihr Vater gestorben ist, dass er einfach weg ist und dass Tränen nichts nützen: »Es ändert ja doch nichts.« Und deswegen weint sie auch nicht mehr, sie kann es einfach nicht. Der Sommer bei den Großeltern soll sie aufmuntern, und tatsächlich fühlt sie sich bei ihnen wohl. Hat »ihr« Zimmer, wird liebevoll von beiden umsorgt, macht mit beiden Albernheiten und entdeckt ein wenig die Welt mit ihnen – zum Beispiel den großen Stein am Meer, der wie ein großer Sessel geformt ist. Ihr Vater hat ihn ihr gezeigt. Und Opa erzählt, dass auch er seinem Sohn diesen besonderen Sitzplatz gezeigt hat. Sie streichelt und krault Mim, die Katze, die bald Junge bekommt, und sucht Schätze im Watt: »Schätze im Watt zu suchen, ist leicht. Sie zu finden, ist schwierig. Erst muss man ganz stillstehen und darf den Blick nicht abwenden. Von einem Stein oder einer Muschel. Nach einer Weile wird alles schärfer und deutlicher. Dann kann man eine ganz neue Seite an den Dingen erkennen. Der Stein hat ein Muster oder ein Gesicht, und die Muschel sieht aus wie eine Karte vom Meeresgrund. Und dann tauchen die Schätze auf. In allen möglichen Formen und Farben. Schätze sind die Dinge, die nach etwas anderem aussehen, als sie eigentlich sind. Dinge, die alles sein können, wenn man nur genau hinsieht.«

Sie kann dem Sterben nicht entgehen

Und dann sehen sie sogar noch einen Wal, einen Schweinswal, der ganz nah an den Strand herangeschwommen kommt. Er kommt so nah an den Anleger, dass sie ihn beinah anfassen kann. Aber am nächsten Tag liegt er am Strand, und mit Opas Hilfe hievt sie ihn wieder ins Wasser zurück. Aber als sie fragt, ob der Wal es schaffen wird, antwortet er nicht. »Ich halte seinen Blick fest. Suche. Suche nach Zeichen in seinen Augen. Zeichen, die ich schon einmal gesehen habe. Traurige Zeichen. Zeichen, die sich in den Winkeln seines Gesichts verstecken. Und da sind sie. Und auch der Klumpen in meinem Bauch ist wieder da. Blöder Opa. Kann er nicht einfach sagen, dass es dem Wal gut gehen wird? Dann wäre jetzt alles gut.«

Sie kann dem Sterben nicht entgehen, nicht einmal bei ihren Großeltern. Denn der Wal kommt noch einmal zurück und liegt tot am Strand. Und Mim, die Katze, die unten im Keller ihre Kinder bekommt, hat Totgeburten, die sie wegträgt. Und als das Mädchen mit ihrem Opa aufs Meer rausfährt, um Wale zu beobachten, geraten sie in einen Sturm, und mit größter Mühe kann sie ihn vor dem Ertrinken retten, als er über Bord geht.

»Trotzdem ist Sommer« ist aber kein Buch, das einen schwermütig und melancholisch macht, trotz aller Schwere des Themas. Trotz der häufigen Verlorenheit, mit der das namenlose Mädchen durch den Sommer läuft, ihre kleinen (und das große) Abenteuer erlebt. Es hat viele schöne Momente, wenn die drei den toten Wal aufs Meer hinausziehen und ihn dort beerdigen und das Mädchen selbst gepflückte Blumen auf dem Wasser verstreut. Wenn sie, weil sie nun doch schon größer geworden ist, das alte Boot ihres Opas ganz allein steuern darf, ohne dass er danebensteht und aufpasst. Wenn sie sich so richtig geborgen bei Opa fühlen kann, wenn er ihre Hand nimmt und sie denkt »Seine starke Hand. Ich spüre die raue Haut. Sie ist wie der Felsstein unter unseren Füßen. Nur weicher. Opa ist ein weicher Felsen.« Oder, wenn sie aus dem kalten Meereswasser kommt und feststellt, dass es ist »wie aufwachen, ohne zu wissen, dass man geschlafen hat. Alles wird so viel deutlicher. Farben und Gerüche und Geschmack.« Es gibt poetische Stellen in dem Roman, wenn sie das Meer oder das Watt oder die Wellen beschreibt: »Ich schwimme. Schwimme durch die Luft. Zwischen Walen und Möwen. Mein Körper ist ganz warm und fühlt sich gut an. Die Sonne scheint. Kein Regen oder Wind. Nur Sonnenschein. Opa schwimmt auch. Auf dem Rücken. Er winkt mir zu. Und Papa. Mein Papa. Er gleitet zwischen den Walen. Seine Augen strahlen vor Glück. Er lächelt und segelt davon. Papa, Opa, Wale und Möwen.«

Poesie und Witz. Und erlösende Tränen

Die kleine Ich-Erzählerin hat auch Witz. Weiß genau den Unterschied zwischen kalt und frisch, wie es nur die Menschen aus dem Norden kennen: »Das kälteste Wasser letztes Jahr hatte zehn Grad, glaube ich. Wenn es so kalt ist, sagen wir, es ist frisch. Damit es eben nicht so kalt klingt. Das hilft tatsächlich.« Oder, wenn sie über Muscheln sinniert: »Ich bin froh, dass ich keine Muschel bin. Stell dir mal vor, du wärst ein wabbelnder orangefarbener Muschelschleim. Da gewinnt man nicht so leicht Freunde.«

Aber immer wieder schleichen sich Gedanken in ihren Kopf, »Gedanken, die ich nicht denken will. Gedanken an früher. Gedanken ans Warum. Gedanken an Papa.« Und sie träumt immer wieder den gleichen Traum von ihrem Vater, der einfach von ihr weggeht. Weinen kann sie nicht, das macht es so schwer. Und atmen kann sie auch nicht mehr – manchmal setzt ihr Gehör einfach aus und ihr Atem. Sie schaltet sich ab, wenn es zu schlimm wird, sie dissoziiert.

Am Schluss bricht es dann aus ihr heraus, sie weint und weint und weint. Befreit sich aus ihrer emotionalen Starre, indem sie ihren Tränen freien Lauf lässt: »Ich schaffe es nicht, die Kontrolle über sie zu gewinnen. Jetzt, wo sie erst einmal die Erlaubnis bekommen haben, kommen sie, wann immer sie wollen. Aber das ist mir egal.« Und sie denkt noch mal an die Worte ihres Vaters zurück: »Tränen sind Gedanken, die wir nicht in Worte fassen können.«

Dekko gelingt es, nicht nur die tiefen Gefühle und den Witz auszudrücken, sondern hat auch ein Gespür für die Zwischentöne, die leichten Veränderungen, die sich in die eine oder andere Richtung neigen. Das macht den Roman trotz aller heftigen, aufwühlenden Emotionen zu einem dennoch leisen, feinfühligen Buch, das auf mehreren Ebenen berührt. Und zu einem positiven, das die Verdrängungen auflöst, das brutale Trauma des viel zu frühen Tods ihres Vaters, und das Mädchen wieder ins pralle Leben gleiten lässt.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Espen Dekko: Sommer ist trotzdem
(Tårer forandrer ingenting, 2018), übersetzt von Karoline Hippe
Stuttgart: Thienemann Verlag 2020
208 Seiten, gebunden, 204 Seiten, 13 Euro
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