Liebe lernen

Jugendbuch | Nadia Marfaing: Leander sieht Maud

Liebe ist schön. Liebe ist richtig. Wer liebt hat recht und macht alles richtig. So lautet die Botschaft, die sowohl lautstark als auch unterschwellig für die Beziehungen unter Menschen Geltung hat. Aber stimmt sie wirklich? Hat recht, wer liebt? Gibt Liebe Rechte? Nadia Marfaing lässt in ihrem Jugendroman ›Leander sieht Maud‹ eine sechzehnjährige blinde Protagonistin und den Jungen, der sie liebt, durch eine Gefühlshölle gehen, damit sie lernen, was Liebe wirklich ist. Von MAGALI HEISSLER

752-3_cover_leander_sieht_maud_350Leander und Maud gehen in die gleiche Klasse, mehr Gemeinsamkeiten gibt es aber nicht. Maud ist schön, sie ist wild, sie wird von allen umschwärmt. Leander ist für sie nur der Knirps, wenn sie ihn überhaupt einmal bemerkt. Leander leidet, er liebt Maud, seit er sie zum ersten Mal gesehen hat.

Dann geschieht das Unglück, Maud fährt betrunken mit ihrem Moped in den Straßengraben. Sie überlebt den Unfall, aber sie wird für den Rest ihres Lebens blind sein. Für die anderen geht das Leben weiter. Leander aber kann Maud nicht vergessen. Also macht er sich auf zu ihr, fest entschlossen, sie von seiner Liebe zu überzeugen und alles für sie zu tun. Aber ebenso wenig, wie Leander mit Mauds Reaktion gerechnet hat, hat Maud mit Leander gerechnet. Überhaupt haben die beiden grundfalsch gedacht. Das wird ihnen erst klar, als es noch einmal um Leben und Tod geht.

Klare Sache

Die Geschichte spielt zwischen April 1976 und dem Frühling des folgenden Jahrs. Warum Marfaing so genau datiert, ist nicht ganz verständlich, die Probleme, die sie diskutiert, sind grundsätzlicher Art, zeitunabhängig. Leander ist ein junger Liebender mit einer Mission. Er wird seine Prinzessin erobern und glücklich werden mit ihr bis ans selige Ende. Klare Sache für Leander.Was er vorfindet, ist allerdings keine zarte, sanft leidende Blinde, die ihm dankbar ist, sondern ein tiefunglückliches und schrecklich wütendes Mädchen, ungewaschen, fluchend, trotzig, Maud kratzt und beißt. Leander, zum ersten Mal vor ein Problem gestellt, das nicht nur Teenager überfordert, reagiert auf Gewalt mit Gegengewalt. Mauds »Knirps« und »alter Trottel« folgt umgehend »Zicke« und »alte Großmutter«. Dabei bleibt es nicht, denn Leanders Liebe ist keineswegs nur anbetender Art. Er begehrt Maud und so gewöhnt er sich an, was er vorher höchstens zu träumen gewagt hat. Er zwingt Maud seine Küsse auf. Ebenso zwingt er sie ins Schwimmbad und aufs Tandem.

Marfaing zeigt die innere Logik dieser »Liebesbeweise« ebenso unerbittlich, wie sie romantische Märchen von der Heilungskraft der Liebe entlarvt. Leiden tun beide Hauptfiguren, die Klischees, die dabei auch den Leserinnen unter die Nase gerieben werden, wecken Hoffnungen. Sie sind falsch, Maud ist unheilbar blind. Das ist eine so klare Sache, dass sie kaum zu ertragen ist, auch nicht für die Leserinnen.

Kriegsgebiet

Marfaing schreibt knapp, im Teenagerjargon, der nur wenig gemäßigt ist. Maud und Leander sind im Krieg, das hört und fühlt man. Wie im Krieg müssen sie sich über ihre wahren Motive klar werden und die sind alles andere als edel. Abhängig machen, Hilflosigkeit ausnützen, ein Held sein auf einem Schauplatz, auf dem de facto kein anderer kämpfen will, diesen Vorwürfen muss sich Leander stellen.

Aber auch Maud lügt, ihre Bemühungen, mit dem neuen Leben zurechtzukommen, sind nicht ehrlich. Sie will nicht damit zurechtkommen, sie will dieses Leben nicht. Und ganz bestimmt nicht mit Leander. Sie bewegen sich in vermintem Gebiet, in Schützengräben, ihr Leben ist Kriegsgebiet, mit Waffenstillständen und zaghaften Friedensangeboten bis zum nächsten Sperrfeuer.

Hinter der Front müssen sie mit all den Problemen fertig werden, die auch andere Teenager befallen. Auseinandersetzung mit Eltern, Körperlichkeit und Sexualität, Fragen, wie ihr zukünftiges Leben aussehen soll. Am Ende müssen sie zuerst sich selbst stellen, ehe sie Gemeinsames wagen. Liebe ist eben ganz anders.
Marfaing kennt sich aus mit dem Thema Blindsein, sie setzt sich ein für die Förderung des Braille-Lesens gegen den Analphabetismus bei Blinden. Dementsprechend sind die Kapitelüberschriften in einer Nachahmung von Brailleschrift darunter in Punkten gesetzt. Über diese ›halbe‹ Übersetzung kann man streiten.

Nicht streiten kann man über den Buchinhalt. Marfaing ist schonungslos in der Analyse und zugleich rundum zärtlich im Umgang mit ihren gebeutelten Figuren. Nicht wenige Situationen und Fragen, die sie unbarmherzig aufwirft, sind schmerzhaft. Der Blick wechselt von außen nach innen und wieder zurück, eine heikle Technik, zumal für einen Debütroman. Dass auch das gelingt, grenzt schon an ein Wunder. Die Geschichte von Leander und Maud ist in jeder Hinsicht eine ganz besondere Geschichte.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Nadia Marfaing: Leander sieht Maud
2012 Liber et Maud, übers. von Ingrid Ickler
München: Knesebeck 2014
178 Seiten, 14,95 Euro
Jugendbuch ab 15 Jahren

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