Für immer

Jugendbuch | Nataly Elisabeth Savina: Meine beste Bitch

Freundschaft ist etwas Besonderes und das Gefühl, sich auf einen Freund oder eine Freundin wirklich verlassen zu können gehört dazu. Faina hat mit Nike so eine Freundin gefunden. Schön. Aber nicht ohne Risiko. Von ANDREA WANNER

Meine beste BitchSelten wagen Jugendbücher schon mit dem Titel eine Grenzüberschreitung. »Bitch« ist sicher nicht das, was man gemeinhin als Erstes mit der besten Freundin assoziiert. Nike und Faina verwenden ihn so. Und kennzeichnen sich damit gleichzeitig als lebenshungrige, aufmüpfige junge Frauen. Auch wenn es dorthin zunächst noch ein weiter Weg ist.

Faina leidet unter Panikattacken. Das sensible Mädchen hat einen Angriff auf ihre Mutter, eine Psychologin, nicht verwunden und lässt auch sonst das Leben zu nah an sich heran. Schweißausbrüche, Hautausschläge, Angstgefühle – alles wird besser, als sie die ein Jahr ältere Nike mit den grünen Augen kennenlernt. Eine Freundin eben. Auch wenn Nike, die alles über Faina weiß, von diesem Problem nichts erfährt.

Die Zukunft wartet in Berlin. Für Nike, irgendwann 18 und das Abitur in der Tasche, ein Jahr früher als für die 17jährige Faina. Dort kann das Leben beginnen. Auch wenn Faina es schon vorher nicht mehr ganz so schlecht findet, als sie sich in Julian verliebt. In Berlin toben sie sich aus. In der Kunst, mit Alkohol und Drogen, voller Gier nach allem, was es zu erleben gibt. Nur das Glück gehört nicht zu den Dingen, die sie finden.

Nataly Elisabeth Savina, in Riga geboren und in Finnland und Deutschland aufgewachsen, als eines der »Besten 7 Bücher für junge Leser« in der Liste des Deutschlandfunks ausgezeichnet. Für ›Love Alice‹ bekam sie den Peter-Härtling-Preis. Auch ›Meine beste Bitch‹ gehört zu den besten 7 im Monat Januar 2019. Man weiß nach wenigen Seiten warum. Savina hat eine ganz eigene Stimme gefunden, eine ganz eigene Melodie und einen eigenen Rhythmus für diese Geschichte vom Erwachsenwerden. Gefühle – Angst, Wut, Liebe, Mitgefühl, Ratlosigkeit, Zorn … – prasseln scheinbar ungefiltert beim Lesen auf einen ein. Unmittelbar und gefühlt ohne jegliche Distanzierung wird das, was Faina erlebt, den Leserinnen und Lesern präsentiert. Dabei Fainas Stimme, das erzählende Ich, durchaus an manchen Stellen zaghaft und leise, suchend und voller Zweifel.

Die Geschichte entwickelt schnell einen ungeheuren Sog. Sie droht nicht nur Faina, sondern auch die Leserinnen zu verschlingen. Dominant und bestimmend scheinen alle weiblichen Figuren um Faina herum: die Mutter, die immer kümmernd und sorgend übergriffig in Fainas Leben eingreift; Nike, voll ungeheurem Tatendrang und Aktionismus, und immer auch mit einem guten Rat für Faina. Die Männer dagegen wirken passiv, abwesend. Fainas Vater, der die Familie verlassen hat, ebenso wie Julian, der seine eigenen Pläne verfolgt. Nur Achim, Fainas Schulfreund, ist eigentlich immer für sie da. Aber als ihm klar wird, dass sie Julian liebt, zieht sich Achim zurück. Was Faina selbst will, für sich, ihre Zukunft, muss sie erst herausfinden. Und einfach wird das nicht.

Man muss sich auf diese Geschichte einfach einlassen, dann trägt sie einen durch wilde chaotische Tage, die Faina erlebt. Beim Lesen gewinnt man nach und nach die Distanz, die die junge Frau selbst auch braucht, um herauszufinden, was für sie das Richtige ist. Savina drosselt genau an den richtigen Stellen das Tempo, stellt den Kapiteln Zitate und Songtexte voran, und bringt ihre Protagonistin in immer neue Situationen, die manchmal so krass sind, dass beim Lesen allmähliche eine gewisse Distanzierung stattfindet.

Der Weg, den Faina und Julian wählen, ist die Kunst. Die Frage, ob originelle Kunst und wirklich Neues noch möglich sind, wird mit einer Dringlichkeit thematisiert, die die dahinterstehende Verzweiflung spüren lassen. Gibt es denn gar nichts Neues, Unverbrauchtes, Echtes? Ist wirklich alle schon gedacht, gesagt, gesungen, gemalt, ausprobiert und erfunden worden? Die Spielräume sind enger geworden, wer die noch vorhandenen nutzen will, muss sich etwas einfallen lassen.

Am Ende erliegt Savina dann doch der Versuchung, einem zunächst dramatischen Ende ein versöhnlicheres, nicht ganz unsentimentales folgen zu lassen. Nötig wäre das nicht gewesen. Das Überraschende, Ungestüme und Besondere, was den Rest des Buches prägt, hätte nicht gezähmt werden müssen. Es bleibt: eine gewisse Ratlosigkeit, die zum Leben gehört. Es bleiben Fragen. Und ein lesenswertes Buch.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Nataly Elisabeth Savina: Meine beste Bitch
Frankfurt: Fischer 2018
281 Seiten, 16 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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